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Die Auseinandersetzung mit meinem Verhaltensmuster, mir immer wieder die hartnäckigsten, therapieresistenten/-allergischen Menschen in mein Leben zu holen, hat mich an einen Gedankenknoten gebracht.

Ich glaube, es ist ein in unserer Gesellschaft immer noch recht weit verbreitetes Selbst-Missverständnis: zu geben, was man selbst braucht.

Ich gebe oder habe bis vor kurzem das gegeben, was ich brauche…Akzeptanz. Das Gefühl, angenommen zu sein in meinem So-Sein. Und dieses Missverständnis hat zum nächsten Missverständnis geführt: ebendiese Akzeptanz als Mitgefühl zu verstehen. Ein ganzer Strudel ungünstiger Verwirrungen entsteht daraus, der mich da in eine Co-Abhängigkeit zieht.
Jetzt schlagen meine inneren Spürhunde an. Da liegt der Hase im Pfeffer. Ich werde neugierig. Was ist eigentlich Mitgefühl? Und was genau macht Co-Abhängigkeit aus?

Die Recherche im Internet, um eine für mich schlüssige Definition von Mitgefühl zu finden, ist nicht besonders ergiebig. Auch in Büchern, die mir zu der Thematik einfallen, finde ich nichts. Bis mir ein Buch in den Sinn kommt, das wir gemeinsam in dem Lesekreis, in dem ich bin, gelesen haben. Die Integrale Lebenspraxis. Damals kam es uns oft in vielen Punkten überheblich und selbstgefällig vor, aber beim Wiederlesen entdecke ich viele Kostbarkeiten, die mit einem wertfreieren Blick gelesen einfach gute Anregungen bieten, ohne den Anspruch eines totalitären Gebots.

Im Bereich über Integrale Ethik wird zwischen männlich und weiblich konnotierten Anteilen von Mitgefühl unterschieden:
„Wir sorgen für uns selbst und andere, nicht für andere statt für uns selbst.“ (Integrale Lebenspraxis S. 331, S. 336 f.) Integrale Ethik praktizieren heißt: imstande sein, je nach Anforderungen der Situation sowohl männliches als auch weibliches Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen. Weibliches Mitgefühl: Akzeptanz, Fürsorge, Zuwendung, Liebenswürdigkeit; männliches Mitgefühl: klar urteilen, Herausforderungen begegnen, Grenzen setzen, schonungslos aufrichtig sein – alles motiviert durch Liebe.

Wichtig ist es zu verstehen, dass in jedem von uns, egal ob Mann oder Frau, männliche und weibliche Anteile vorhanden sind und diese idealerweise in einem Tanz miteinander zu sehen. Eine Zuordnung von Eigenschaften als männlich oder weiblich eckt mal wieder bei mir an, aber damit werde ich mich später mal beschäftigen.

In den weiblichen Anteilen kann ich mich gut wiederfinden, damit bin ich ok. In den männlichen Anteilen entdecke ich viele Schatten bei mir. Auch wenn ich einige dieser Eigenschaften in mir wahrnehme, funkt immer wieder eine kritische Stimme dazwischen. Diese Stimme versagt mir die Erlaubnis, die Eigenschaften zu leben oder auch nur an sie zu denken. Hm, sehr interessant…

Zum Thema Co-Abhängigkeit werde ich im Internet besser fündig. Allerdings beschränken sich die gängigen Seiten meistens auf den klassischen Ursprung dieses Begriffs, nämlich der Arbeit mit Suchtkranken und ihren Angehörigen. Eine Seite aber spricht mich besonders an – der Autor geht zunächst sprachlich an das Thema heran. Er diskutiert den deutschsprachigen Begriff der Co-Abhängigkeit, da er eine Schuldzuweisung an die Angehörigen vermittelt. Außerdem verweist er auf zwar veraltete Konzepte anderer Autoren, die aber eben den Ansatz verfolgen, die Angehörigen in die Behandlung von Suchtkranken miteinzubeziehen. Integrative Konzepte also. (Quelle: www.co-abhaengig.de, Jens Flassbeck) Letzten Endes geht es jedoch immer irgendwie um Beziehungen. Und so kann ich die Informationen in andere Bereiche übertragen.

Wenn ich jetzt den Transfer wage, und den Begriff Sucht (im klassischen Sinn) zum Beispiel durch Unglücklichsein oder Problemtrance ersetze, lässt sich dieses Konzept wunderbar auf andere Beziehungsgeflechte und Krankheits-/Störungsbilder übertragen.

