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Der letzte Tag des Jahres ist da, und ich liege gesundheitlich angeschlagen im Bett. Kopf und Ohren dröhnen und schmerzen, Nase ist dicht, Hals brennt. Blöd!

So kann ich nicht schlafen, aber zum Wachsein bin ich zu schlaff. Ich hänge zwischen den Welten in diesem dösigen Zustand, den man auch oft vor dem Einschlafen hat. Fast wie im Traum tauchen zusammenhängende Bilder und Gedanken vor mir auf. Eine Art Bilanz meiner bisherigen künstlerisch-kreativen Laufbahn von der Oberstufen-Schulzeit übers Studium bis zur Ergotherapie in der Klinik damals.

Immer wieder taucht die Erinnerung an ein Praxisseminar an der Uni vor mir auf. Damals hatte ich ein Seminar zur Einführung in verschiedene Drucktechniken belegt. Der Honorardozent, selber ein bildender Künstler, hatte als frei auslegbares Oberthema „Selbst“ gewählt, das er uns in einer angenehm sachlichen Art in guter Balance zwischen planerischem Denken und Offenheit für Zufallseffekte näherbrachte. Der Kurs hat mir viel Spaß gemacht, denn zu dieser „schwarzen Kunst“ zieht es mich seit der Oberstufenzeit hin.

Besonders eine Technik, die ich bisher nur dieses eine Mal durchgeführt habe, ist mir hängen geblieben: Aquatinta. Eine Ätztechnik, bei der man in mehreren Stufen abwechselnd die Druckplatte imprägniert und in die Ätzlösung legt, sodass durch verschiedene Helligkeitsstufen das Motiv erkennbar wird. Eine für mich recht anspruchsvolle, aber reizvolle Aufgabe, denn hier braucht es eine gut strukturierte und umgekehrt logische Denkweise. Man muss sozusagen negativ denken – alle Stellen, die hell bleiben sollen, müssen mit dem dunklen Lack imprägniert werden.

Es ist das einzige Werk in diesem Kurs, in dem ich mich dazu überwinden kann, mich vor den Spiegel zu setzen und ganz konkret Gesichts- und Wesenszüge einzufangen versuche. Nachdem ich also zögerlich in einigen Strichen mein Gesicht auf ein Blatt Papier skizziert habe, beginne ich mit der Übertragung und Planung für den Druckstock.

Negativ denken macht Spaß! Das Pferd von hinten aufzuzäumen scheint wohl eine Wesensart von mir zu sein, wie ich so im allgemeinen Rückblick feststelle.

Irgendwann schließlich kommt es endlich zum Druck. Gespannt auf das Ergebnis drehe ich das Papier um, nachdem es aus der Druckerwalze kommt, und bin platt. Es ist ein absoluter Wow-Effekt! Aus ein paar eher unmotivierten Linien ist eine verschiedenstufig abgetönte Fläche entstanden. Zufall und Planung haben sich auf wunderbare Weise ergänzt. Ich freue mich riesig, dass ich das Prinzip des Negativdenkens richtig verstanden und angewendet habe. Das Motiv ist zufälligerweise mein Gesicht und eher zweitrangig für mich.

Mit diesem Erfolgsgefühl komme ich einige Zeit später auf Heimatbesuch und präsentiere die Ergebnisse aus diesem Kurs. Wie so oft wird alles mit einem freundlichen Nicken abgetan. Doch bei dem Aquatintaselbst hält meine Mutter kurz die Luft an. Meine Begeisterung kommt nicht richtig an. Ihr Mund wird zu einem Strich. Dann holt sie aus und schlägt mir ein „Die Kinnpartie ist zu breit geworden“ um die Ohren. Das war´s.

Freude und Begeisterung sacken in mir wieder zusammen. Für eine lange Zeit kann ich diesen Druck nicht ohne diesen Schmerz betrachten, bis beides in Vergessenheit versinkt.

