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Tag und Nacht

Tag-und-Nacht

Wir verbinden die Sonne mit dem Tag
Wie könnte sie da Freundschaft mit der sternenklaren Nacht nur schließen?
Geschieht die Trennung nicht nur durch unseren Standpunkt auf dieser Erde?
Ist es nicht wunderschön anzusehen, wenn sie sich die Hände reichen –
Morgens und Abends?
Macht das nicht erst das wundersame Zusammenspiel möglich –
Genau an dem Ort, genau zu der Zeit, wo wir uns gerade befinden?
Sind am Nachthimmel nicht Milliarden von Sonnen
Die wir durch der Atmosphäre Luft schimmern sehen?
Sie erst befreien die Nacht von absoluter Finsternis

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Gegensätze vereinen

Immer mal wieder ertappe ich mich dabei, dass ich schier Unmögliches von mir verlange. Zum Beispiel erwarte ich gerne mal von mir eine Erwartungslosigkeit, die ich Offenheit nenne.

Diese Paradoxie ist so absurd, dass ich direkt darüber schmunzeln muss. Und merke, wie ich sie ein bisschen kitzeln mag. A propos Erwartungen und Kitzeln, sofort fällt mir das gemeinsame gequälte Raunen im Kinosaal bei dem meisterhaften Ende von Inception ein. Dieses Raunen klingt mir gerade wieder im Ohr. Wie schön, dass nicht nur ich Erwartungen habe!

Erwartungen haben in gewissen Stadien auch etwas mit Beziehungen, mit Verbindungen, zu tun. Darüber sinniere ich gerade ein bisschen öfter nach. Ich freue mich festzustellen, dass ich Erwartungen habe…

Uns Menschen macht es wohl unter anderem aus, dass wir in der Lage sind, in verschiedenster Weise und auf verschiedenen Abstraktionsebenen Beziehungen herzustellen. Von ganz nah und gegenständlich bis ziemlich abstrakt. Das zeigt sich auch in unserer Sprache. Die Fähigkeit, eine Bezeichnung – ein Symbol aus Buchstaben – für Gegenstände oder Tätigkeiten, sogar für Gefühle, zu finden, die wir einigermaßen einheitlich in unserem kulturbedingten Wirklichkeitskonstrukt verwenden können, macht es uns möglich, uns über größere räumliche Distanzen auch ohne die räumliche Anwesenheit dieses Gegenstands zu verständigen. Tische können noch so unterschiedlich aussehen; wenn wir darüber reden, ist den meisten doch irgendwie klar, um was es da geht.

In unserer Veranlagung ist diese Beziehungs- und Abstraktionsfähigkeit ganz tief verankert. Das zeigt sich schon bei kleinen Kindern, wenn sie lernen, die Welt zu verstehen und sich zu verständigen. Bei „schau mal, da“ wird in sich weitenden Kreisen sehr schnell nicht mehr auf die Fingerspitze geschaut, sondern in die Richtung des Gezeigten. Um weiter zu gehen, benennen es die Erwachsenen dann näher, und so lernt das Kind immer mehr an Wörtern und Beziehungen in der Welt.

In meinem Empfinden wird das meiste Leid in unserer Welt und in uns selbst dadurch verursacht, dass unsere Fähigkeit, Beziehungen herzustellen, durch innere und/oder äußere Umstände in irgendeiner Form ver-/gestört wurde. Diese klaffende Lücke versuchen wir dann durch irgendwelche schrägen Ansichten auf die Welt und uns selbst auszugleichen. Und Weltsichten beeinflussen unsere Taten. Im schlimmsten Fall macht es unseren Blick und unsere Seele ver-rückt.

Diese Herumsinniererei führt mich an einen Punkt, wo ich sehr stark spüre, dass dieses Erwartungsding sehr eng mit dem Thema Co-Abhängigkeit zusammenhängt. Neben der Entwicklung eines besseren Abgrenzungsvermögens, was ich eher mit Enge verbinden würde, ist gleichzeitig auch eine Weitung erfahrbar.