Auf einer anderen Seite wird es dann für mich noch greifbarer und konkreter beschrieben und eben dieser Begriff von Sucht geweitet:
„Coabhängige sind süchtig nach Kontrolle und Bestätigung. Da sie nicht gelernt haben, sich selbst zu lieben, sind sie nicht in der Lage, es Anderen zu überlassen, ob sie sie mögen oder nicht, sondern versuchen, Liebe und Bestätigung herbeizumanipulieren. Der grundsätzliche Irrtum, dem Coabhängige erliegen, ist zu glauben, dass Liebe kontrollierbar und herbeimanipulierbar sei. Ihre Aufmerksamkeit ist so sehr damit beschäftigt, bewusst oder unbewusst zu kontrollieren, was ihr Gegenüber fühlen, denken, tun oder lassen soll – oder auf keinen Fall fühlen oder denken soll – , dass der Kontakt zu den Gefühlen im eigenen Körper so gut wie abgestorben ist. Wenn sich das Gegenüber nicht so verhält, wie sie es gerne hätten, sehen sie dies als ihr persönliches Versagen an.“ (Quelle: www.sein.de, Elke Jari)

Wow, das haut rein bei mir. Da kommt etwas aus seiner Höhle herausgekrochen… Das muss alles erstmal sacken…

Er hat mich zum Gespräch gebeten. Er macht sich Sorgen, weil ich wieder angefangen habe zu schreiben. Er will, dass ich mit ihm spreche. Ihm das mitteile, was in mir vorgeht. Er hat Sorge, dass „es“ wieder losgeht. Seine Alarmglocken gehen schnell an. Bei jeder Regung von Lebensfreude in mir, bei jedem Fließenlassen von Ausdruck, wie zum Beispiel Schreiben. Seine Psycho-Allergie macht es nicht leichter, mich ihm mitzuteilen. Seine Abwehrkräfte sind so schnell aktivierbar. Zu einem Teil aber kann ich seine Sorge verstehen. Auch ich beobachte mich. Gehe Körperempfindungen durch, gehe meine persönliche Anti-Psychose-Checkliste durch. Versuche, eine Ausgewogenheit zu finden von expressiver Äußerung, z.B. Schreiben, Alltagsgelebe, Ruhepausen und gemeinsam verbrachter Zeit.
Ich lasse mich ein. Erkläre ihm die Gedankengänge, die ich niederschreibe, um sie für mich klarer zu kriegen. Erkläre, woher manch ein Gedankenfragment, ein Gefühl, herkommt, dass ich manchmal hinterfrage. Zum Beispiel über das Helfenwollen und die wirklichen Motive zum Helfen. Gehe in meine Kindheit und versuche, es ihm aufzurollen. Noch während ich rede, macht sich ein resignierendes Gefühl in mir breit, doch ich versuche es weiter. Sein Gesichtsausdruck und seine Reaktionen verraten mir, dass er meine Not, meine Unzufriedenheit hinter dem Ganzen nicht so recht erfassen kann; doch ein Hauch kommt bei ihm an. Und er gibt mir etwas ganz Kostbares: ein Feedback, wie er mich sieht. Dass er keine Notwendigkeit sieht für meine Weiterentwicklung. Dass ich gut bin, so wie ich bin. Ich sehe seine Selbstauskunft in dem Feedback. Aber ich nehme es an. Eine unerwünschte Analyse seiner Worte würde seine Psycho-Allergie aktivieren. Damit wäre keinem von uns geholfen. Ich schaue auf die liebevolle Seite seiner Äußerungen und das Spiegelbild seiner Außenwahrnehmung von mir und öffne das Beziehungs- und Sachohr weiter: es zeigt mir, dass ich dabei bin, mich in meinem Perfektionismus zu versteigen. Dass ich wieder in dem Film der harten Selbstkritik und zu großen Ansprüche gefangen zu werden drohe. Erschöpft beenden wir das Gespräch einvernehmlich, packen die schweren Themen beiseite und beschließen, nun den Feierabend zu genießen.


Das Gespräch wirkt nach. Zwei Tage später erinnere ich mich daran, wie ich mich vor einiger Zeit mit einem positiven Schatten befasst habe: der nur schwach ausgeprägten aggressiven Seite, die zu mangelhaftem Durchsetzungsvermögen führt – meine verdammte Sanftmut. Segen und Fluch in einem. In einem Ritual hatte ich mich doch dafür entschlossen, für sie zu gehen, sie anzunehmen als den Schatz, der sie auch ist. Irgendwie hatte ich das wieder vergessen. Mit diesem Blickwinkel kann ich auch die anderen Selbsterkenntnisse entspannter und erwartungsfreier sehen.
Der herausgenommene Druck erleichtert und entspannt die Kommunikation zwischen ihm und mir (und mir und mir).
Ich bin dankbar für die Erdung, bin meinem Fels in der Brandung dankbar. Und das sage ich ihm auch.