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die selbsterkenntnismaschine schläft

Wie ein Medikament das Wesen verlangsamt

Wie es ist, nicht ständig Selbsterkenntnisse zu haben und diese in sich wirken zu spüren, das kann ich gerade erkunden. Vielleicht ist das der Sinn der jetzigen Episode unter meinem Medikament, dem Wirkstoff Aripiprazol. Es ist ein bisschen wie ein Loch, in das man nach getaner Arbeit fällt. Das Lernen für die große Prüfung oder die Vorbereitungen für ein größeres Projekt auf der Arbeit sind vorbei. Was tun mit der freien Zeit? Es ist auch ein bisschen wie Liebeskummer. Die Zeit, die man sonst mit seiner/seinem Liebsten verbracht hat, ist nun weg. Die Erinnerung bleibt. Um nicht in diesem Mangelgefühl hängen zu bleiben, konzentriere ich mich möglichst auf das, was ich bereits erlangt habe. Und die Zeit lässt sich zumindest teilweise mit Aufarbeiten der oft viel zu schnell erlangten Selbsterkenntnisse füllen. Es tut ganz gut, dass ich in den eigenen Gedichten und Texten nachlesen kann, was zu einem gewissen Zeitpunkt gerade da war und noch immer wirkt. Die größte Herausforderung ist und bleibt die Selbstliebe während der Medikamenteneinnahme. Es tut schon sehr weh, zu sehen, wie sehr sich der Schreibstil verändert oder zu spüren, dass die Poesie nicht mehr so sprudelt. Die Kreativität allgemein erlahmt, etwas mit dem ich sehr identifiziert bin. Immer wieder ist es das energetische Klopfen, das mir dabei weiterhilft, in der Selbstliebe zu bleiben.

Ein anderer Punkt ist, den „Winterschlaf“ zu nutzen, um mich fortzubilden. Das fällt mir in dieser Zeit zwar auch schwerer als in der Aktivität des „Sommers“, aber es ist nicht unmöglich.

Einen kleinen Fortschritt gibt es im Alltagsleben: Zumindest habe ich in der Sache des zeitweisen Medikamentengebrauchs nun ein Zugeständnis meines neuen Arztes. Er hat mir zugesagt, dass er mich dabei begleiten würde, sollte ich einmal wieder das Medikament absetzen wollen. Wie diese Begleitung im konkreten Falle aussehen wird, steht auf einem anderen Blatt. Aber es ist ein kleiner Schritt nach vorne. Ich konnte aufrichtig bleiben, zu meiner Meinung stehen und es ist positiv ausgegangen. Der Kopf ist noch dran. Vielleicht ist das ja auch eine Art Ernte des langwährenden Prozesses von Selbsterkenntnissen und deren Integration in das Gesamtsystem meines Wesens. Eine Art Charakterbildung.