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Er hat mich zum Gespräch gebeten. Er macht sich Sorgen, weil ich wieder angefangen habe zu schreiben. Er will, dass ich mit ihm spreche. Ihm das mitteile, was in mir vorgeht. Er hat Sorge, dass „es“ wieder losgeht. Seine Alarmglocken gehen schnell an. Bei jeder Regung von Lebensfreude in mir, bei jedem Fließenlassen von Ausdruck, wie zum Beispiel Schreiben. Seine Psycho-Allergie macht es nicht leichter, mich ihm mitzuteilen. Seine Abwehrkräfte sind so schnell aktivierbar. Zu einem Teil aber kann ich seine Sorge verstehen. Auch ich beobachte mich. Gehe Körperempfindungen durch, gehe meine persönliche Anti-Psychose-Checkliste durch. Versuche, eine Ausgewogenheit zu finden von expressiver Äußerung, z.B. Schreiben, Alltagsgelebe, Ruhepausen und gemeinsam verbrachter Zeit.
Ich lasse mich ein. Erkläre ihm die Gedankengänge, die ich niederschreibe, um sie für mich klarer zu kriegen. Erkläre, woher manch ein Gedankenfragment, ein Gefühl, herkommt, dass ich manchmal hinterfrage. Zum Beispiel über das Helfenwollen und die wirklichen Motive zum Helfen. Gehe in meine Kindheit und versuche, es ihm aufzurollen. Noch während ich rede, macht sich ein resignierendes Gefühl in mir breit, doch ich versuche es weiter. Sein Gesichtsausdruck und seine Reaktionen verraten mir, dass er meine Not, meine Unzufriedenheit hinter dem Ganzen nicht so recht erfassen kann; doch ein Hauch kommt bei ihm an. Und er gibt mir etwas ganz Kostbares: ein Feedback, wie er mich sieht. Dass er keine Notwendigkeit sieht für meine Weiterentwicklung. Dass ich gut bin, so wie ich bin. Ich sehe seine Selbstauskunft in dem Feedback. Aber ich nehme es an. Eine unerwünschte Analyse seiner Worte würde seine Psycho-Allergie aktivieren. Damit wäre keinem von uns geholfen. Ich schaue auf die liebevolle Seite seiner Äußerungen und das Spiegelbild seiner Außenwahrnehmung von mir und öffne das Beziehungs- und Sachohr weiter: es zeigt mir, dass ich dabei bin, mich in meinem Perfektionismus zu versteigen. Dass ich wieder in dem Film der harten Selbstkritik und zu großen Ansprüche gefangen zu werden drohe. Erschöpft beenden wir das Gespräch einvernehmlich, packen die schweren Themen beiseite und beschließen, nun den Feierabend zu genießen.


Das Gespräch wirkt nach. Zwei Tage später erinnere ich mich daran, wie ich mich vor einiger Zeit mit einem positiven Schatten befasst habe: der nur schwach ausgeprägten aggressiven Seite, die zu mangelhaftem Durchsetzungsvermögen führt – meine verdammte Sanftmut. Segen und Fluch in einem. In einem Ritual hatte ich mich doch dafür entschlossen, für sie zu gehen, sie anzunehmen als den Schatz, der sie auch ist. Irgendwie hatte ich das wieder vergessen. Mit diesem Blickwinkel kann ich auch die anderen Selbsterkenntnisse entspannter und erwartungsfreier sehen.
Der herausgenommene Druck erleichtert und entspannt die Kommunikation zwischen ihm und mir (und mir und mir).
Ich bin dankbar für die Erdung, bin meinem Fels in der Brandung dankbar. Und das sage ich ihm auch.

Egoist! Schimpft der Vater gerne über dieses oder jenes. Das Kind versteht nicht. Was ist ein Egoist?, fragt es nach. Ein Ich-Mensch, erklärt der Vater. Jemand, der nur an sich denkt. Das Kind möchte ein liebes Kind sein. An sich denken ist nicht lieb. Das Kind gibt sich große Mühe, sich zu vergessen. Lange Zeit mit Erfolg. Sanft, leise, aber beständig protestiert das Herz. Der Vater kann sich doch nicht irren?!
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Das heranwachsende Kind spürt einen beständigen, bohrenden Schmerz. Es beobachtet und denkt nach: die Menschen, die oft über Ich-Menschen schimpfen, schimpfen doch eigentlich, weil sie sich durch diesen Egoismus irgendwie bedrängt oder verletzt fühlen. Also denken diese Menschen ja auch an sich und sind selber und noch viel mehr als die anderen Ich-Menschen. Es spürt: Irgendetwas ist da faul an dieser Sache. Etwas setzt sich in Bewegung. Der Vater muss sich geirrt haben. Doch noch immer ist Ich-Mensch-Denkerei sehr negativ belegt für das heranwachsende Kind.
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Der ist so egoistisch, hört die Frau. Sie muss bitter lächeln. Die Worte kommen aus dem Telefon. Immer wieder. Alle anderen sind egoistisch, weil sie keine Rücksicht auf SIE nehmen, der Sprecherin nicht den Platz anbieten, den sie sich selbst nicht zugesteht. Die Frau denkt an ihren Vater und erkennt: Egoismus ist Selbstfürsorge, Selbstliebe. Der Vater hat sich geirrt!
Das Herz spürt: irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Die Kunst liegt in der Balance. Und in der Brille, die der Betrachter aufhat.

Ein Leben wie freihändig Fahrrad Fahren
Den Schal immer flatternd hinterher
Die Balance halten in all den Jahren
Damit es rollt, immer mehr
Das Rad dreht sich, und ich dreh mich mit
Manchmal halt ich mich am Lenker fest
Der Himmel ist blau und die Wolken ziehen schnell
Und ich schau dorthin, wo du gerade stehst
Erst durch dich kann ich mich richtig sehen
So bin ich und so bin ich nicht
Aber das verschwimmt alles in den tiefen Seen
Des Bewusstseins tiefes Licht
Grenzen ziehen und Grenzen lösen
Schreiend, rufend, im freien Fall
Zieh ich die Schnürsenkel durch ihre Ösen
Damit ich sicher stehe, drunten im Tal