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Er hat mich eingeholt, der Hometown-Blues. Ich kann es mir nicht so recht erklären. Ich hatte gedacht, ich hätte ihn abgehängt. Früher hatte ich ihn oft, wenn wir vom Heimatbesuch wieder nach Hause fuhren, es war der Schmerz meiner Kindheit, der dann immer wieder hochkam.

Vielleicht war es einfach die stressige Woche mit vielen dichten Einschlägen privat und auf der Arbeit. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns den Rauhnächten nähern und die Grenzen zwischen den Sphären durchlässiger werden und viele innere Vorgänge in mir brodeln. Vielleicht ist es mein frisch geformtes Ich, das den Hometown-Blues mit seinen Ist-Werten noch nicht kennt und tatsächlich noch Erwartungen hat, die enttäuscht werden könnten. Vermutlich ist es eine Mischung aus alledem.

Schließlich ist es Heiligabend und ich blicke sorgenvoll auf den anstehenden Heimatbesuch. Leicht verzweifelt versuche ich es mit einem Wunsch ans Universum: ich wünsche mir, dass es ein möglichst entspanntes Beisammensein wird. Das ist doch ein guter Wunsch, nu mach mal, liebes Universum, denke ich und fahre mit dem Packen fort.

Doch das Universum schlägt zurück. Mach doch selbst, sagt es:

Bevor es auf die Reise gehen soll, gibt es noch ein kurzes Textnachrichtengeschreibe mit einer Freundin. Ich merke, dass ich etwas pieksig werde, obwohl ich es eigentlich locker, humorvoll klingen lassen wollte. Es kommt zu einem kurzen Innehalten mit der Erkenntnis, dass meine eigene Angespanntheit ganz schön groß ist und die Verletzbarkeit durch unfreundliche oder unentspannte Situationen enorm steigert, wenn nicht sogar hervorruft. Sogleich fällt mit einem lauten Plumps der große Brocken von meinem Herzen. Ich kann tief durchatmen.

***

Was soll ich sagen, es hat gewirkt. Es war eine größtmöglich entspannte Feierei, bei der wir uns einfach freuen konnten, uns im Familienkreis mal wiederzusehen. Es konnte tatsächlich ein Fest der Liebe sein.

03.01.2016

In den letzten Jahren, seit auf meiner Arbeit ein System eingeführt wurde, das eine Bonuszahlung an gemeinsam festgelegte zu erreichende Ziele und individuelle Leistung koppelt, macht mir diese jährliche Zielvereinbarung Bauch- und Kopfweh. Ich merke, ich habe ein Problem mit Zielsetzungen, nicht nur mit meiner sich verwandelnden Lebensvision. Sie verursachen mir unangenehmen Leistungsdruck und Stress für Aufgaben, die ich vorher aus eigenem Antrieb in mehr als gewissenhafter Weise gerne erfüllt habe. Als kleines Licht in der großen Wirtschaftswelt schwimme ich zunächst mit dem Strom und blende diese Zielsetzungssache weitestgehend aus.

Weitestgehend. Denn immer wieder beschäftigt es mich gedanklich, diese Sache mit den Zielen, dieses in meiner Sicht beschränkte Leistungsdenken, das ganze System, das mir bigott und daher abstoßend vorkommt, weil in den Firmenphilosophien häufig von individueller Wertschätzung und Förderung die Rede ist und der Mensch angeblich im Mittelpunkt steht, letzten Endes aber doch bloß Leistung und Zahlen bewertet werden. Naja, und dann ist da ja auch diese persönliche Note, diese persönliche Abneigung gegen Ziele… Ich sehe mich selber gerne in dem Licht, zu schauen, was das Leben und der Tag mir so bringen und dann daraus etwas zu machen. Ein etwas mäanderndes und amöbenhaftes Lebensgefühl, in dem ich die Qualität der Akzeptanzfähigkeit sehe. Ich denke, ich kann von mir sagen: Ich habe keine Ziele. – Denke ich…

…und dann…

Das Kreuzworträtsel eckt bei mir an. Missgunst mit vier Buchstaben gesucht.
Widerwillig trage ich ein: NEID.
Woher kommt dieser Widerstand?

