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Eine sehr auf Äußeres bedachte Kollegin fasst es als Erste in Worte:
„Du siehst irgendwie anders aus. Warst du beim Friseur?“ – „Nein.“

„Hast du neue Ohrringe?“ – „Nein.“
„Hm, komisch.“
Irritiert macht sie sich wieder an die Arbeit.

Mein inneres Lächeln bahnt sich einen Weg in mein Gesicht. Mir dämmert, was sie meinen könnte… Es ist mein erster Arbeitstag nach einem sehr intensiven Ausbildungsmodul. Aus eigenen Beobachtungen weiß ich, dass die ganzheitlichen Selbsterfahrungsübungen, die wir dort durchführen, oft wie eine auch optisch wahrnehmbare Frischzellenkur wirken. Gesichter werden feinporiger, rosiger und glätten sich. Oftmals wird die gesamte Ausstrahlung heller, ganz abgesehen von der körperlichen Seite. – Das dürfte mittlerweile nichts ganz Neues mehr sein. Aber etwas sehr Neues gab es diesmal für mich. Ich habe meine Selbst-Heilung an ganz, ganz tief sitzenden Punkten gespürt und gesehen. Eine Art Verdichtung. Etwas hat sich zusammengefügt und eine klaffende Lücke endlich, endlich dauerhaft und stabil verschlossen. Das erfüllt mich mit einem Frieden, wie ich ihn noch nie verspürt habe.

Ich schaue auf meine Finger. Sie sind nicht mehr durchscheinend. Als wäre der Beam-Vorgang abgeschlossen und mein Körper vollständig materialisiert auf diesem Planeten. Scotty hat gute Arbeit geleistet.

Ich bin angekommen. Endlich kann ich mit den anderen spielen gehen ohne Angst vor den frechen Kindern am anderen Ende der Straße, vor denen meine Eltern mich immer gewarnt haben.

Hab ein neues Wort gelernt: Titration – Feindosierung, eine Fingerfertigkeit, die bei der therapeutischen Arbeit unbedingt angebracht ist.
Das Wort schwingt in mir mit und hallt von allen inneren Wänden zurück. Feindosierung – eine Fingerfertigkeit, die ich gerne mehr hätte. Vielleicht übe ich sie gerade bereits, bin nicht ganz sicher.
Seitdem ich in meine Ausbildung wiedereingestiegen bin, merke ich, wie auch alle Sinnlichkeit wieder mehr zum Leben erwacht. So schön es sich auch anfühlt, es macht mich auch sehr wachsam, um nicht zu sagen, alarmbereit. Die Neigung zu einer nervlichen Überstimuliertheit mit psychotischen Folgen und die Liebe zur Selbsterforschung verlangen eine Ausbalancierung, die tatsächlich ein Gefühl für die richtige Schrittgröße benötigt. Es ist ein Tanz um den Vulkan.
Auch von außen bekomme ich die Notwendigkeit dieser Kunst gespiegelt, wenn wieder mal eines meiner Hilfsangebote gegen die Wand gefahren ist. Irgendwie kriege ich es (noch) nicht hin, das zu kommunizieren, was ich wirklich ausdrücken will. Dabei einladend und offen zu sein und das auch auszustrahlen.

Ein Glück, dass ich ganz gerne mal tanze. Und der Vulkan birgt ein Risiko, das auch Nervenkitzel verspricht. Hab schon immer gerne passgenau gearbeitet… No risk no fun. Und es übt den seelischen Gleichgewichtssinn.

Und doch: etwas in mir verbietet es mir, mich an anderen zu erproben, diese Kunst am Gegenüber zu üben. Ein ethisches (oder moralisches?) Dilemma für mich. Doch von meinem Traum loslassen? Tut sehr, sehr weh, diese Vorstellung. Trotzdem, irgendwie eine richtige Spur…

Als ich sichtbar wurde
Als mir ein Rückgrat wuchs
Und ich Gestalt annahm
War es schon spät
Millionen von Jahren waren vergangen
Ganze Erdzeitalter
So kroch ich aus dem Meer
Und erkundete das Land
Manchmal sitze ich am Strand
Kostbar fühlt sich mir der Sand unter den Fußsohlen an
Und blicke voll Liebe und Ruhe
Manchmal auch Sehnsucht
Aufs weite Meer hinaus

 

Beim Sport nach Feierabend gerät mir eine Gesprächssequenz vom Vormittag wieder in den Sinn. Wie siehst du mich, Christina, würdest du mich eher als Extro oder als Intro sehen? Ich mag Schubladendenken nicht besonders, auch wenn es manchmal zur Orientierung beitragen kann. Aber wenn´s ihr hilft, ein positiveres neues Selbstbild zu entwickeln…was soll´s. Mit einer Vorahnung, keine „korrekte“ Antwort geben zu können, reagiere ich auf den Feedbackwunsch. Ich sehe dich eher als Extro, sage ich. Wäh, genau reingetappt. Hab schon wieder helfen wollen. Die Strafe folgt auf den Fuß in Form des nächsten Redeschwalls. Ja, könnte man meinen, nicht wahr? Mein Therapeut hat gesagt, das hätte ich mir antrainiert als Kind. Eigentlich bin ich eher Intro, erwidert sie. – Jetzt auf dem Crosstrainer, nachdem der stressige Arbeitstag von mir abfällt, bekomme ich den Kopf frei, um das Gespräch zu reflektieren. Meine Antwort war tatsächlich völlig egal. Es gibt doch immer Yin und Yang, die sich ergänzen und ineinandergreifen. Meistens steht halt ein Anteil einfach mehr im Vordergrund des Bewusstseins (und wohl auch des Selbstbildes). Als Wilbersche Archäologin hole ich den Pinsel raus und beginne, das Fundstück freizupinseln. Hm, interessanter Gedanke, spinne ich weiter: eigentlich bin ich ein Extro, den Intro habe ich mir nur antrainiert als Kind. Ich lache über die Vorstellung einer extrovertierten Christina. Aber dann werde ich ernster. Da ist tatsächlich etwas dran. Ich möchte die Offenheit, die in mir wohnt, herauslassen können. Das war mein Eingangsspruch in der Vorstellungsrunde zu Beginn der Ausbildung. Beides, die Zugewandtheit nach innen wie auch nach außen, sind Qualitäten, die in jedem von uns wohnen. Die Kunst ist es wohl, sie beide wahrnehmen zu lernen und im Idealfall zwischen beiden Polen wählen und nach Bedarf pendeln zu können. Hach, es gibt noch soooo viel zu lernen….