Mein Traumbewusstsein wandert zur nächsten Station. In der Klinik, in der ersten Zeit auf der Station, hatte ich das kurze Glück, dass die Ergotherapieabteilung relativ spärlich besucht war. So hatte der ehrenamtlich dort arbeitende Künstler dort unten im Keller etwas intensivere Betreuungszeit für mich übrig. Ohne von meiner Vorliebe fürs Drucken zu wissen, schlägt er mir bei meinem ersten Besuch dort unten vor, einen Linolschnitt zu machen. Sehr untypisch, wie spätere Erfahrung zeigt. So kann ich mich dem Thema während meiner Krankheit wieder annähern. Das schrittweise Vorgehen wirkt sehr strukturbildend, was mir in dieser Phase der Psychose mit mangelnder Konzentrationsfähigkeit sehr gut tut, weil es das Tempo aus meinen Gedankenströmen herausnimmt. Es gelingt mir in dieser Zeit, einen Linolschnitt anzufertigen. Schließlich aber füllt sich die Klinik und damit die Ergotherapie wieder nach den Ostertagen. Der Künstler nimmt die scharfen Ausschabewerkzeuge wieder unter Verschluss, hat keine Zeit mehr für mich, der Platz in den engen Räumlichkeiten wird knapper, die Acrylmaler breiten sich mit Staffeleien, Modellen und Betreuungsansprüchen aus. Ich ziehe mich zurück.

Nach einiger Zeit lerne ich doch noch etwas Neues kennen, eine malerische Technik diesmal. Ich fange an, mich ein wenig mit Seidenmalerei zu befassen. Materialbeschaffenheit und Farbgestaltungsmöglichkeiten gefallen mir. Auch hier kann/muss man mit Konturen arbeiten. Auch wenn es aufgrund der Enge in den Räumlichkeiten relativ schwer ist, fertige ich drei sehr verschiedenartige Tücher an. Handwerklich sicherlich noch ausbaufähig – die Gestaltung beruht sehr auf Versuch und Irrtum – gefallen mir die Motive dennoch. An diese drei Tücher denke ich jetzt im Traumbewusstsein. Und ein Geschenk kommt zu mir, eine Erkenntnis: Dieses kreative Tätigsein ist doch eine wunderbare Gabe! Sie ist nicht so selbstverständlich, wie ich sie immer abgetan habe. Und sie ist meiner Wertschätzung würdig. Ich brauche mich nicht mehr mit dem Kämpfen und Resignieren im Wunsch nach einem echten „Das hast du gut gemacht“ meiner Familie abzustrampeln. Ich darf und kann mir selbst ein „Das hast du gut gemacht“ geben. Und genau in diesem Moment spüre ich die Sehnsucht und gleichzeitig die Tatkraft in mir, endlich wieder negativ zu denken und künstlerisch tätig zu werden. Dazu brauche ich nur geeignete Räume und etwas Anleitung. Wieder einmal bin ich so dankbar, in dieser großen, wunderbaren Stadt mit ihren vielfältigen kulturellen Angeboten gelandet zu sein. Mein Tor zur Welt.

31.12.2015
Aquatintaselbstwerdung

Dies ist ein Berg mit dreierlei Spitzen
Und ich kann sie alle erstürmen
Ich stehe vorm Ganzen und blicke hoch
Seh´, wie sie sich vor mir türmen
Mache dich auf, du, mein Hasenherz
Streiche ein letztes Mal über dein Fell
Tu einen Schritt aus dir heraus
Nimm einen Schluck aus dem Lebensquell
Und werde zum weißen Adler
Unter fast rundem Mond, leuchtend, ganz hell

Dann breite deine Schwingen aus
Erhebe dich über Baumkronen
Mach dich auf zu dem Höhenflug
Hin, wo Träume und Vergebung wohnen
Lass eine Feder hier als Pfand
Der Schnee dort oben liegt hoch
Blendet das Auge
Ist Trügerisch, doch
Birgt auch hohe Belohnung
Wie sie kein irdisch König vermocht

Der Adler steigt auf, in die luftige Welt
Wo Himmelsbläue ihn umgibt
Wo es Hänge, Klüfte, Bäche zu schauen gilt
Die Erhabenheit des Seins sich verschiebt
Von der ersten Spitze schaut er ins Land
Wolkenweite und Tal unter sich
Von der zweiten Spitze erblicket er
Vergebung und Milde für sich und für dich
Die dritte Spitze nun zeiget ihm
Die Liebe im Herzen auf ewiglich
Die Liebe im Herzen auf ewiglich

Vor den Augen des Lichts
Freundest du dich mit dem Boden an
Wirfst dich auf die Knie
Wälzt dich auf dem Rücken
Windest, überwindest dich
Hände, die tasten
Den Boden unter sich
Glatt und warm ist er
Niemand tritt nach
Kein Lachen erschallt
Würmer, Asseln, egal
Tief weiter unten
Fallen über andres her

Vor den Augen des Lichts
Bewegst du dich zitternd zu Musik
Erhebst dich wieder
Kommst auf die Knie
Auf die Füße zurück
Stehst neu, frisch wie ein Fohlen
Auf deinen Beinen
Bestaunst das Wunder, dass sie dich tragen
Wohin der Weg dich führt
Wohin du willst
Wohin du deinem Herzen folgst

30.03.2011

Alle Teile in Bewegung
Schwingung, Wallung
Bis zum Kochen
Dampf steigt auf
Und schlägt sich nieder
In kleinen Tropfen
Die sich in neuer Form
Zusammen finden

03/2011

Prolog
„Ein Wunder eigentlich, dass du bei all den Doppelbotschaften nicht schizophren geworden bist“, sagt meine Therapeutin in einer unserer Gesprächsrunden.