Das Herz meldet sich.

Missgunst – das Wort sagt es bereits – nicht gönnen; etwas als gut Bewertetes dem anderen nicht gönnen, ein Gift für die Seele und die Atmosphäre.

Neid – ein Was-der-andere-hat-bewerte-ich-als-gut-und-will-sowas-auch-haben/sein/können, ein Wunschkatalysator also, ein Wegweiser und Antrieb.

Herz sagt: Manchmal gehen Missgunst und Neid Hand in Hand, das kann wohl vorkommen. Aber sie sind auf keinen Fall deckungsgleich.

Natürlich wird bei mir gleich mal wieder die Selbstanalyse angekurbelt. Hm, wirklich missgünstig bin ich sehr selten. Aber neidisch bin ich wohl schon manchmal. So ein Wegweiser hat ja irgendwie auch ein Ziel im Sinn… Das Ich meldet sich damit zu Wort und das ist doch eigentlich ganz gut so.  Habe ich vielleicht doch Ziele? Immerhin beginne ich damit, diesen Gedanken ganz langsam zu akzeptieren.

Aus Zeitmangel gerät das Ziel, über Zielsetzungen klarer zu werden, immer wieder aus dem Fokus. Doch es ploppt immer mal wieder auf. Mindestens einmal im Jahr…

04.11.2015

Es ist Spätherbst. Irgendwie ist die letzte Zeit eine Zeit der Rückschau. Es ist auch die Zeit der Wiederauferstehung dieses Blogs.

Mein Geburtstag steht bevor. Ein runder. Der Abschluss eines Lebensabschnittes, der Neubeginn für einen weiteren. Mitte des Lebens. Ein etwas mulmiges Gefühl und viele selbstkritische Gedanken.

Aber ich denke in den letzten Tagen auch viel an Menschen, Vorbilder, die mein Leben beeinflusst haben, und für deren Einfluss ich dankbar bin. Aufgewachsen in einer Umwelt, in der ich mich oft unverstanden, isoliert und geringschätzig bewertet gefühlt habe, habe ich meine Vorbilder und Lehrer häufig in einer ausgelagerteren Welt gefunden: In Büchern und Filmen, und später dann als Fan einiger Sängerinnen und Sänger. In dieser Welt konnte ich Seelenverwandte und Mutmacher finden. Menschen, die das in Worte zu fassen vermochten, was ich in mir fühlte.
Einer der ersten und langjährigsten dieser „Lehrmeister“ war Howard Jones. Ich liebte seine Texte und die melancholische Art, wie er sang. Hier fand ich jemanden, der ganz genau ausdrücken konnte, was in mir vorging. Insbesondere die ersten beiden Alben „Human´s Lib“ und „Dream into Action“ waren mir Ausdruck und richtungsweisende Anregung. Was habe ich sie rauf und runter gehört! Was haben sie mir positive Bestärkung gebracht! Mir zugeflüstert, ich sei jemand ganz Besonderes, Einzigartiges, oder ich dürfe –müsse- die Perle in meiner Muschelschale nutzen und zeigen. – Wie sehr hatte ich mir lange Zeit gewünscht, ihn mal persönlich kennenlernen und ihn über das Leben ausfragen zu dürfen…

Und dann, und dann… kam der Tag, viel, viel später, als das Internet es möglich machte und ich erwachsen war, mehr über mein Vorbild zu erfahren. Die Zeit damals als Kind/Jugendliche zu reflektieren und Einblick in Fanpostarchive zu bekommen. So fand ich heraus, dass die Texte, die ich so geliebt hatte, oft von jemand anderem geschrieben worden waren! Auf den LPs war das nicht so erkennbar gewesen für mich. Ein anderer, ein unsichtbarer, nicht greifbarer Kopf hatte diese Gedanken und Gefühle in Worte gefasst und in den Fäden der Musikindustrie verwoben. Ich war desillusioniert, ernüchtert, ent-täuscht.

