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kleiner Vogel Hoffnung

Kleines Fünkchen Hoffnung
Entflammst du?
Werde ich es schaffen
Dich über den Fluss zu tragen?

Kleiner Vogel Hoffnung
Heilt dein Flügel?
Wirst du im Sommerwind
Wieder Pirouetten schlagen?

Kleine Krume Hoffnung
Mehrst du dich wundersam?
Wird deine reiche Nahrung
Dem Leben wieder Freude sagen?

Ja, ich bin da und ich wachse beständig
Wenn du mich lässt, dann werd ich lebendig

Hier und Jetzt
Ist alles gut
Es gibt nichts zu meckern
Aber auch keinen Mut
Es gibt Sehnsucht
Nach alten Tagen
Gedanken
Die nach Freiheit jagen
Doch nur im Untergrund
Abgeschirmt, tonlos

Vielleicht
Ein anderes Mal
Zu tief
Droht noch das Stimmental
Hier und Jetzt
Ist alles gut
Es gibt nichts zu meckern
Aber auch keinen Mut

Vielleicht ein anderes Mal

Sonnenaufgang

An den Perfektionismus
Ich will dich nicht mundtot machen, aber bitte halt´s Maul
Deine Sprüche sind zynisch, fies, frech und faul
Sag, wie kann ich auch dich zum Herzen noch führen?
Die Liebe dann kannst du bedingungslos spüren
Du bist nicht dumm, doch wie kann deine Stimme mir nutzen?
Sie fordert absolute Reinheit, den Feind vom Gutsein
Das Leben des Menschen ist beides, boshaft und gut
Die Waage zu halten, das macht mir Mut
Vielleicht kannst du meine Wächterin fürs Gleichgewicht sein?
Eine Seiltänzerin mit Regenschirm, ja, das wär´ fein
Das braucht noch viel Übung, na, dann, exercise
Aha, deine Stimme wird freundlicher und leis
Das Seil liegt am Boden, es gibt dir den Grund
Den Balanceakt zu üben, bitte, halt nicht den Mund
So bist du mir sympathisch, so kann mein Herz dich nehmen
Kennt ihr euch erst besser, kannst du dich weiter rauslehnen
Das Seil höher hängen, Pirouetten drehen
Kunststückchen lernen, nur nicht überdehnen
Das alles braucht Zeit, bitte nicht mein ganzes Leben
Wir sind alle Meister, die üben – es wird sich ergeben… es wird sich ergeben

Mikro-Moment

Kalte Tatsachen
Im Moment verhaftet
Wo all die Nebenwirkungen spürbar sind
Im Körper
Gewackel in den Gliedmaßen
Wie Gummi fühlst du dich
Unrast im Körper
Doch der Geist
Steht still
Kann nicht
Darf nicht
Weiter denken
Nicht
Am Himmel kreisen
Wird der Mikro-Moment kostbar
In dem du
Mitten beim Gehen
Die Nebenwirkungen vergisst
Und dass du Medikamente nimmst
Nur, weil der Körper
In genau diesem Mikro-Moment
Genau das macht
Was du willst

Verwandte Texte:
Vorgänger-Gedicht: Medikamente und Selbstliebe
Text: Das, was jetzt gerade ist

graue Wolken

Wenn du die Sonne nicht mehr sehen kannst
Weil die Krücken dich binden auf mittlerer Höh´
Weder Berggipfel noch Talsohle kannst seh´n
Wenn die dampfschlafende Gräue dich umgibt
Als Nebelschwaden um dich schmiegt
Sind alle Eindrücke gedämpft
Egal, ob da dein Haupt gekränzt
Oder als Wurm du auf dem Boden dich windest
Weil du den Eigen-Sinn nicht mehr findest
Wenn die Stimmen von allen Seiten verhallen
Musst du hilflos im Hier und Jetzt verharren
Kannst das weinende Kind in dir bloß halten
Leise hoffen, dass Gott den Trost wird walten
Vielleicht auch die Zeit, das wachsende Moos
Wie findest du hier die Selbstliebe bloß?

Nachthimmel

Sie ist wieder da, die Psychose. Kam ganz plötzlich dieses Mal, geradezu überfallartig über mich. Ich konnte nichts dagegen tun.

Besonders lyrisch ist sie nicht. Viel Geheule, Selbstzweifel, Zukunftsängste, Sorgen und Selbstvorwürfe, was das wohl alles auch mit meiner kleinen Familie macht. Dazwischen lichte Momente von Hoffnung und Lösungssuche. Das alles klingt eher nach Chaos.

