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Die Schönheit eines Regenbogens

I. Die Enge überwinden

Meine Gedanken wandern. Sie wandern in die Zukunft.

Angst und Unsicherheit im Hinblick auf morgen. Ein Arzttermin. Was werde ich sagen?
Vorfreude und Planung im Blick auf nächste Woche. Eine Woche Urlaub. Ein Ferienhäuschen. Was nehmen wir mit? Was brauchen wir noch?

Dazwischen schweifen Blicke ins Hier und Jetzt. Sich auf den Weg zur Arbeit machen. Am Bahnsteig stehen. Menschen um mich herum. Haltestationen registrieren.

Der Arzttermin spielt sich immer wieder in den Vordergrund. – Du musst es ihr sagen…

Mein Hals wird eng. Wie wird sie reagieren, meine Psychiaterin? Sie ist so megavorsichtig. Ich kann sie ja auch verstehen, die große Verantwortung und so.

Doch hier geht es um mich! Um mein Leben. Um meine Autonomie. Und um Vertrauen in meinen Weg. Das ist es, worum ich bei ihr werben will. Vertrauen in mich, in mein eigenes Gespür.

Verzweiflung macht sich breit. Wie kann ich die richtige Kommunikation finden, wenn jede leidenschaftliche Äußerung als Anzeichen einer manischen Phase gedeutet werden könnte. Jede Träne als Zeichen psychischer Instabilität. Hab ich alles schon mit anderen Menschen in anderen Situationen erlebt. Wieviel Mensch darf ich bei ihr sein?

Vier Jahre lang war ich wieder das brave, angepasste Mädchen. Vor mir selbst und auch vor ihr. Habe jeden Ansatz kritischen Hinterfragens abspeisen lassen mit ihren wortgewandten rhetorischen Fragen, die mir die Argumente raubten. Mein wahres Selbst wieder stumm machten und nur aufs Funktionieren gerichtet waren.

Und doch habe ich es getan. Es ist einfach so passiert, eher zufällig anfangs. Immer öfter hatte ich meine tägliche Tablette vergessen. Bis ich irgendwann, als mir die Häufigkeit bewusster wurde, gedacht habe: nu brauche ich sie auch gar nicht mehr zu nehmen... – Der Mut, das Laufen ohne Krücke mal wieder zu wagen, war da.*

Bei den Kontrollterminen hatte ich mir jedes Mal vorgenommen, es ihr dieses Mal zu sagen. Aber immer blieben mir die Worte in der Kehle stecken. Stattdessen habe ich brav ihre üblichen Fragen beantwortet und mir neue Rezepte geben lassen. Es tat auch ganz gut, eine Extra-Packung als Sicherheitsnetz zu haben. Und ich habe mich selbst sehr genau beobachtet. Habe meine eigene Anti-Psychose-Checkliste, von der ich schon erzählt habe. Und mein Mann weiß es seit einiger Zeit auch.

Der Kloß im Hals ist immer noch da. Ist mächtig. Was kann ich tun, damit all das eben Durchdachte nicht zur Self-fulfilling Prophecy wird?

Mein Denken stößt gegen die Bande und wechselt die Richtung.

Und was ist, wenn ich nicht nur Vertrauen von ihr fordere, sondern auch selber Vertrauen in sie gebe? Ein bisschen Angst vor Enttäuschung ist da, aber ich spüre, das ist eine richtige Spur. Schließlich ist sie auch nur ein Mensch. Noch dazu einer, der mir eigentlich nichts Böses will.

Etwas weitet sich in mir. Ich atme Vertrauen. Fülle meine Lungen damit und lasse es weiter durchs Herz und bis tief in den Bauch strömen.

Der Kloß im Hals wehrt sich noch, aber er wird poröser. Weiteratmen. Vertrauen haben. Atmen. Ein. Aus. Pause. Der Kloß löst sich. Meine Augen fangen an zu brennen, doch bleiben sie ohne Tränen. Immerhin sitze ich in der U-Bahn. (Obwohl das auch kein echtes Tränen-Hindernis ist.)

Schließlich weitet sich meine Kehle endlich wieder. Mein Entschluss ist klar:
Morgen will ich es ihr, morgen werde ich es ihr sagen.