Wiederum einige Zeit später kam ich in Gedanken auf diesen Moment der Erkenntnis zurück. Ein sanfteres, liebevolleres, ein Herzensbild, kam in mir auf: Auch unter Künstlern soll es wohl so etwas wie „stimmende Chemie“ geben – und auf solch einer Ebene waren vermutlich auch meine Vorbilder zusammen getroffen. Ich hatte halt ein konkretes Gesicht vor Augen, das diesen Spirit verkörperte und ihm seine Stimme gab. Aber es gab scheinbar noch mehr. – Was für ein Gedankenblitz! Noch mehr von „denen“ – noch mehr von uns!. Nicht mehr allein sein. Nicht mehr allein fühlen. Ein Samenkorn von Verbundenheitsgefühl. Das ist doch eine wunderschöne Einsicht! Dafür bin ich dankbar.

Bei einem solchen Rückblick wird mir wieder mal deutlich: es ist alles bereits in uns drin. Mit sich ehrlich zu sein, es ins Bewusstsein zu holen und damit in sein Selbst zu integrieren, das ist die Kunst. Das macht unser Leben erfüllt.

And maybe love is letting people be just what they want to be/ the door always must be left unlocked (Howard Jones, What is Love?)

Don´t crack up, bend your brain, see both sides/ Throw off your mental chains (Howard Jones, New Song)

Ein altbekanntes Gefühl begleitet mich verstärkt (aber nicht nur) durchs Arbeitsleben: Irgendwie komme ich mir wie ein Fremdkörper in jedem Unternehmen vor. Ist halt Beruf, sage ich mir, nicht Berufung. Ein Broterwerb. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Diese Binsenweisheit habe ich dann so halt auch oft übergeneralisierend gelebt, immer gepaart mit innerer Rebellion und Ausbruchversuchen. Das Gute daran: Es hat sich ein einigermaßen stabiles Abgrenzungsvermögen in diesem Bereich entwickelt.

Im Laufe des vergangenen Jahres hat sich etwas getan. Erst unmerklich, dann immer mehr im Vordergrund des Bewusstseins. Das Fremdkörpergefühl schwindet. Die Isoliertheit macht Platz für etwas Neuartiges. Schon seit einiger Zeit, seit etwa der Hälfte meiner Selbstentwicklungsausbildung ist mir eine Art Mantra gegen dieses Isoliertheitsgefühl in den Sinn gekommen: Ich bin ein Teil davon.

Das Ganze geht so: Ich sitze mal wieder vertieft in meine Arbeit, meine Kollegen unterhalten sich über irgendwas – beruflich oder privat – und ich fühle mich ausgeschlossen. Ich nehme das unwohle Gefühl wahr, begrüße es freundlich, bedanke mich, dass es sich zeigt und nehme es bei der Hand zu meinen anderen Anteilen. Ich erkläre ihm: „Auch wenn es für dich jetzt gerade anders aussieht, ich bin ein Teil davon. Ich bin ein Teil dieses Systems. Ich bin ein Teil davon. Ich bin ein Teil davon. Ich bin…“

Dieser Zauberspruch bewirkt baldige Entspannung, sodass ich ohne Druck entscheiden kann, ob ich z.B. mitrede, eine kurze Bemerkung einwerfe oder einfach weiterarbeite und den Soundhintergrund als Hörspiel nehme.
Das Manko des Ganzen: Es hält nicht lange an, bleibt kopfgesteuert. Eine Funktion, die ich immer wieder bewusst aktivieren muss (aber immerhin kann).

In diesem Jahr hat sich etwas geändert. Es hatte sich in einer Nische versteckt und gewartet, bis ich vorbeikomme, um mit einem „Hu“ vor meine Nase zu springen. – Was mich mal wieder zu Tränen gerührt hat. – Ich kann es fühlen!