Damit ich im Alltag mit meiner kleinen Sonne und meinem Mann einigermaßen funktionieren kann, muss ich wieder Medikamente nehmen. Ich hasse das. Die Nebenwirkungen sind zwar relativ gering im Gegensatz zu älteren Produkten, aber sie sind da und schränken meine Lebensqualität erheblich ein. Unruhe. Schreiben und ruhige, konzentrierte Arbeiten werden zu einem Kraftakt, einer unglaublichen Willensanstrengung. Schneide da mal einer Zweieinhalbjährigen die Fingernägel…

Schön ist was anderes.

Um nicht im Selbstmitleid unterzugehen, ist guter Rat teuer. Obwohl mir meine kleine Familie glücklicherweise Halt und Liebe gibt. Das anzunehmen fällt oft schwer. Warum? Weil die Selbstliebe in solchen Situationen leidet. Sie ist nur noch auf blankes Überleben programmiert und geht schnell in Abwehr, wenn da mehr kommt. Das ist also der Punkt, denke ich.

Wie kann ich in meiner Selbstliebe bleiben oder sie wiederfinden in all dem Morast?

Hatte ich vorhin „lyrisch“ gesagt? Mir fallen die 5 Rhythmen von Gabrielle Roth ein: Flowing, Staccato, Chaos, Lyrical, Stillness. Wenn man die schon einmal getanzt hat, dann merkt man schnell, was einem liegt, wo Vorlieben und Abneigungen sind. Und das Chaos war mir schon immer suspekt. Chaos ist auch eine Phase in der Kundalini-Meditation von Osho. Bei mehrmaliger Praxis verändert sich die Wahrnehmung. Man kann sich an Chaos ein Stück weit gewöhnen, habe ich gemerkt. Und wenn dann die Angst davor weicht, entsteht Raum für neue Wahrnehmungen. Zum Beispiel auch dafür, Vorteile, Angenehmes, die Schönheit im Chaos zu finden. Vielleicht lässt sich die lyrische Phase und alles andere erst dadurch besonders schätzen und genießen, weil es die Chaos-Phase gibt. Aber – ehrlich gesagt, meine Vorlieben liegen nicht in der Chaos-Phase. Und zu lange sollte sie auch nicht dauern.

Die Medikamente bringen immerhin wieder etwas Ruhe und Struktur. Nun kann ich kurz ausruhen und dann hoffentlich mit dem Nachspüren beginnen, was mich da so aus dem Tritt gebracht haben mag.

Wahrhaft schön ist was anderes.

I. Die Enge überwinden

Meine Gedanken wandern. Sie wandern in die Zukunft.

Angst und Unsicherheit im Hinblick auf morgen. Ein Arzttermin. Was werde ich sagen?
Vorfreude und Planung im Blick auf nächste Woche. Eine Woche Urlaub. Ein Ferienhäuschen. Was nehmen wir mit? Was brauchen wir noch?

Dazwischen schweifen Blicke ins Hier und Jetzt. Sich auf den Weg zur Arbeit machen. Am Bahnsteig stehen. Menschen um mich herum. Haltestationen registrieren.

Der Arzttermin spielt sich immer wieder in den Vordergrund. – Du musst es ihr sagen…

Mein Hals wird eng. Wie wird sie reagieren, meine Psychiaterin? Sie ist so megavorsichtig. Ich kann sie ja auch verstehen, die große Verantwortung und so.

Doch hier geht es um mich! Um mein Leben. Um meine Autonomie. Und um Vertrauen in meinen Weg. Das ist es, worum ich bei ihr werben will. Vertrauen in mich, in mein eigenes Gespür.

Verzweiflung macht sich breit. Wie kann ich die richtige Kommunikation finden, wenn jede leidenschaftliche Äußerung als Anzeichen einer manischen Phase gedeutet werden könnte. Jede Träne als Zeichen psychischer Instabilität. Hab ich alles schon mit anderen Menschen in anderen Situationen erlebt. Wieviel Mensch darf ich bei ihr sein?

Vier Jahre lang war ich wieder das brave, angepasste Mädchen. Vor mir selbst und auch vor ihr. Habe jeden Ansatz kritischen Hinterfragens abspeisen lassen mit ihren wortgewandten rhetorischen Fragen, die mir die Argumente raubten. Mein wahres Selbst wieder stumm machten und nur aufs Funktionieren gerichtet waren.