Für mich begreife ich, dass Erwartungslosigkeit nichts damit zu tun hat, mir Erwartungen zu verbieten, sondern vielmehr, Erwartungen zuzulassen und wahrzunehmen. Erst dann ist es möglich, die Antwort des Lebens oder meines Gegenübers auf diese Erwartung, egal ob Ja oder Nein, zu umarmen. Und damit entsteht eine echte Offenheit.

Die Enge der Abgrenzung und die Weite der Offenheit sind nur scheinbare Gegensätze. In dem Raum, der jenseits der Worte ist, sind sie in einem wunderbaren Liebesspiel vereint. Beim Spielen lässt sich vieles ausprobieren. Mal klappt es besser, mal schlechter… Wie gut, dass sich jemand das Konzept des lebenslangen Lernens ausgedacht hat und wir nicht mehr bei Hänschen und Hans stehen. 😉

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Präsent Sein

„…ähm, ich war auf der Bühne und M. hat hinter mir gestanden und war mein Echo…“ – Innerlich kringele ich mich fast vor Lachen, so sehr freue ich mich, dass meine Selbsteinschätzung so dermaßen mit der Außenwahrnehmung eins ist. Beides ist jetzt ziemlich deckungsgleich. So lässt sich mit der Außenwelt kommunizieren. Es ist alles goldrichtig, wie es ist.
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Eine Freundin und ich sitzen gemütlich am Kaffeetisch und tauschen uns über unsere beruflichen Wünsche und Ziele aus, die deutlich in Richtung Selbstverwirklichung gehen. Gerade habe ich ihr von meinen Zukunftsplänen erzählt und was und wie die nächsten Schritte sind. Nämlich erstmal mehr Beschäftigung mit Selbst-Marketing und –Präsentation. Damit will ich auf der Bühne des Lebens stehen und vor allem beruflich mehr in meine Präsenz kommen. Ich will selbstständig sein, wenigstens teilselbständig. Ich will schreiben und sprechen. Und ich will damit auch mal vor einem – wie auch immer gearteten – Publikum rüberkommen können. Und ich will diese Ziele auch in meinem jetzigen Job umsetzen können, wenn ich nach der Elternzeit wieder einsteige. Auch das ist die Bühne des Lebens.

In dem spürbaren Wunsch, mich zu ermuntern und gleichzeitig bereits jetzt erzielte Erfolge besser wertzuschätzen, erwähnt sie den internen bunten Abend während unserer Ausbildung, an dem M. mein Gedicht vorgetragen habe. Und dass das doch schon super sei, dass ich mich damit an die Öffentlichkeit getraut hätte. Das nächste Mal würde ich auch selber auf die Bühne treten damit… – „…ähm, ich war auf der Bühne und M. hat hinter mir gestanden und war mein Echo…“ – „Äh, wie, du warst da…? Das muss ein anderes Mal gewesen sein. Daran würde ich mich doch erinnern… äh, wie jetzt…???“ Sie blinzelt verwirrt.

Ich platze fast innerlich vor Lachen und könnte sie gerade knutschen!!! Noch habe ich Hemmungen, das auch tatsächlich zu tun. Aber es wird. Immer. Besser.

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Glück in Fluss

Seit ungefähr Oktober des letzten Jahres sind Erfolg und Glücksgefühle in meinem Leben am sprudelnden Fließen, obwohl der Lauf bereits einige Zeit zuvor als kleiner, manchmal tröpfelnder, Gebirgsbach begonnen hat. Alles fügt sich immer wieder in so wundersam perfekter Weise zusammen, dass ich fast ein bisschen misstrauisch bin und nach Pferdefüßen suche. Nicht alles ist angenehm. Meinen lieben Kater vermisse ich noch immer schmerzlich und bewahre die Erinnerung an ihn in meinem Herzen. Und doch fügt sich auch hier etwas zusammen und ergibt einen Sinn. Es ist, als hätte er den richtigen Moment abgewartet, in dem ich bereit war, ihn einigermaßen gehen lassen zu können, und dafür liebe ich ihn nur noch umso mehr.