IchbineinTeildavon ist jetzt in meinem Herzen, in meinem Bauch! Ich muss es mir nicht mehr sagen, jedenfalls nicht mehr so oft. Völlig neue Möglichkeiten eröffnen sich dadurch. Klar, Abgrenzung zur Arbeit ist immer noch erforderlich, um sich nicht von ihr auffressen zu lassen. Aber sie ist nicht mehr so zwanghaft, ist durchlässiger geworden. Und ich kann jetzt eher mal dahin schauen, wie ich mein Potenzial, meine Berufung, tatsächlich und wie immer vom Arbeitgeber gewünscht, pro-aktiv in meine jetzige Stelle einbringen kann. Der Blick hat sich geöffnet und geht wieder ein Stück mehr über den Tellerrand.

Weiß nicht, wohin diese Reise noch führt. Jetzt jedenfalls schaue ich mir erstmal die Sehenswürdigkeiten dieses Ortes an und genieße die Schönheit darin.

Einem neu geborenen Fohlen gleich
Kommt sie wacklig auf die Beine
Stakst sie über die Wiese
Zielbewusst sucht sie sich
Mit Tasten und Stupsen ihre Nahrungsquelle

Frisch genährt
Wagt sie sich weiter
Neugierig, in größer werdenden Kreisen
Übermütig manchmal, fast geht sie durch
Versteigt sich

Bis sie ihre Gangart findet
Und in meist gleichmäßigem Schritt
Ein vor Kraft und Schönheit
Strotzendes Wesen ist
Das in der Herde seinen Platz hat

Manchmal schmerzt Erkenntnis sehr. Besonders, wenn es um den Sinn des Lebens geht. Wenn alle Felle davon zu schwimmen scheinen. Meine Lebensvision, sie entweicht. Immer mehr. Und ich kann ihr nur dabei zusehen; kann – will – sie so nicht mehr festhalten.
Was will das Leben (das Unterbewusstsein) mir damit sagen, dass mir immer und immer wieder das gleiche Muster in individuellen Variationen begegnet? Dass ich mir die Zähne ausbeiße? Mich vor allem mit einem Umfeld aus Psycho-Allergikern und bequemen Komfortzonenliebhabern umgebe, an denen jeder Selbstentwicklungsmissionsgedanke vergebene Liebesmüh ist. Wie kommt es, dass ich nicht in das Weitergeben und Anwenden der erlernten Methoden komme, ins Machen? Warum suche ich mir immer wieder die schwersten Ziele dafür aus?

Ja, es beschäftigt mich noch immer, das Helfen-Wollen.

Der kindlich-narzisstische „Ich-mach-meine-Eltern-und-dann-die-Welt-heil“-Gedanke sitzt scheinbar doch tiefer als ich vermutet hatte und hat sich mir in seinem Auflösen nun vollends entblößt. Ich werde wohl langsam erwachsen.

Von der Wahrnehmung über die Erkenntnis und das Wissen um den Schmerz des Gehenlassens bis hin zum Fühlen ist es ein Weg: erst nachdem ich die letzten Male darüber geschrieben habe, kommt hier und jetzt, unter der Dusche, endlich, der Schmerz zu mir. Der Kummer in meinem Herzen, der das Gehenlassen ermöglicht. Der auch das Weitergehen ermöglicht. Auch einen kurzen Moment in der Selbstmitleidsstarre meines Kind-Ichs erlaube ich mir. Doch ehe ich darin zu zerfließen drohe und mich mit dem Duschwasser den Abfluss herunterspüle, konzentriere ich mich wieder auf mein Herz. Auf das Fühlen. Hinter dem Kummer ist noch mehr. Da ist auch Vertrauen. Vertrauen in das Leben. Vertrauen, dass durch dieses Gehenlassen Platz für etwas Neues entsteht. Keine Ahnung, was es sein könnte. Vielleicht etwas komplett Neues, Andersartiges. Vielleicht kehrt die Vision auch in transformierter Form zurück. Ich habe keinen blassen Schimmer. Das Vertrauen hilft mir, dieses Nicht-Wissen, diese Leere, auszuhalten und durch den Schmerz zu gehen.
***
Die Dusche läuft noch immer. Viel länger als gewöhnlich lasse ich das fließende Wasser mich reinigen an Körper und Geist. Es tut so gut und macht mich wieder bereit für das Hier und Jetzt. Was brauche ich jetzt? Wenn ich loslassen will, brauche ich guten Halt, so paradox es auch klingt. Und den hole ich mir jetzt auch.