Und doch habe ich es getan. Es ist einfach so passiert, eher zufällig anfangs. Immer öfter hatte ich meine tägliche Tablette vergessen. Bis ich irgendwann, als mir die Häufigkeit bewusster wurde, gedacht habe: nu brauche ich sie auch gar nicht mehr zu nehmen... – Der Mut, das Laufen ohne Krücke mal wieder zu wagen, war da.*

Bei den Kontrollterminen hatte ich mir jedes Mal vorgenommen, es ihr dieses Mal zu sagen. Aber immer blieben mir die Worte in der Kehle stecken. Stattdessen habe ich brav ihre üblichen Fragen beantwortet und mir neue Rezepte geben lassen. Es tat auch ganz gut, eine Extra-Packung als Sicherheitsnetz zu haben. Und ich habe mich selbst sehr genau beobachtet. Habe meine eigene Anti-Psychose-Checkliste, von der ich schon erzählt habe. Und mein Mann weiß es seit einiger Zeit auch.

Der Kloß im Hals ist immer noch da. Ist mächtig. Was kann ich tun, damit all das eben Durchdachte nicht zur Self-fulfilling Prophecy wird?

Mein Denken stößt gegen die Bande und wechselt die Richtung.

Und was ist, wenn ich nicht nur Vertrauen von ihr fordere, sondern auch selber Vertrauen in sie gebe? Ein bisschen Angst vor Enttäuschung ist da, aber ich spüre, das ist eine richtige Spur. Schließlich ist sie auch nur ein Mensch. Noch dazu einer, der mir eigentlich nichts Böses will.

Etwas weitet sich in mir. Ich atme Vertrauen. Fülle meine Lungen damit und lasse es weiter durchs Herz und bis tief in den Bauch strömen.

Der Kloß im Hals wehrt sich noch, aber er wird poröser. Weiteratmen. Vertrauen haben. Atmen. Ein. Aus. Pause. Der Kloß löst sich. Meine Augen fangen an zu brennen, doch bleiben sie ohne Tränen. Immerhin sitze ich in der U-Bahn. (Obwohl das auch kein echtes Tränen-Hindernis ist.)

Schließlich weitet sich meine Kehle endlich wieder. Mein Entschluss ist klar:
Morgen will ich es ihr, morgen werde ich es ihr sagen.

II. Frei sein

Ich bin durch! Ich habe es ihr gesagt! Irgendwie kamen die richtigen Worte. Ohne Vorbereitung, ohne zurechtgelegtes, vordiktiertes Herunterrattern von Argumenten. Ohne aufgesetztes Schuldbewusstsein und ohne gespielten Enthusiasmus bin ich schlicht bei mir geblieben.

Sie war ganz offen! Hat sich sogar für mich gefreut und mir die Rückmeldung gegeben, ich würde ganz klar und stabil wirken. So konnten wir ganz offen von meiner inneren Checkliste und anderen Vorsorgemaßnahmen sprechen.

Als ich die Praxis verlasse, fällt ein Gewicht von mir ab.

Die Sonne scheint vom grauen Himmel und auf dem Weg zur Bahn setzt leichter Regen ein. Ich freue mich. Halte mein Gesicht in die leichten, kalten Tropfen; überquere noch die Straßenkreuzung.

Dann drehe ich mich um, um den Regenbogen zu betrachten.

*Wichtige Bemerkung dazu!!! Ich will niemanden durch diesen Text dazu ermutigen, leichtfertig seine Medikamenteneinnahme abzubrechen! Zumindest eine Zeitlang sind Medikamente ein wichtiger, notwendiger Bestandteil für die Therapie! Bereits ein Jahr zuvor hatte ich mit meinem Therapeuten das Ausschleichen durchgespielt und von ihm Ermutigung erfahren, es mit meiner Ärztin zu besprechen, was ich aber nie geschafft habe. Es ist reiner Zufall gewesen, dass es schlussendlich so gekommen ist, wie ich es hier geschildert habe. Es ist wichtig, diese Sache mit jemand Fachkundigem vorher zu besprechen und dessen Meinung dazu zu hören!

