Beiträge

,

Gegensätze vereinen

Immer mal wieder ertappe ich mich dabei, dass ich schier Unmögliches von mir verlange. Zum Beispiel erwarte ich gerne mal von mir eine Erwartungslosigkeit, die ich Offenheit nenne.

Diese Paradoxie ist so absurd, dass ich direkt darüber schmunzeln muss. Und merke, wie ich sie ein bisschen kitzeln mag. A propos Erwartungen und Kitzeln, sofort fällt mir das gemeinsame gequälte Raunen im Kinosaal bei dem meisterhaften Ende von Inception ein. Dieses Raunen klingt mir gerade wieder im Ohr. Wie schön, dass nicht nur ich Erwartungen habe!

Erwartungen haben in gewissen Stadien auch etwas mit Beziehungen, mit Verbindungen, zu tun. Darüber sinniere ich gerade ein bisschen öfter nach. Ich freue mich festzustellen, dass ich Erwartungen habe…

Uns Menschen macht es wohl unter anderem aus, dass wir in der Lage sind, in verschiedenster Weise und auf verschiedenen Abstraktionsebenen Beziehungen herzustellen. Von ganz nah und gegenständlich bis ziemlich abstrakt. Das zeigt sich auch in unserer Sprache. Die Fähigkeit, eine Bezeichnung – ein Symbol aus Buchstaben – für Gegenstände oder Tätigkeiten, sogar für Gefühle, zu finden, die wir einigermaßen einheitlich in unserem kulturbedingten Wirklichkeitskonstrukt verwenden können, macht es uns möglich, uns über größere räumliche Distanzen auch ohne die räumliche Anwesenheit dieses Gegenstands zu verständigen. Tische können noch so unterschiedlich aussehen; wenn wir darüber reden, ist den meisten doch irgendwie klar, um was es da geht.

In unserer Veranlagung ist diese Beziehungs- und Abstraktionsfähigkeit ganz tief verankert. Das zeigt sich schon bei kleinen Kindern, wenn sie lernen, die Welt zu verstehen und sich zu verständigen. Bei „schau mal, da“ wird in sich weitenden Kreisen sehr schnell nicht mehr auf die Fingerspitze geschaut, sondern in die Richtung des Gezeigten. Um weiter zu gehen, benennen es die Erwachsenen dann näher, und so lernt das Kind immer mehr an Wörtern und Beziehungen in der Welt.

In meinem Empfinden wird das meiste Leid in unserer Welt und in uns selbst dadurch verursacht, dass unsere Fähigkeit, Beziehungen herzustellen, durch innere und/oder äußere Umstände in irgendeiner Form ver-/gestört wurde. Diese klaffende Lücke versuchen wir dann durch irgendwelche schrägen Ansichten auf die Welt und uns selbst auszugleichen. Und Weltsichten beeinflussen unsere Taten. Im schlimmsten Fall macht es unseren Blick und unsere Seele ver-rückt.

Diese Herumsinniererei führt mich an einen Punkt, wo ich sehr stark spüre, dass dieses Erwartungsding sehr eng mit dem Thema Co-Abhängigkeit zusammenhängt. Neben der Entwicklung eines besseren Abgrenzungsvermögens, was ich eher mit Enge verbinden würde, ist gleichzeitig auch eine Weitung erfahrbar.

Für mich begreife ich, dass Erwartungslosigkeit nichts damit zu tun hat, mir Erwartungen zu verbieten, sondern vielmehr, Erwartungen zuzulassen und wahrzunehmen. Erst dann ist es möglich, die Antwort des Lebens oder meines Gegenübers auf diese Erwartung, egal ob Ja oder Nein, zu umarmen. Und damit entsteht eine echte Offenheit.

Die Enge der Abgrenzung und die Weite der Offenheit sind nur scheinbare Gegensätze. In dem Raum, der jenseits der Worte ist, sind sie in einem wunderbaren Liebesspiel vereint. Beim Spielen lässt sich vieles ausprobieren. Mal klappt es besser, mal schlechter… Wie gut, dass sich jemand das Konzept des lebenslangen Lernens ausgedacht hat und wir nicht mehr bei Hänschen und Hans stehen. 😉