II. Frei sein

Ich bin durch! Ich habe es ihr gesagt! Irgendwie kamen die richtigen Worte. Ohne Vorbereitung, ohne zurechtgelegtes, vordiktiertes Herunterrattern von Argumenten. Ohne aufgesetztes Schuldbewusstsein und ohne gespielten Enthusiasmus bin ich schlicht bei mir geblieben.

Sie war ganz offen! Hat sich sogar für mich gefreut und mir die Rückmeldung gegeben, ich würde ganz klar und stabil wirken. So konnten wir ganz offen von meiner inneren Checkliste und anderen Vorsorgemaßnahmen sprechen.

Als ich die Praxis verlasse, fällt ein Gewicht von mir ab.

Die Sonne scheint vom grauen Himmel und auf dem Weg zur Bahn setzt leichter Regen ein. Ich freue mich. Halte mein Gesicht in die leichten, kalten Tropfen; überquere noch die Straßenkreuzung.

Dann drehe ich mich um, um den Regenbogen zu betrachten.

*Wichtige Bemerkung dazu!!! Ich will niemanden durch diesen Text dazu ermutigen, leichtfertig seine Medikamenteneinnahme abzubrechen! Zumindest eine Zeitlang sind Medikamente ein wichtiger, notwendiger Bestandteil für die Therapie! Bereits ein Jahr zuvor hatte ich mit meinem Therapeuten das Ausschleichen durchgespielt und von ihm Ermutigung erfahren, es mit meiner Ärztin zu besprechen, was ich aber nie geschafft habe. Es ist reiner Zufall gewesen, dass es schlussendlich so gekommen ist, wie ich es hier geschildert habe. Es ist wichtig, diese Sache mit jemand Fachkundigem vorher zu besprechen und dessen Meinung dazu zu hören!

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Das Universum schlägt zurück

Er hat mich eingeholt, der Hometown-Blues. Ich kann es mir nicht so recht erklären. Ich hatte gedacht, ich hätte ihn abgehängt. Früher hatte ich ihn oft, wenn wir vom Heimatbesuch wieder nach Hause fuhren, es war der Schmerz meiner Kindheit, der dann immer wieder hochkam.

Vielleicht war es einfach die stressige Woche mit vielen dichten Einschlägen privat und auf der Arbeit. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns den Rauhnächten nähern und die Grenzen zwischen den Sphären durchlässiger werden und viele innere Vorgänge in mir brodeln. Vielleicht ist es mein frisch geformtes Ich, das den Hometown-Blues mit seinen Ist-Werten noch nicht kennt und tatsächlich noch Erwartungen hat, die enttäuscht werden könnten. Vermutlich ist es eine Mischung aus alledem.

Schließlich ist es Heiligabend und ich blicke sorgenvoll auf den anstehenden Heimatbesuch. Leicht verzweifelt versuche ich es mit einem Wunsch ans Universum: ich wünsche mir, dass es ein möglichst entspanntes Beisammensein wird. Das ist doch ein guter Wunsch, nu mach mal, liebes Universum, denke ich und fahre mit dem Packen fort.

Doch das Universum schlägt zurück. Mach doch selbst, sagt es:

Bevor es auf die Reise gehen soll, gibt es noch ein kurzes Textnachrichtengeschreibe mit einer Freundin. Ich merke, dass ich etwas pieksig werde, obwohl ich es eigentlich locker, humorvoll klingen lassen wollte. Es kommt zu einem kurzen Innehalten mit der Erkenntnis, dass meine eigene Angespanntheit ganz schön groß ist und die Verletzbarkeit durch unfreundliche oder unentspannte Situationen enorm steigert, wenn nicht sogar hervorruft. Sogleich fällt mit einem lauten Plumps der große Brocken von meinem Herzen. Ich kann tief durchatmen.

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Was soll ich sagen, es hat gewirkt. Es war eine größtmöglich entspannte Feierei, bei der wir uns einfach freuen konnten, uns im Familienkreis mal wiederzusehen. Es konnte tatsächlich ein Fest der Liebe sein.

03.01.2016