Hab ein neues Wort gelernt: Titration – Feindosierung, eine Fingerfertigkeit, die bei der therapeutischen Arbeit unbedingt angebracht ist.
Das Wort schwingt in mir mit und hallt von allen inneren Wänden zurück. Feindosierung – eine Fingerfertigkeit, die ich gerne mehr hätte. Vielleicht übe ich sie gerade bereits, bin nicht ganz sicher.
Seitdem ich in meine Ausbildung wiedereingestiegen bin, merke ich, wie auch alle Sinnlichkeit wieder mehr zum Leben erwacht. So schön es sich auch anfühlt, es macht mich auch sehr wachsam, um nicht zu sagen, alarmbereit. Die Neigung zu einer nervlichen Überstimuliertheit mit psychotischen Folgen und die Liebe zur Selbsterforschung verlangen eine Ausbalancierung, die tatsächlich ein Gefühl für die richtige Schrittgröße benötigt. Es ist ein Tanz um den Vulkan.
Auch von außen bekomme ich die Notwendigkeit dieser Kunst gespiegelt, wenn wieder mal eines meiner Hilfsangebote gegen die Wand gefahren ist. Irgendwie kriege ich es (noch) nicht hin, das zu kommunizieren, was ich wirklich ausdrücken will. Dabei einladend und offen zu sein und das auch auszustrahlen.

Ein Glück, dass ich ganz gerne mal tanze. Und der Vulkan birgt ein Risiko, das auch Nervenkitzel verspricht. Hab schon immer gerne passgenau gearbeitet… No risk no fun. Und es übt den seelischen Gleichgewichtssinn.

Und doch: etwas in mir verbietet es mir, mich an anderen zu erproben, diese Kunst am Gegenüber zu üben. Ein ethisches (oder moralisches?) Dilemma für mich. Doch von meinem Traum loslassen? Tut sehr, sehr weh, diese Vorstellung. Trotzdem, irgendwie eine richtige Spur…

Prolog
„Ein Wunder eigentlich, dass du bei all den Doppelbotschaften nicht schizophren geworden bist“, sagt meine Therapeutin in einer unserer Gesprächsrunden.


Gut 5 Jahre später
Urknall – Es fängt an
Bämm, schlagartig öffnen sich meine Augen. Ich bin hellwach, stehe unter Strom. Wieviel Uhr ist es? Zwei Uhr nachts? Was ist los? Ich muss etwas tun… Ich muss etwas tun…Ich muss…Ich stehe auf. Ideen sprießen. Die muss ich jemandem mitteilen. Alle schlafen. Das Internet ist immer wach. Also setze ich mich an den Rechner. Ich stürze mich in Kontakt, zwänge mich auf. Ein Verliebtheitsgefühl macht sich breit in mir. Verliebt in wen? In mich selbst? In die Welt? Zwei Wochen vergehen. Strotzend vor Energie, ein Erleuchtungsgefühl in mir, wenig Schlaf, so weitet sich mein Bewusstsein. Bin sehr aufnahmefähig in dieser Zeit. Rezeptiv. Meine Sinne explodieren. Alles fühlt sich weit an! Meine Poren – weit geöffnet! Ich atme Empfindungen mit meiner Haut. Ich tanke Erlebnisse. Kulturveranstaltungen, Freundesbegegnungen – die Welt ist so schön, so bunt, so vielfältig. Jetzt endlich fängt es an! Jetzt endlich entfalte ich mein Potenzial, bin ich wirklich ich!

Es entwickelt sich
Gleichzeitig wächst Wut heran. Wut auf die Vergangenheit. Die vielen Jahre der Unterdrückung und Überanpassung. Der Unfähigkeit, für mich selbst einzustehen. Was haben die mit mir gemacht? Was habe ich mit mir machen lassen? Mein Partner kriegt es jetzt ab. Berechtigtes wie auch Unberechtigtes. Endlose Diskussionen. Klärungsbedarf.
Irgendwie muss ich das alles rauslassen. Ich schreibe und schreibe. Kleine glossenartige Abschnitte. Gedichte, Hörspielideen für Skripte, auch Skizzen für Bilder kommen. Ich komme gar nicht mit mit dem Schreiben. Meine Gedanken rasen zu schnell für meine Finger. Meine Schrift wird fahrig. Habe immer eine Kladde dabei.
Es gibt eine Instanz in mir, die macht sich Sorgen. Die sieht, dass ich zu wenig Schlaf habe, dass er nicht gesund ist, der Rhythmus, den ich jetzt habe. Ich gehe zur Beratung. Sprühend vor Energie und wohl durchaus auch Charme erzähle ich von mir. Unternehme Versuche, die Kräfte in mir auszubalancieren. Nicht genug. Nicht ernsthaft genug. Es fühlt sich zu schön an!
Immer mehr Anteile in mir machen sich bemerkbar. Mein inneres Team wächst und jeder fordert seinen Platz. Viele Gespräche auch mit meinem inneren Kind. Es wächst, es wird groß, auf einmal sitze ich mir selbst auf dem Schoß. Jetzt ist aber Schluss! Steh für dich selber! Sage ich der großen Kleinen. Du kannst das nämlich! Zum Glück habe ich auch einen starken Therapeutinnenanteil in mir. Ich therapiere mich selber. Das geht. In langsamen Schritten. Aber es geht. Es gibt Punkte, die beginnen zu heilen. Ich söhne mich mit einigen hinderlichen, alten Glaubenssätzen aus: mit mir selbst, mit meiner Familiengeschichte, mit meinen Eltern – das hat positive Auswirkungen in meinem realen Leben bis heute.