Vor wenigen Monaten ist die Sonne bei uns eingezogen, das Glück, ein kleines Pflegekind. Manchmal schreit und quakt es und ist nicht immer leicht zu verstehen, das Glück. Aber wir finden uns zusammen. Immer mehr. Bindung und Vertrauen beruhen auf einer gewissen Gegenseitigkeit, auch wenn ich die Große bin.

Es ist so wunderschön, Entwicklung zu sehen, auf beiden Seiten. Immer wieder gibt es Schlüsselerlebnisse, die uns einander näher bringen und immer wieder genau dann, wenn ich gerade besonders das Gefühl habe, auf dem Zahnfleisch zu gehen und nicht mehr weiter zu wissen.

Auch berufliche Ziele und Pläne für eine Teilselbständigkeit kommen ins Rollen. Was sonst neben dem Job in kleinen Schritten hätte verwirklicht werden müssen, das kann ich jetzt während der Elternzeit mit besserer Energie in den Atempausen, die das Glück mir beschert, auf den Weg bringen. Schritt für Schritt kann ich so eine konkrete berufliche Vision entwickeln und ihr nachgehen. Endlich komme ich an meinen Wahren Willen heran und das ist ein wirklich sehr erfüllendes Gefühl.

Ja, es ist viel und scheinbar klingt das für viele nach „alles auf einmal“. Immer wieder höre ich Kritik und Zweifel. Aber für mich passt alles wunderbar zusammen und ich bin ziemlich sicher, dass es einen Weg gibt, der genau richtig ist, egal wie er verläuft. Das einzige, was mal wieder viiiiel Übung und Pflege braucht, ist die Geduld. Wirklich Schritt für Schritt zu gehen. Selber das vorzuleben, was ich der kleinen Sonne dauernd predige. Die hat nämlich auch Hummeln im Hintern. Ähnlicher könnten wir uns kaum sein…

Auch wenn jetzt gerade weniger Zeit zum Schreiben ist, für Stichworte und Notizen für später als Erinnerungshilfe und Inspiration reicht sie allemal.

Für jetzt genieße ich das Glück und die Sonne.

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Von den Kindern

Deine Kinder sind nicht deine Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch dich, aber nicht von dir,
und obwohl sie mit dir sind, gehören sie dir doch nicht.

Du kannst ihnen deine Liebe geben,
aber nicht deine Gedanken,
denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

Du kannst ihrem Körper ein Heim geben,
aber nicht ihrer Seele,
denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen,
das du nicht besuchen kannst,
nicht einmal in deinen Träumen.

Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein,
aber suche nicht, sie dir gleich zu machen.
Denn das Leben geht nicht rückwärts
und verweilt nicht beim Gestern.

Du bist der Bogen, von dem deine Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden!

Der Schütze sieht das Ziel
auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht,
damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand
des Schützen auf Freude gerichtet sein.

Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt,
so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Khalil Gibran

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Ein Unterschied

Noch immer tanze ich allein
Doch ist das Gefühl ein anderes
Es ist ok, ich zu sein

Inmitten einer Gruppe
Beobachte ich
Andere
Mich
Uns

Es ist ok, ich zu sein
Noch immer tanze ich allein

6.4.2016

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Einrichtungskunst für Komfortzonen

Komfortzone. Seit geraumer Zeit schon beschäftigt mich dieser Begriff. Weckt Assoziationen von Sofalümmeln und Entspanntheit. – In den Englischsessions an der Uni haben wir so etwas „False Friends“ genannt. Falsche Freunde.