Eine sehr auf Äußeres bedachte Kollegin fasst es als Erste in Worte:
„Du siehst irgendwie anders aus. Warst du beim Friseur?“ – „Nein.“

„Hast du neue Ohrringe?“ – „Nein.“
„Hm, komisch.“
Irritiert macht sie sich wieder an die Arbeit.

Mein inneres Lächeln bahnt sich einen Weg in mein Gesicht. Mir dämmert, was sie meinen könnte… Es ist mein erster Arbeitstag nach einem sehr intensiven Ausbildungsmodul. Aus eigenen Beobachtungen weiß ich, dass die ganzheitlichen Selbsterfahrungsübungen, die wir dort durchführen, oft wie eine auch optisch wahrnehmbare Frischzellenkur wirken. Gesichter werden feinporiger, rosiger und glätten sich. Oftmals wird die gesamte Ausstrahlung heller, ganz abgesehen von der körperlichen Seite. – Das dürfte mittlerweile nichts ganz Neues mehr sein. Aber etwas sehr Neues gab es diesmal für mich. Ich habe meine Selbst-Heilung an ganz, ganz tief sitzenden Punkten gespürt und gesehen. Eine Art Verdichtung. Etwas hat sich zusammengefügt und eine klaffende Lücke endlich, endlich dauerhaft und stabil verschlossen. Das erfüllt mich mit einem Frieden, wie ich ihn noch nie verspürt habe.

Ich schaue auf meine Finger. Sie sind nicht mehr durchscheinend. Als wäre der Beam-Vorgang abgeschlossen und mein Körper vollständig materialisiert auf diesem Planeten. Scotty hat gute Arbeit geleistet.

Ich bin angekommen. Endlich kann ich mit den anderen spielen gehen ohne Angst vor den frechen Kindern am anderen Ende der Straße, vor denen meine Eltern mich immer gewarnt haben.

Er hat mich zum Gespräch gebeten. Er macht sich Sorgen, weil ich wieder angefangen habe zu schreiben. Er will, dass ich mit ihm spreche. Ihm das mitteile, was in mir vorgeht. Er hat Sorge, dass „es“ wieder losgeht. Seine Alarmglocken gehen schnell an. Bei jeder Regung von Lebensfreude in mir, bei jedem Fließenlassen von Ausdruck, wie zum Beispiel Schreiben. Seine Psycho-Allergie macht es nicht leichter, mich ihm mitzuteilen. Seine Abwehrkräfte sind so schnell aktivierbar. Zu einem Teil aber kann ich seine Sorge verstehen. Auch ich beobachte mich. Gehe Körperempfindungen durch, gehe meine persönliche Anti-Psychose-Checkliste durch. Versuche, eine Ausgewogenheit zu finden von expressiver Äußerung, z.B. Schreiben, Alltagsgelebe, Ruhepausen und gemeinsam verbrachter Zeit.
Ich lasse mich ein. Erkläre ihm die Gedankengänge, die ich niederschreibe, um sie für mich klarer zu kriegen. Erkläre, woher manch ein Gedankenfragment, ein Gefühl, herkommt, dass ich manchmal hinterfrage. Zum Beispiel über das Helfenwollen und die wirklichen Motive zum Helfen. Gehe in meine Kindheit und versuche, es ihm aufzurollen. Noch während ich rede, macht sich ein resignierendes Gefühl in mir breit, doch ich versuche es weiter. Sein Gesichtsausdruck und seine Reaktionen verraten mir, dass er meine Not, meine Unzufriedenheit hinter dem Ganzen nicht so recht erfassen kann; doch ein Hauch kommt bei ihm an. Und er gibt mir etwas ganz Kostbares: ein Feedback, wie er mich sieht. Dass er keine Notwendigkeit sieht für meine Weiterentwicklung. Dass ich gut bin, so wie ich bin. Ich sehe seine Selbstauskunft in dem Feedback. Aber ich nehme es an. Eine unerwünschte Analyse seiner Worte würde seine Psycho-Allergie aktivieren. Damit wäre keinem von uns geholfen. Ich schaue auf die liebevolle Seite seiner Äußerungen und das Spiegelbild seiner Außenwahrnehmung von mir und öffne das Beziehungs- und Sachohr weiter: es zeigt mir, dass ich dabei bin, mich in meinem Perfektionismus zu versteigen. Dass ich wieder in dem Film der harten Selbstkritik und zu großen Ansprüche gefangen zu werden drohe. Erschöpft beenden wir das Gespräch einvernehmlich, packen die schweren Themen beiseite und beschließen, nun den Feierabend zu genießen.


