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„…ähm, ich war auf der Bühne und M. hat hinter mir gestanden und war mein Echo…“ – Innerlich kringele ich mich fast vor Lachen, so sehr freue ich mich, dass meine Selbsteinschätzung so dermaßen mit der Außenwahrnehmung eins ist. Beides ist jetzt ziemlich deckungsgleich. So lässt sich mit der Außenwelt kommunizieren. Es ist alles goldrichtig, wie es ist.
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Eine Freundin und ich sitzen gemütlich am Kaffeetisch und tauschen uns über unsere beruflichen Wünsche und Ziele aus, die deutlich in Richtung Selbstverwirklichung gehen. Gerade habe ich ihr von meinen Zukunftsplänen erzählt und was und wie die nächsten Schritte sind. Nämlich erstmal mehr Beschäftigung mit Selbst-Marketing und –Präsentation. Damit will ich auf der Bühne des Lebens stehen und vor allem beruflich mehr in meine Präsenz kommen. Ich will selbstständig sein, wenigstens teilselbständig. Ich will schreiben und sprechen. Und ich will damit auch mal vor einem – wie auch immer gearteten – Publikum rüberkommen können. Und ich will diese Ziele auch in meinem jetzigen Job umsetzen können, wenn ich nach der Elternzeit wieder einsteige. Auch das ist die Bühne des Lebens.

In dem spürbaren Wunsch, mich zu ermuntern und gleichzeitig bereits jetzt erzielte Erfolge besser wertzuschätzen, erwähnt sie den internen bunten Abend während unserer Ausbildung, an dem M. mein Gedicht vorgetragen habe. Und dass das doch schon super sei, dass ich mich damit an die Öffentlichkeit getraut hätte. Das nächste Mal würde ich auch selber auf die Bühne treten damit… – „…ähm, ich war auf der Bühne und M. hat hinter mir gestanden und war mein Echo…“ – „Äh, wie, du warst da…? Das muss ein anderes Mal gewesen sein. Daran würde ich mich doch erinnern… äh, wie jetzt…???“ Sie blinzelt verwirrt.

Ich platze fast innerlich vor Lachen und könnte sie gerade knutschen!!! Noch habe ich Hemmungen, das auch tatsächlich zu tun. Aber es wird. Immer. Besser.

Ein allein gelassenes Herz
Neigt zu ziellosem Umherziehen
Suchend richtet es sich hierhin, dorthin
Und kommt doch niemals richtig an

Bestenfalls
Ziehen andere einen Nutzen daraus
Während das suchende Herz
Immer hungriger wird

Erst wenn es Weggesellen findet
Die einander die Hände reichen
Kann aus ziellosem Schweifen
Eine Wanderung werden
Kann aus dem Suchen
Ein Finden werden
Kann aus Geben und Nehmen
Echte Liebe strömen

In den letzten Jahren, seit auf meiner Arbeit ein System eingeführt wurde, das eine Bonuszahlung an gemeinsam festgelegte zu erreichende Ziele und individuelle Leistung koppelt, macht mir diese jährliche Zielvereinbarung Bauch- und Kopfweh. Ich merke, ich habe ein Problem mit Zielsetzungen, nicht nur mit meiner sich verwandelnden Lebensvision. Sie verursachen mir unangenehmen Leistungsdruck und Stress für Aufgaben, die ich vorher aus eigenem Antrieb in mehr als gewissenhafter Weise gerne erfüllt habe. Als kleines Licht in der großen Wirtschaftswelt schwimme ich zunächst mit dem Strom und blende diese Zielsetzungssache weitestgehend aus.

Weitestgehend. Denn immer wieder beschäftigt es mich gedanklich, diese Sache mit den Zielen, dieses in meiner Sicht beschränkte Leistungsdenken, das ganze System, das mir bigott und daher abstoßend vorkommt, weil in den Firmenphilosophien häufig von individueller Wertschätzung und Förderung die Rede ist und der Mensch angeblich im Mittelpunkt steht, letzten Endes aber doch bloß Leistung und Zahlen bewertet werden. Naja, und dann ist da ja auch diese persönliche Note, diese persönliche Abneigung gegen Ziele… Ich sehe mich selber gerne in dem Licht, zu schauen, was das Leben und der Tag mir so bringen und dann daraus etwas zu machen. Ein etwas mäanderndes und amöbenhaftes Lebensgefühl, in dem ich die Qualität der Akzeptanzfähigkeit sehe. Ich denke, ich kann von mir sagen: Ich habe keine Ziele. – Denke ich…

…und dann…

Das Kreuzworträtsel eckt bei mir an. Missgunst mit vier Buchstaben gesucht.
Widerwillig trage ich ein: NEID.
Woher kommt dieser Widerstand?