Komfort – Bequemlichkeit. Was genau ist denn für das Gehirn bequem? Der Mensch ist größtenteils ein Gewohnheitstier. Eingetretene Denkmusterpfade, bekannte, einschätzbare Empfindungen, das ist das, was uns Sicherheit gibt und uns überlebensfähig macht. Hört sich soweit immer noch einigermaßen nett und harmlos an. Mag sein, dass der eine oder andere Sofalümmler sich irgendwann aus reiner Langeweile oder Neugier aus seiner Komfortzone begibt. Doch was ist, wenn mensch es im Laufe seines Lebens gelernt hat/lernen musste, es sich auf einem Nagelbrett bequem zu machen? Als Fakir des Lebens sozusagen? Meistens ist dieses Dasein als Fakir gar nicht so bewusst. Das Pieksen der Nägel bereitet Schmerzen. Mensch windet und dreht sich auf dem Nagelbrett, was das Leiden nicht verringert. Manchmal, wenn es doch ins Bewusstsein hochblubbert, kommt der Wunsch, dieses Nagelbrett zu verlassen und trotzdem bereitet die Vorstellung, einfach aufzustehen, Angst. Das Fühlen dieser Unbequemlichkeit von Nagelbrett ist so vertraut, dass es schon wieder eine Gewohnheit, eine Bequemlichkeit der Denkmuster, eine vermeintliche Sicherheit, darstellt.

Manchmal gibt es Menschen, die es schließlich doch aus innerem Antrieb schaffen, sich von diesem Falschen Freund von einer Komfortzone abzuwenden. Manchmal verharren Menschen im Jammern und spüren sich von unsichtbarer Macht auf dieses Nagelbrett gedrückt. Manchmal braucht es zusätzlich einen Fingerzeig, ein Wachrütteln oder eine Handreichung zum Aufstehen, jedenfalls eine Hilfestellung von außen (und die innere Bereitschaft, diesen Fingerzeig und diese Hilfe auch anzunehmen – kein „Ja…ABER“ gelten zu lassen).

Dann beginnt ein neuer Weg. Ein Weg auf unbekannteren, „unkomfortablen“ Pfaden. Einen neuen Beruf finden, etwas anderes als Fakir. Ein Studium der Innenarchitektur des Lebens, zum Beispiel. Damit mensch sich eine neue, eine echte Komfortzone einrichten kann.

14.11.2015

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Das Universum schlägt zurück

Er hat mich eingeholt, der Hometown-Blues. Ich kann es mir nicht so recht erklären. Ich hatte gedacht, ich hätte ihn abgehängt. Früher hatte ich ihn oft, wenn wir vom Heimatbesuch wieder nach Hause fuhren, es war der Schmerz meiner Kindheit, der dann immer wieder hochkam.

Vielleicht war es einfach die stressige Woche mit vielen dichten Einschlägen privat und auf der Arbeit. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns den Rauhnächten nähern und die Grenzen zwischen den Sphären durchlässiger werden und viele innere Vorgänge in mir brodeln. Vielleicht ist es mein frisch geformtes Ich, das den Hometown-Blues mit seinen Ist-Werten noch nicht kennt und tatsächlich noch Erwartungen hat, die enttäuscht werden könnten. Vermutlich ist es eine Mischung aus alledem.

Schließlich ist es Heiligabend und ich blicke sorgenvoll auf den anstehenden Heimatbesuch. Leicht verzweifelt versuche ich es mit einem Wunsch ans Universum: ich wünsche mir, dass es ein möglichst entspanntes Beisammensein wird. Das ist doch ein guter Wunsch, nu mach mal, liebes Universum, denke ich und fahre mit dem Packen fort.

Doch das Universum schlägt zurück. Mach doch selbst, sagt es:

Bevor es auf die Reise gehen soll, gibt es noch ein kurzes Textnachrichtengeschreibe mit einer Freundin. Ich merke, dass ich etwas pieksig werde, obwohl ich es eigentlich locker, humorvoll klingen lassen wollte. Es kommt zu einem kurzen Innehalten mit der Erkenntnis, dass meine eigene Angespanntheit ganz schön groß ist und die Verletzbarkeit durch unfreundliche oder unentspannte Situationen enorm steigert, wenn nicht sogar hervorruft. Sogleich fällt mit einem lauten Plumps der große Brocken von meinem Herzen. Ich kann tief durchatmen.

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Was soll ich sagen, es hat gewirkt. Es war eine größtmöglich entspannte Feierei, bei der wir uns einfach freuen konnten, uns im Familienkreis mal wiederzusehen. Es konnte tatsächlich ein Fest der Liebe sein.

