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die selbsterkenntnismaschine schläft

Wie ein Medikament das Wesen verlangsamt

Wie es ist, nicht ständig Selbsterkenntnisse zu haben und diese in sich wirken zu spüren, das kann ich gerade erkunden. Vielleicht ist das der Sinn der jetzigen Episode unter meinem Medikament, dem Wirkstoff Aripiprazol. Es ist ein bisschen wie ein Loch, in das man nach getaner Arbeit fällt. Das Lernen für die große Prüfung oder die Vorbereitungen für ein größeres Projekt auf der Arbeit sind vorbei. Was tun mit der freien Zeit? Es ist auch ein bisschen wie Liebeskummer. Die Zeit, die man sonst mit seiner/seinem Liebsten verbracht hat, ist nun weg. Die Erinnerung bleibt. Um nicht in diesem Mangelgefühl hängen zu bleiben, konzentriere ich mich möglichst auf das, was ich bereits erlangt habe. Und die Zeit lässt sich zumindest teilweise mit Aufarbeiten der oft viel zu schnell erlangten Selbsterkenntnisse füllen. Es tut ganz gut, dass ich in den eigenen Gedichten und Texten nachlesen kann, was zu einem gewissen Zeitpunkt gerade da war und noch immer wirkt. Die größte Herausforderung ist und bleibt die Selbstliebe während der Medikamenteneinnahme. Es tut schon sehr weh, zu sehen, wie sehr sich der Schreibstil verändert oder zu spüren, dass die Poesie nicht mehr so sprudelt. Die Kreativität allgemein erlahmt, etwas mit dem ich sehr identifiziert bin. Immer wieder ist es das energetische Klopfen, das mir dabei weiterhilft, in der Selbstliebe zu bleiben.

Ein anderer Punkt ist, den „Winterschlaf“ zu nutzen, um mich fortzubilden. Das fällt mir in dieser Zeit zwar auch schwerer als in der Aktivität des „Sommers“, aber es ist nicht unmöglich.

Einen kleinen Fortschritt gibt es im Alltagsleben: Zumindest habe ich in der Sache des zeitweisen Medikamentengebrauchs nun ein Zugeständnis meines neuen Arztes. Er hat mir zugesagt, dass er mich dabei begleiten würde, sollte ich einmal wieder das Medikament absetzen wollen. Wie diese Begleitung im konkreten Falle aussehen wird, steht auf einem anderen Blatt. Aber es ist ein kleiner Schritt nach vorne. Ich konnte aufrichtig bleiben, zu meiner Meinung stehen und es ist positiv ausgegangen. Der Kopf ist noch dran. Vielleicht ist das ja auch eine Art Ernte des langwährenden Prozesses von Selbsterkenntnissen und deren Integration in das Gesamtsystem meines Wesens. Eine Art Charakterbildung.

Weg-mit-Herz

ein Beitrag über Psychose und Selbstliebe in Zusammenhang mit der Einnahme von Medikamenten

In seinem Buch „Umgang mit psychotischen Patienten“ beschreibt Thomas Bock sinngemäß eine Psychose als einen anstehenden Entwicklungsschritt, für den ein gangbarer Weg gesucht wird. Da ist auf jeden Fall etwas dran.

Sie ist wieder da. Ich habe sehr gekämpft, aber sie war stärker. Ich nehme wieder mein ungeliebtes Medikament. Ungeliebt wegen der Nebenwirkungen, wie vermindertem Lustempfinden bis hin zu einem leichten Taubheitsgefühl der Haut, verbauter Kreativität und nervigen Minizuckungsgefühlen im ganzen Körper. Und doch ist etwas anders. Es hat sich viel getan in der kurzen Zeit, in der ich dieses Mal medikamentenfrei war. Meine Kehle hat sich geöffnet. Ich kann frei sprechen – zumindest größtenteils! Eine Baustelle wird meine Stimme sicher immer sein, aber ich habe große Fortschritte gemacht. Neben der Sprech-Stimme ist auch die Stimme meines Herzens kräftiger geworden. Ich kann sie besser wahrnehmen. Und so scheint mir auch der anstehende große Entwicklungsschritt recht klar zu sein: auch auf mein Medikamenten-Ich mit mehr Selbstliebe zu schauen. Das fällt mir in seiner Gesamtheit ziemlich schwer. Ich wende alles an Mitteln auf, die ich auf meinem Weg bis hierher erlernt habe und die mir hilfreich erscheinen. Insbesondere Energetisches Klopfen hilft mir eine Menge weiter. Sobald ich auch nur den Hauch eines Hass-, Wut- oder Verzweiflungsgefühls wahrnehme, denke ich mir eine Affirmation und klopfe zumindest mental die verschiedenen Klopfpunkte ab. Nach einigen Durchgängen verspüre ich tatsächlich, wie sich die Gefühle legen und besser integrieren. Nichtsdestotrotz erlaube ich mir auch mal den einen oder anderen Fluch, wenn ich mich eben doch zu sehr ärgere – gefolgt vom energetischen Klopfen. Bisher klappt das ganz gut. Die Nebenwirkungen halten sich im Rahmen und ich habe das Gefühl, zumindest bis jetzt noch einen guten Zugang zu meiner Kreativität zu haben.