Das Herz meldet sich.

Missgunst – das Wort sagt es bereits – nicht gönnen; etwas als gut Bewertetes dem anderen nicht gönnen, ein Gift für die Seele und die Atmosphäre.

Neid – ein Was-der-andere-hat-bewerte-ich-als-gut-und-will-sowas-auch-haben/sein/können, ein Wunschkatalysator also, ein Wegweiser und Antrieb.

Herz sagt: Manchmal gehen Missgunst und Neid Hand in Hand, das kann wohl vorkommen. Aber sie sind auf keinen Fall deckungsgleich.

Natürlich wird bei mir gleich mal wieder die Selbstanalyse angekurbelt. Hm, wirklich missgünstig bin ich sehr selten. Aber neidisch bin ich wohl schon manchmal. So ein Wegweiser hat ja irgendwie auch ein Ziel im Sinn… Das Ich meldet sich damit zu Wort und das ist doch eigentlich ganz gut so.  Habe ich vielleicht doch Ziele? Immerhin beginne ich damit, diesen Gedanken ganz langsam zu akzeptieren.

Aus Zeitmangel gerät das Ziel, über Zielsetzungen klarer zu werden, immer wieder aus dem Fokus. Doch es ploppt immer mal wieder auf. Mindestens einmal im Jahr…

04.11.2015

Als interessierte Leserin bekomme ich regelmäßig die Neuveröffentlichungen des Carl-Auer-Verlages zugeschickt. Ein Titel hat mich dort besonders assoziativ angesprochen, ohne dass ich das Buch dazu gelesen hätte und auch nicht weiß, ob ich je dazu kommen werde. Der Titel lautet: Bitte nicht helfen! Es ist auch so schon schwer genug. In der letzten Zeit ist er mir wieder vermehrt in den Sinn gekommen. Gerade, weil ich momentan eine Freundschaft sehr hinterfrage und reflektiere, steigt diese Phrase immer wieder in mir auf. Was wird da laufend in mir angetriggert, das diese Freundschaft so anstrengend macht? Was hat damals meine Sympathie und Öffnung für diesen Menschen bewirkt? – Ich spüre hin. Es hat etwas mit der Suche nach Gleichgesinnten, nach Seelenverwandten, zu tun, soviel ist klar. Dann wird es schwieriger und schwammiger. Es hat auch etwas mit helfen Wollen zu tun…etwas zum Guten wenden…zu einer Entwicklung beitragen…. Jeglicher wohl gemeinte Ansatz kommt verdreht und verzerrt bei diesem Menschen an und führt eher noch zu einer Verschlimmerung der Lage. Das wird sehr stark widergespiegelt, sodass ich häufig genug meinen Fuß nur in letzter Sekunde aus der Rechtfertigungsfalle ziehen kann und einmal mehr frustriert das Gefühl habe, gegen eine Wand gelaufen zu sein. Das Letztere ein Gefühl, das ich von ziemlich klein auf kenne. Ganz langsam, wirklich in Trippelschritten, lerne ich nun doch dazu. Ich beginne, bei jedem Hilfeimpuls innezuhalten und mich zu fragen, was mich da gerade wieder angetriggert hat, wofür ich das gerade mache, was ich damit zu bewirken beabsichtige, ob ich es wirklich tun sollte, ob meine Intention auch wirklich klar und rein ist und entsprechend rüberkommen kann, ob ich Erfolg für mich erwarte, oder wirklich frei von Erwartungen und offen für Entwicklung bin. Ein sehr mühseliges Geschäft. Das Wort Helfersyndrom spukt durch meinen Kopf. Was macht echtes Helfen WIRKLICH aus? – Eine Nuss, die es für mich noch zu knacken gilt. Eine Nuss, die meine Lebensträume und –visionen in Frage stellt…

02.11.2015


Update April 2016
Mittlerweile ist ICH etwas gefestigter und klarer abgrenzungsfähig. Doch es bleibt bei mir die Frage: Was macht die Qualität des Helfens eigentlich aus? Wie ist das bei Euch so? Wie seht Ihr das? Ich würde mich über Kommentare freuen!