Es kippt
Mein Neues Ich bläht sich auf. Erst spüre ich nur die Blicke beim Einkaufen. Dann auch, wenn ich aus dem Haus gehe. Überall stehen sie und interessieren sich für MICH. Mit Handys halten sie Kontakt. Machen Fotos, verständigen sich darüber, wohin ich gehe, was ich tue. Kameras überall. Ich fange an, Haken zu schlagen.
Von klein auf habe ich gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen, nonverbale Signale zu deuten, Bildsprache zu verstehen. Jetzt wendet sich dieses Können gegen mich. Die Bildsprache entwickelt ein Eigenleben. Alles ist ein Bild für Alles, ist ein Bild für MICH. Es geht um mich, immer nur um mich. Explodierende Kerne in Fukushima? Ein Bild für mein Innenleben. Rebellen gegen Gaddafi? Rebellen gegen mich. Auch in der U-Bahn und im Großraumbüro wird es laut. Ich kann die Gespräche der anderen nicht mehr ausblenden. Nicht mit Logik wegerklären. Was wollen die alle von mir? Mich erziehen? Mir gar helfen? Wer will mich jetzt erziehen? Wer ist der Regisseur? Wer ist Freund, wer ist Feind? Haha, ich trickse euch alle aus! Ihr kriegt mich nicht, ihr kriegt mich nicht! Meine Gefühle kämpfen gegen meinen Verstand. Da tobt der Sturm.

Es spitzt sich zu
Wem kann ich noch trauen? Wo fühl ich mich sicher? Ich ziehe mich zurück. Düsternis kommt über mich. Verschwörungstheorien überall. Verschlüsselte Verständigung. Können die gar meine Gedanken lesen? Was wollen die von mir? Ich darf nichts mehr aufschreiben, möglichst auch nichts denken. Muss mich dicht machen. Unverletzbar.
Ich werde immer verzweifelter. Sehe kaum noch einen Ausweg. Fühle mich meistens elend. Weiß nicht mehr, wohin mit mir. Zwanghafte Suizidvisionen. Alles in mir wehrt sich dagegen. Ich will leben, ich will leben!
Manchmal streicheln mich die Stimmen aus der Umwelt. Flüstern mir gute Gedanken zu. Trösten mich. Machen mir Mut. Schließlich sagen sie mir wohlmeinend: Geh zum Arzt…geh zum Arzt… Der Gedanke setzt sich fest. Schließlich bekomme ich es auch ganz direkt an mich gerichtet von wohlmeinenden Menschen gesagt. Ich mache einen Termin. DREI Monate Wartezeit! Irgendwie überbrücke ich diese Zeit. Gehe immer weiter zur Arbeit. Mir fehlt ja nichts. Ich werd mich nur mal durchchecken lassen. Vielleicht verschreibt er mir ein Medikament, wenn es sein muss, damit ich wieder fröhlicher bin.