03.01.2016

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Herz+Ich+Verstand+RestvomKörper (HändeAugenOhrenMund)=Herz-l-ich

Ein allein gelassenes Herz
Neigt zu ziellosem Umherziehen
Suchend richtet es sich hierhin, dorthin
Und kommt doch niemals richtig an

Bestenfalls
Ziehen andere einen Nutzen daraus
Während das suchende Herz
Immer hungriger wird

Erst wenn es Weggesellen findet
Die einander die Hände reichen
Kann aus ziellosem Schweifen
Eine Wanderung werden
Kann aus dem Suchen
Ein Finden werden
Kann aus Geben und Nehmen
Echte Liebe strömen

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Desillusionierung und Dankbarkeit – ein kostbarer Rückblick

Es ist Spätherbst. Irgendwie ist die letzte Zeit eine Zeit der Rückschau. Es ist auch die Zeit der Wiederauferstehung dieses Blogs.

Mein Geburtstag steht bevor. Ein runder. Der Abschluss eines Lebensabschnittes, der Neubeginn für einen weiteren. Mitte des Lebens. Ein etwas mulmiges Gefühl und viele selbstkritische Gedanken.

Aber ich denke in den letzten Tagen auch viel an Menschen, Vorbilder, die mein Leben beeinflusst haben, und für deren Einfluss ich dankbar bin. Aufgewachsen in einer Umwelt, in der ich mich oft unverstanden, isoliert und geringschätzig bewertet gefühlt habe, habe ich meine Vorbilder und Lehrer häufig in einer ausgelagerteren Welt gefunden: In Büchern und Filmen, und später dann als Fan einiger Sängerinnen und Sänger. In dieser Welt konnte ich Seelenverwandte und Mutmacher finden. Menschen, die das in Worte zu fassen vermochten, was ich in mir fühlte.
Einer der ersten und langjährigsten dieser „Lehrmeister“ war Howard Jones. Ich liebte seine Texte und die melancholische Art, wie er sang. Hier fand ich jemanden, der ganz genau ausdrücken konnte, was in mir vorging. Insbesondere die ersten beiden Alben „Human´s Lib“ und „Dream into Action“ waren mir Ausdruck und richtungsweisende Anregung. Was habe ich sie rauf und runter gehört! Was haben sie mir positive Bestärkung gebracht! Mir zugeflüstert, ich sei jemand ganz Besonderes, Einzigartiges, oder ich dürfe –müsse- die Perle in meiner Muschelschale nutzen und zeigen. – Wie sehr hatte ich mir lange Zeit gewünscht, ihn mal persönlich kennenlernen und ihn über das Leben ausfragen zu dürfen…

Und dann, und dann… kam der Tag, viel, viel später, als das Internet es möglich machte und ich erwachsen war, mehr über mein Vorbild zu erfahren. Die Zeit damals als Kind/Jugendliche zu reflektieren und Einblick in Fanpostarchive zu bekommen. So fand ich heraus, dass die Texte, die ich so geliebt hatte, oft von jemand anderem geschrieben worden waren! Auf den LPs war das nicht so erkennbar gewesen für mich. Ein anderer, ein unsichtbarer, nicht greifbarer Kopf hatte diese Gedanken und Gefühle in Worte gefasst und in den Fäden der Musikindustrie verwoben. Ich war desillusioniert, ernüchtert, ent-täuscht.

Wiederum einige Zeit später kam ich in Gedanken auf diesen Moment der Erkenntnis zurück. Ein sanfteres, liebevolleres, ein Herzensbild, kam in mir auf: Auch unter Künstlern soll es wohl so etwas wie „stimmende Chemie“ geben – und auf solch einer Ebene waren vermutlich auch meine Vorbilder zusammen getroffen. Ich hatte halt ein konkretes Gesicht vor Augen, das diesen Spirit verkörperte und ihm seine Stimme gab. Aber es gab scheinbar noch mehr. – Was für ein Gedankenblitz! Noch mehr von „denen“ – noch mehr von uns!. Nicht mehr allein sein. Nicht mehr allein fühlen. Ein Samenkorn von Verbundenheitsgefühl. Das ist doch eine wunderschöne Einsicht! Dafür bin ich dankbar.

