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Das Universum schlägt zurück

Er hat mich eingeholt, der Hometown-Blues. Ich kann es mir nicht so recht erklären. Ich hatte gedacht, ich hätte ihn abgehängt. Früher hatte ich ihn oft, wenn wir vom Heimatbesuch wieder nach Hause fuhren, es war der Schmerz meiner Kindheit, der dann immer wieder hochkam.

Vielleicht war es einfach die stressige Woche mit vielen dichten Einschlägen privat und auf der Arbeit. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns den Rauhnächten nähern und die Grenzen zwischen den Sphären durchlässiger werden und viele innere Vorgänge in mir brodeln. Vielleicht ist es mein frisch geformtes Ich, das den Hometown-Blues mit seinen Ist-Werten noch nicht kennt und tatsächlich noch Erwartungen hat, die enttäuscht werden könnten. Vermutlich ist es eine Mischung aus alledem.

Schließlich ist es Heiligabend und ich blicke sorgenvoll auf den anstehenden Heimatbesuch. Leicht verzweifelt versuche ich es mit einem Wunsch ans Universum: ich wünsche mir, dass es ein möglichst entspanntes Beisammensein wird. Das ist doch ein guter Wunsch, nu mach mal, liebes Universum, denke ich und fahre mit dem Packen fort.

Doch das Universum schlägt zurück. Mach doch selbst, sagt es:

Bevor es auf die Reise gehen soll, gibt es noch ein kurzes Textnachrichtengeschreibe mit einer Freundin. Ich merke, dass ich etwas pieksig werde, obwohl ich es eigentlich locker, humorvoll klingen lassen wollte. Es kommt zu einem kurzen Innehalten mit der Erkenntnis, dass meine eigene Angespanntheit ganz schön groß ist und die Verletzbarkeit durch unfreundliche oder unentspannte Situationen enorm steigert, wenn nicht sogar hervorruft. Sogleich fällt mit einem lauten Plumps der große Brocken von meinem Herzen. Ich kann tief durchatmen.

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Was soll ich sagen, es hat gewirkt. Es war eine größtmöglich entspannte Feierei, bei der wir uns einfach freuen konnten, uns im Familienkreis mal wiederzusehen. Es konnte tatsächlich ein Fest der Liebe sein.

03.01.2016