Krank!
„Ich glaube, Sie haben eine Psychose. Ich schreibe Sie dann mal krank“, sagt die Ärztin. Ich falle aus allen Wolken. Krank? So ein Quatsch. Mir fehlt doch nichts! Seit fast einem Jahr geht es mir so, und ich konnte immer arbeiten gehen. Die soll mir ein Medikament verschreiben, und gut ist.
„Sie sollten in eine Klinik gehen. Dort wird es besser werden.“
Eine Klinik…na, toll. Mit lauter Hirnis, was soll ich da? Und dann auch noch Schulmedizin. Die wissen doch gar nicht, was gut ist. Und auf den Spirit achten die schon gar nicht.
Ich gehe in die Klinik. Um Ostern herum, ein Jahr, nachdem es angefangen hat. Es ist Urlaubszeit. Nur notdürftige Versorgung. Kaum Beschäftigung. Wenig Ansprache. Gibt es hier keine Therapeuten? Wofür bin ich hier? Das Schlimmste ist der Geruch. Und das Heimweh.
Hier, von denen, will ich keine Medikamente nehmen. Das wird in einer Weise respektiert, die mir deutlich macht, dass man mich zur Einwilligung in eine medikamentöse Behandlung bringen will. Die Stimmen werden wieder ungnädiger. Tuscheln. Selektive Wahrnehmung mischt sich mit meinen Gedanken. Was will die hier? Die gehört nicht hierher! Die hat doch nix. Die Depressiven rotten sich zusammen. Ich werde blöd von der Seite angemacht. Nach ein paar ineffektiven Wochen halte ich es nicht mehr aus und entlasse mich selbst. Hier und so finde ich keine Heilung.
Was jetzt? Eine Tagesklinik soll die Lösung sein. Eine kurze Zeit geht es hier besser. Dann, nach einem Wochenendausflug, liege ich endlich völlig am Boden. Ich gebe jede Gegenwehr auf. Macht mit mir, was ihr wollt. Gebt mir Tabletten. Ich will nur, dass es endlich aufhört mit dieser Quälerei. Ich will, dass es besser wird!
Zurück in den stationären Aufenthalt. Diesmal endlich mit etwas mehr Behandlung. Kurze Gespräche, medikamentöse Einstellung, Ergotherapie (eher spärliches Angebot in engen, überfüllten Räumen), Höhepunkt ist die wöchentliche Tanztherapie. Auch Trommeln darf ich ein paar Mal gehen. Die meiste Zeit verbringe ich vor dem kleinen Aquarium oder bei den Rauchern am Eingang, um nicht so alleine zu sein. Mein Partner besucht mich jeden Tag nach der Arbeit. Das ist mein absolutes Highlight. Andere Kontakte lasse ich kaum zu. Dies ist kein Ort für gemütliche Treffen. Außerdem sind die meisten meiner Freunde unsicher im Umgang mit mir und brauchen nach all der Aufregung erstmal eine Pause.

Abwarten
Eigentlich ist alles hier nur ein Ausharren und Warten, dass es besser wird. Reizarmut hilft dabei. Mein Partner ist froh und erleichtert, mich sicher untergebracht und auf mich aufgepasst zu wissen. Fürs Lesen bin ich noch zu flirrig, kann mich nicht konzentrieren. Fernsehen gibt es nur im Gemeinschaftsraum. Scheißprogramm! Die Zeit zieht sich.
Die Medikamente schlagen endlich an. Es wird besser. Die Gedanken beruhigen sich, kommen fast zum Stillstand. Ich werde langsam und schläfrig. Ich, eine begeisterte Esserin, habe Ekel vor Essen und nehme rapide ab. Hab ich früher nur von geträumt. Jetzt macht mir das Tempo Angst. Will außerdem nur noch schlafen.
Schließlich hält man mich für bereit für den Übergang in die Tagesklinik. Hier hocken die Insassen viel aufeinander und mein Rückzugs- und Schlafbedürfnis überwiegen, also gehe ich meistens in den Ruheraum und döse auf dem Schlafsessel vor mich hin. Das missfällt den Schwestern hier. Ich bekomme neue Medikamente. Diese wirken bald besser. Das Schlafbedürfnis sinkt. Ich setze mich zu den anderen und lausche deren Unterhaltungen. Keiner so richtig auf meiner Wellenlänge, keine verwandte Seele in Sicht.
Nach und nach entstehen einige, wenige, lose Bekanntschaften. Eher Sympathien. Immerhin gibt es noch heute losen Kontakt. Zarte Annäherungen. Ich gebe mir Mühe, mich an gemeinschaftlichen Aktivitäten zu beteiligen. Das fiel mir schon immer schwer. Ist nicht leichter geworden. Richtig ätzend ist das zweiwöchentliche gemeinsame Kochen.
Acht Monate nach der Diagnose hält man mich endlich für so weit, dass ich die Tagesklinik verlassen kann.