Im Kreis
Gemeinsam tönend
Begleitet von der Shrutibox
Jeder in seinem Atemrhythmus
Jeder in seiner Tonlage
Weben wir einen Klangteppich
Ergibt sich ein Feld
Aus Energie
Freude steigt in mir auf
Erkenntnis wächst im Bauch
Im Herzen:
Ich bin ein Teil davon
Ein Faden in diesem Gewebe
Ohne mich
Fehlt eine Reihe
In diesem Teppich
Ohne die anderen Fäden
Gibt es keinen Teppich

Egoist! Schimpft der Vater gerne über dieses oder jenes. Das Kind versteht nicht. Was ist ein Egoist?, fragt es nach. Ein Ich-Mensch, erklärt der Vater. Jemand, der nur an sich denkt. Das Kind möchte ein liebes Kind sein. An sich denken ist nicht lieb. Das Kind gibt sich große Mühe, sich zu vergessen. Lange Zeit mit Erfolg. Sanft, leise, aber beständig protestiert das Herz. Der Vater kann sich doch nicht irren?!
***
Das heranwachsende Kind spürt einen beständigen, bohrenden Schmerz. Es beobachtet und denkt nach: die Menschen, die oft über Ich-Menschen schimpfen, schimpfen doch eigentlich, weil sie sich durch diesen Egoismus irgendwie bedrängt oder verletzt fühlen. Also denken diese Menschen ja auch an sich und sind selber und noch viel mehr als die anderen Ich-Menschen. Es spürt: Irgendetwas ist da faul an dieser Sache. Etwas setzt sich in Bewegung. Der Vater muss sich geirrt haben. Doch noch immer ist Ich-Mensch-Denkerei sehr negativ belegt für das heranwachsende Kind.
***
Der ist so egoistisch, hört die Frau. Sie muss bitter lächeln. Die Worte kommen aus dem Telefon. Immer wieder. Alle anderen sind egoistisch, weil sie keine Rücksicht auf SIE nehmen, der Sprecherin nicht den Platz anbieten, den sie sich selbst nicht zugesteht. Die Frau denkt an ihren Vater und erkennt: Egoismus ist Selbstfürsorge, Selbstliebe. Der Vater hat sich geirrt!
Das Herz spürt: irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Die Kunst liegt in der Balance. Und in der Brille, die der Betrachter aufhat.

Ich war ein Baum
Gut verwurzelt mit der Erde
Spürte ich die Säfte, die mich nährten,
in mir aufsteigen
Mein Stamm war fest und stark
Stabil in seinen Jahresringen
Die von Vergangenem erzählten
Nur ein Astloch war da
Dort, wo ein Ast ausgefallen war
In diesem Astloch hauste eine Eule
Die mochte ich sehr

Ich war ein Bison
Ich rannte mit der Herde
Etwas einzeln, für mich, doch rannte ich mit ihr
Ich rannte durch die Steppe, bis ich mich erhob
In den Himmel hinein rannte ich
Immer weiter
Ich sah die Herde unter mir, wie sie sich immer neu formte
Einzelne vergingen, andere kamen dazu
Ich sah sie rennen

Ich schwebte in das Blau des Himmels hinein
Ich ging auf im Blau
Und es war gut~~

Dies ist ein Berg mit dreierlei Spitzen
Und ich kann sie alle erstürmen
Ich stehe vorm Ganzen und blicke hoch
Seh´, wie sie sich vor mir türmen
Mache dich auf, du, mein Hasenherz
Streiche ein letztes Mal über dein Fell
Tu einen Schritt aus dir heraus
Nimm einen Schluck aus dem Lebensquell
Und werde zum weißen Adler
Unter fast rundem Mond, leuchtend, ganz hell

Dann breite deine Schwingen aus
Erhebe dich über Baumkronen
Mach dich auf zu dem Höhenflug
Hin, wo Träume und Vergebung wohnen
Lass eine Feder hier als Pfand
Der Schnee dort oben liegt hoch
Blendet das Auge
Ist Trügerisch, doch
Birgt auch hohe Belohnung
Wie sie kein irdisch König vermocht

Der Adler steigt auf, in die luftige Welt
Wo Himmelsbläue ihn umgibt
Wo es Hänge, Klüfte, Bäche zu schauen gilt
Die Erhabenheit des Seins sich verschiebt
Von der ersten Spitze schaut er ins Land
Wolkenweite und Tal unter sich
Von der zweiten Spitze erblicket er
Vergebung und Milde für sich und für dich
Die dritte Spitze nun zeiget ihm
Die Liebe im Herzen auf ewiglich
Die Liebe im Herzen auf ewiglich

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Einen guten Jahreswechsel für Euch! 🙂