Bei einem solchen Rückblick wird mir wieder mal deutlich: es ist alles bereits in uns drin. Mit sich ehrlich zu sein, es ins Bewusstsein zu holen und damit in sein Selbst zu integrieren, das ist die Kunst. Das macht unser Leben erfüllt.

And maybe love is letting people be just what they want to be/ the door always must be left unlocked (Howard Jones, What is Love?)

Don´t crack up, bend your brain, see both sides/ Throw off your mental chains (Howard Jones, New Song)

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Ein treuer Begleiter verabschiedet sich

Ein altbekanntes Gefühl begleitet mich verstärkt (aber nicht nur) durchs Arbeitsleben: Irgendwie komme ich mir wie ein Fremdkörper in jedem Unternehmen vor. Ist halt Beruf, sage ich mir, nicht Berufung. Ein Broterwerb. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Diese Binsenweisheit habe ich dann so halt auch oft übergeneralisierend gelebt, immer gepaart mit innerer Rebellion und Ausbruchversuchen. Das Gute daran: Es hat sich ein einigermaßen stabiles Abgrenzungsvermögen in diesem Bereich entwickelt.

Im Laufe des vergangenen Jahres hat sich etwas getan. Erst unmerklich, dann immer mehr im Vordergrund des Bewusstseins. Das Fremdkörpergefühl schwindet. Die Isoliertheit macht Platz für etwas Neuartiges. Schon seit einiger Zeit, seit etwa der Hälfte meiner Selbstentwicklungsausbildung ist mir eine Art Mantra gegen dieses Isoliertheitsgefühl in den Sinn gekommen: Ich bin ein Teil davon.

Das Ganze geht so: Ich sitze mal wieder vertieft in meine Arbeit, meine Kollegen unterhalten sich über irgendwas – beruflich oder privat – und ich fühle mich ausgeschlossen. Ich nehme das unwohle Gefühl wahr, begrüße es freundlich, bedanke mich, dass es sich zeigt und nehme es bei der Hand zu meinen anderen Anteilen. Ich erkläre ihm: „Auch wenn es für dich jetzt gerade anders aussieht, ich bin ein Teil davon. Ich bin ein Teil dieses Systems. Ich bin ein Teil davon. Ich bin ein Teil davon. Ich bin…“

Dieser Zauberspruch bewirkt baldige Entspannung, sodass ich ohne Druck entscheiden kann, ob ich z.B. mitrede, eine kurze Bemerkung einwerfe oder einfach weiterarbeite und den Soundhintergrund als Hörspiel nehme.
Das Manko des Ganzen: Es hält nicht lange an, bleibt kopfgesteuert. Eine Funktion, die ich immer wieder bewusst aktivieren muss (aber immerhin kann).

In diesem Jahr hat sich etwas geändert. Es hatte sich in einer Nische versteckt und gewartet, bis ich vorbeikomme, um mit einem „Hu“ vor meine Nase zu springen. – Was mich mal wieder zu Tränen gerührt hat. – Ich kann es fühlen!

IchbineinTeildavon ist jetzt in meinem Herzen, in meinem Bauch! Ich muss es mir nicht mehr sagen, jedenfalls nicht mehr so oft. Völlig neue Möglichkeiten eröffnen sich dadurch. Klar, Abgrenzung zur Arbeit ist immer noch erforderlich, um sich nicht von ihr auffressen zu lassen. Aber sie ist nicht mehr so zwanghaft, ist durchlässiger geworden. Und ich kann jetzt eher mal dahin schauen, wie ich mein Potenzial, meine Berufung, tatsächlich und wie immer vom Arbeitgeber gewünscht, pro-aktiv in meine jetzige Stelle einbringen kann. Der Blick hat sich geöffnet und geht wieder ein Stück mehr über den Tellerrand.

Weiß nicht, wohin diese Reise noch führt. Jetzt jedenfalls schaue ich mir erstmal die Sehenswürdigkeiten dieses Ortes an und genieße die Schönheit darin.