Zurück ins Leben
Wie soll es nun weitergehen? Ich hänge in der Luft. Mein befristeter Anstellungsvertrag ist vor drei Monaten ausgelaufen. Ich hatte keine Kraft, um mein Recht auf Festanstellung nach vier Jahren zu kämpfen. Zu einer anderen Wiedereingliederungsmaßnahme kann ich mich nicht entschließen. Ich habe unfassbares Glück! Kaum bin ich entlassen, meldet sich eine Freundin mit einem Jobangebot aus ihrer Firma. Diese Firma ist Dienstleister für meine alte Firma, sodass ich sogar an den alten Ort zurückkehren kann, nur in eine andere Abteilung. Eine Halbtagsstelle im Büro – das werde ich wohl wuppen. Auch ohne Wiedereingliederung.
Es wird hart. Sehr hart! Niemand außer meiner Freundin weiß hier von meiner Vorgeschichte. Leistung wird verlangt und ich stehe medikamentenbedingt auf einer Leitung, die länger als üblich ist. Eine ungünstige, arbeitsreiche Phase als Einstieg. Alle sind voll beschäftigt. Mit Fragen weiterzukommen, gehört zur Firmenphilosophie. Wer fragt, gewinnt… Ich komme mit Fragen kaum weiter. Fahrige, unvollständige Erklärungen. Ungeduld. Vorwürfe. „Du hast schon wieder…“ Einer Kollegin passt aus irgendwelchen Gründen meine Nase nicht. Ihr Tonfall und ihre Umgangsform grenzen an Mobbing. Mein ohnehin nicht sehr großes Aggressivitätspotenzial wird durch die Medikamente noch mehr gedeckelt. Ich habe nichts entgegen zu setzen, nur mein Durchhaltevermögen. Meine Freundin schwankt zwischen Misstrauen in meine Wahrnehmung und eigener Wahrnehmung des hohen Aggressivitätsgrades meiner Kollegin. Ihr eigenes Erkennen der Situation gewinnt. Sie versucht zu vermitteln. Ein erster Schritt für mich, auch wieder mehr Vertrauen in die Richtigkeit meiner eigenen Wahrnehmung zu fassen.
Irgendwann bin ich schließlich doch eingearbeitet, erledige meine Arbeit angemessen und zuverlässig. Kommunikation und Integration in das Team fallen weiter schwer. Wieder kommt mir das Glück entgegen: die aggressive Kollegin verlässt das Unternehmen. Jetzt geht es aufwärts. Entfristung meines Vertrages, Aufstockung der Stundenzahl auf meinen Wunsch. Ich kann mich etwas mehr für Kommunikation im Team öffnen, muss nicht mehr so viel Energie in Selbstschutz investieren. Erstes Vertrauen kommt mir entgegen. Und auch Zutrauen. Mir werden verantwortungsvollere Aufgaben übergeben.

Ein Schritt nach vorn
Vier Jahre vergehen. Mein Vertrauen in mich und meine Wahrnehmung/Intuition wächst. Meine Dankbarkeit für das schlichte, leistungsfähige Funktionieren im Alltag wandelt sich nach und nach zum Wunsch, wieder einen Schritt nach vorne zu machen. Meine Lebensträume wieder aufzunehmen und zu verfolgen. Die Grunddankbarkeit für das (Wieder-? Neue?)Einssein von Körper, Gefühlen und Verstand bleibt.
Schließlich ergibt es sich, eher zufällig, aus einer Unterhaltung heraus, dass ich beginne, meine früher begonnene Ausbildung zur Selbsterfahrung und -entfaltung wiederaufzunehmen. Natürlich macht mir das auch Angst, denn damit fing alles an: Dass ich den Turbogang in meiner Entwicklung einlegen wollte, immer mehr als in die Vollen gegangen bin. Ich muss gut auf mich achten. Auch Partner und Freunde schauen besorgt, aber mein Drang, meinen Traum zu leben, ist größer. Und: an der Angst geht´s lang, das habe ich in der Therapie gelernt. Alles andere ist Vermeidung und Minderung der Lebensenergie, nacktes Überleben. Ich gebe gut auf mich Acht in der kommenden Zeit und frage auch mein Umfeld nach Alarmzeichen. Es geht alles gut! Meine Haltung hat sich verändert. Kein Turbogang mehr, bitte.