Das Gespräch wirkt nach. Zwei Tage später erinnere ich mich daran, wie ich mich vor einiger Zeit mit einem positiven Schatten befasst habe: der nur schwach ausgeprägten aggressiven Seite, die zu mangelhaftem Durchsetzungsvermögen führt – meine verdammte Sanftmut. Segen und Fluch in einem. In einem Ritual hatte ich mich doch dafür entschlossen, für sie zu gehen, sie anzunehmen als den Schatz, der sie auch ist. Irgendwie hatte ich das wieder vergessen. Mit diesem Blickwinkel kann ich auch die anderen Selbsterkenntnisse entspannter und erwartungsfreier sehen.
Der herausgenommene Druck erleichtert und entspannt die Kommunikation zwischen ihm und mir (und mir und mir).
Ich bin dankbar für die Erdung, bin meinem Fels in der Brandung dankbar. Und das sage ich ihm auch.

Hab ein neues Wort gelernt: Titration – Feindosierung, eine Fingerfertigkeit, die bei der therapeutischen Arbeit unbedingt angebracht ist.
Das Wort schwingt in mir mit und hallt von allen inneren Wänden zurück. Feindosierung – eine Fingerfertigkeit, die ich gerne mehr hätte. Vielleicht übe ich sie gerade bereits, bin nicht ganz sicher.
Seitdem ich in meine Ausbildung wiedereingestiegen bin, merke ich, wie auch alle Sinnlichkeit wieder mehr zum Leben erwacht. So schön es sich auch anfühlt, es macht mich auch sehr wachsam, um nicht zu sagen, alarmbereit. Die Neigung zu einer nervlichen Überstimuliertheit mit psychotischen Folgen und die Liebe zur Selbsterforschung verlangen eine Ausbalancierung, die tatsächlich ein Gefühl für die richtige Schrittgröße benötigt. Es ist ein Tanz um den Vulkan.
Auch von außen bekomme ich die Notwendigkeit dieser Kunst gespiegelt, wenn wieder mal eines meiner Hilfsangebote gegen die Wand gefahren ist. Irgendwie kriege ich es (noch) nicht hin, das zu kommunizieren, was ich wirklich ausdrücken will. Dabei einladend und offen zu sein und das auch auszustrahlen.

Ein Glück, dass ich ganz gerne mal tanze. Und der Vulkan birgt ein Risiko, das auch Nervenkitzel verspricht. Hab schon immer gerne passgenau gearbeitet… No risk no fun. Und es übt den seelischen Gleichgewichtssinn.

Und doch: etwas in mir verbietet es mir, mich an anderen zu erproben, diese Kunst am Gegenüber zu üben. Ein ethisches (oder moralisches?) Dilemma für mich. Doch von meinem Traum loslassen? Tut sehr, sehr weh, diese Vorstellung. Trotzdem, irgendwie eine richtige Spur…

Als ich sichtbar wurde
Als mir ein Rückgrat wuchs
Und ich Gestalt annahm
War es schon spät
Millionen von Jahren waren vergangen
Ganze Erdzeitalter
So kroch ich aus dem Meer
Und erkundete das Land
Manchmal sitze ich am Strand
Kostbar fühlt sich mir der Sand unter den Fußsohlen an
Und blicke voll Liebe und Ruhe
Manchmal auch Sehnsucht
Aufs weite Meer hinaus