Außerdem helfen mir systemische Aufstellungen sehr weiter. Die soll man eigentlich nicht machen, wenn man schizophren ist. Es braucht ein sehr hohes Maß an Bewusstheit und Selbst-Reflektion, das habe ich mittlerweile auch kapiert und würde sie bei anderen in der Situation wohl eher nicht anwenden. Aber mich kenne ich gut genug und weiß, was ich mir zumuten kann. Systemische Aufstellungen helfen mir, mich besser zu sortieren und letzten Endes sogar dabei, meine vielen Ich-Anteile nach und nach mehr in meine Gesamtidentität – in mein ICH – zu integrieren.

Ich bin hoffnungsvoll, dass es gutgeht. Höhen und Tiefen eingeschlossen.

Wenn ich auf meine jetzige Situation schaue und das, was in der nächsten Zeit in meinem Leben so ansteht an beruflichen und persönlichen Umständen, werde ich das Zeug mindestens ein Jahr nehmen müssen. Mein Arzt ist ja der Meinung, ein Leben lang. Das sehe ich anders. Aber selbst wenn es so sein sollte. Wenn es tatsächlich einen Weg geben sollte, mit dem Medikament friedvoll zu leben ohne faule Kompromisse, dann ist es mir fast egal, wie lange. Auch wenn es ohne einfach schöner ist.

graue Wolken

Wenn du die Sonne nicht mehr sehen kannst
Weil die Krücken dich binden auf mittlerer Höh´
Weder Berggipfel noch Talsohle kannst seh´n
Wenn die dampfschlafende Gräue dich umgibt
Als Nebelschwaden um dich schmiegt
Sind alle Eindrücke gedämpft
Egal, ob da dein Haupt gekränzt
Oder als Wurm du auf dem Boden dich windest
Weil du den Eigen-Sinn nicht mehr findest
Wenn die Stimmen von allen Seiten verhallen
Musst du hilflos im Hier und Jetzt verharren
Kannst das weinende Kind in dir bloß halten
Leise hoffen, dass Gott den Trost wird walten
Vielleicht auch die Zeit, das wachsende Moos
Wie findest du hier die Selbstliebe bloß?

Egoist! Schimpft der Vater gerne über dieses oder jenes. Das Kind versteht nicht. Was ist ein Egoist?, fragt es nach. Ein Ich-Mensch, erklärt der Vater. Jemand, der nur an sich denkt. Das Kind möchte ein liebes Kind sein. An sich denken ist nicht lieb. Das Kind gibt sich große Mühe, sich zu vergessen. Lange Zeit mit Erfolg. Sanft, leise, aber beständig protestiert das Herz. Der Vater kann sich doch nicht irren?!
***
Das heranwachsende Kind spürt einen beständigen, bohrenden Schmerz. Es beobachtet und denkt nach: die Menschen, die oft über Ich-Menschen schimpfen, schimpfen doch eigentlich, weil sie sich durch diesen Egoismus irgendwie bedrängt oder verletzt fühlen. Also denken diese Menschen ja auch an sich und sind selber und noch viel mehr als die anderen Ich-Menschen. Es spürt: Irgendetwas ist da faul an dieser Sache. Etwas setzt sich in Bewegung. Der Vater muss sich geirrt haben. Doch noch immer ist Ich-Mensch-Denkerei sehr negativ belegt für das heranwachsende Kind.
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Der ist so egoistisch, hört die Frau. Sie muss bitter lächeln. Die Worte kommen aus dem Telefon. Immer wieder. Alle anderen sind egoistisch, weil sie keine Rücksicht auf SIE nehmen, der Sprecherin nicht den Platz anbieten, den sie sich selbst nicht zugesteht. Die Frau denkt an ihren Vater und erkennt: Egoismus ist Selbstfürsorge, Selbstliebe. Der Vater hat sich geirrt!
Das Herz spürt: irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Die Kunst liegt in der Balance. Und in der Brille, die der Betrachter aufhat.