Heilung
Ich könnte weinen, so schön ist es! Ich habe meine Heilung gesehen! Während einer Meditation, die eigentlich auf ein anderes Thema zielte, bekam ich es ganz deutlich vor Augen. Und konnte es auch spüren. So schön, so schön! Ich nehme ein Ich wahr, ein gesundes, kleines Ich, das eine konkrete Form annimmt, nicht mehr nur so durch die Gegend wabert. Ehe man sich von einem Ich lösen kann, muss es ja überhaupt erstmal da sein. Da ist meine Entwicklung etwas gegenläufig zu der der anderen. Das ist mein Weg. Freude erfüllt mich und Zuversicht. Dafür war diese Episode also gut. Mein Energielevel steigt an. Eine Veranlagung zur Überstrapazierung meiner Nervenbahnen scheint in mir vorhanden zu sein, jetzt heißt es: Ruhe bewahren! Sich Zeit lassen. KEINEN Turbogang einlegen. Mit den Füßen auf der Erde bleiben und einfach bewusst genießen, was da kommt.
Hoffen wir das Beste!

Nachwort
Das ist mein Versuch, den Ablauf dieser Episode einigermaßen strukturiert nachzuvollziehen und zu rekapitulieren. In Wirklichkeit fand vieles parallel und auf vielen verschiedenen Ebenen statt.
Ich gebe es zu, ich bin überwiegend Materialistin. Ich glaube, dass so ziemlich das meiste sich in irgendwelchen Zellen abspielt und mit einem Begriff versehen werden kann. Feinstofflichkeit, meinetwegen. Mit Neurowissenschaften lässt sich bestimmt vieles begründen, was sich in mir abgespielt hat. Aber ich bin keine Neurowissenschaftlerin. Ich kann nur aus meiner Sicht sprechen und habe für mich wahrgenommen, dass eine Art Umprogrammierung von Nervenbahnen und –zellen innerlich spürbar stattgefunden hat. Reinigende Blitzlichtgewitter im Gehirn. Das explosionsartige Abplatzen einer Panzerung, ein starker Entwicklungsschub. Das habe ich hier nur schwer darstellen können. Aber ich möchte es nicht unerwähnt lassen. Und doch… und doch… ein Funke Glauben an das Höhere ist noch da. Wie setzt sich das Bewusstsein zusammen? Was macht das Wunder des Lebens aus? Wer kann das schon vollkommen abschließend sagen? Irgendetwas ist da. „I want to believe…“
Heute sehe ich diese Zeit als sehr schmerzhafte, wenn auch zum Teil unterhaltsame und anregende, Integrationsphase der initiierten Persönlichkeitsentwicklung an. Themen und Glaubenssätze, an denen ich sonst vielleicht ein Leben lang schwer zu knabbern gehabt hätte, haben sich aufgelöst oder sehr gelockert. Ich bin dankbar, es erlebt, es überlebt zu haben. Der Turbogang hat gewirkt. Aber er ist sehr risikoreich. Die eigenen Grenzen kennen, auch mal zu achten und nicht ständig zu überschreiten. Respekt vor sich selber und für das eigene Tempo zu haben. Das Ich nicht nur abwertend zu sehen als etwas, das man auflösen sollte, sondern auch als einen kostbaren Schatz, der uns zu Individuen macht und zu unserem Bestehen in dieser Welt befähigt. Nicht zu groß und nicht zu klein. Persönlichkeitsanteile in sich wahrnehmen und ihnen einen Platz zugestehen. Sie nicht ausblenden oder gar ausreißen wollen. Balance halten. Pausen einlegen. Das habe ich daraus mitgenommen.

Fragt man mich heute, wie es mir geht, kann ich vor mir selber eingestehen, ehe ich eine „normal“ verkraftbare Antwort gebe: Den meisten von mir geht´s gut, danke!

Stand 22.10.2015

Diagnose
Es ist eine Psychose
Diagnose
Es ist eine Psychose
Angst im Schlafrock
Rosa Pillen
Dicke Kapseln
Alles schön bunt!
Diagnose
Es ist eine Psychose
Diagnose
Es ist eine Psychose
Funktionale Störung
Des menschlichen Systems
Es rappelt im Gebälk
(Diagnose – Psych-i-ose)
Nervöse Körperzellen
Senden wilde Radiowellen
Diagnose
Schlabberhose
Herbstzeitlose
Vollnarkose
Diagnose
Ich-Neurose
Suppendose
Jahrmarktlose
Keine Nieten!
Jedes Los gewinnt!

03/2011