Gut 5 Jahre später
Urknall – Es fängt an
Bämm, schlagartig öffnen sich meine Augen. Ich bin hellwach, stehe unter Strom. Wieviel Uhr ist es? Zwei Uhr nachts? Was ist los? Ich muss etwas tun… Ich muss etwas tun…Ich muss…Ich stehe auf. Ideen sprießen. Die muss ich jemandem mitteilen. Alle schlafen. Das Internet ist immer wach. Also setze ich mich an den Rechner. Ich stürze mich in Kontakt, zwänge mich auf. Ein Verliebtheitsgefühl macht sich breit in mir. Verliebt in wen? In mich selbst? In die Welt? Zwei Wochen vergehen. Strotzend vor Energie, ein Erleuchtungsgefühl in mir, wenig Schlaf, so weitet sich mein Bewusstsein. Bin sehr aufnahmefähig in dieser Zeit. Rezeptiv. Meine Sinne explodieren. Alles fühlt sich weit an! Meine Poren – weit geöffnet! Ich atme Empfindungen mit meiner Haut. Ich tanke Erlebnisse. Kulturveranstaltungen, Freundesbegegnungen – die Welt ist so schön, so bunt, so vielfältig. Jetzt endlich fängt es an! Jetzt endlich entfalte ich mein Potenzial, bin ich wirklich ich!

Es entwickelt sich
Gleichzeitig wächst Wut heran. Wut auf die Vergangenheit. Die vielen Jahre der Unterdrückung und Überanpassung. Der Unfähigkeit, für mich selbst einzustehen. Was haben die mit mir gemacht? Was habe ich mit mir machen lassen? Mein Partner kriegt es jetzt ab. Berechtigtes wie auch Unberechtigtes. Endlose Diskussionen. Klärungsbedarf.
Irgendwie muss ich das alles rauslassen. Ich schreibe und schreibe. Kleine glossenartige Abschnitte. Gedichte, Hörspielideen für Skripte, auch Skizzen für Bilder kommen. Ich komme gar nicht mit mit dem Schreiben. Meine Gedanken rasen zu schnell für meine Finger. Meine Schrift wird fahrig. Habe immer eine Kladde dabei.
Es gibt eine Instanz in mir, die macht sich Sorgen. Die sieht, dass ich zu wenig Schlaf habe, dass er nicht gesund ist, der Rhythmus, den ich jetzt habe. Ich gehe zur Beratung. Sprühend vor Energie und wohl durchaus auch Charme erzähle ich von mir. Unternehme Versuche, die Kräfte in mir auszubalancieren. Nicht genug. Nicht ernsthaft genug. Es fühlt sich zu schön an!
Immer mehr Anteile in mir machen sich bemerkbar. Mein inneres Team wächst und jeder fordert seinen Platz. Viele Gespräche auch mit meinem inneren Kind. Es wächst, es wird groß, auf einmal sitze ich mir selbst auf dem Schoß. Jetzt ist aber Schluss! Steh für dich selber! Sage ich der großen Kleinen. Du kannst das nämlich! Zum Glück habe ich auch einen starken Therapeutinnenanteil in mir. Ich therapiere mich selber. Das geht. In langsamen Schritten. Aber es geht. Es gibt Punkte, die beginnen zu heilen. Ich söhne mich mit einigen hinderlichen, alten Glaubenssätzen aus: mit mir selbst, mit meiner Familiengeschichte, mit meinen Eltern – das hat positive Auswirkungen in meinem realen Leben bis heute.

Es kippt
Mein Neues Ich bläht sich auf. Erst spüre ich nur die Blicke beim Einkaufen. Dann auch, wenn ich aus dem Haus gehe. Überall stehen sie und interessieren sich für MICH. Mit Handys halten sie Kontakt. Machen Fotos, verständigen sich darüber, wohin ich gehe, was ich tue. Kameras überall. Ich fange an, Haken zu schlagen.
Von klein auf habe ich gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen, nonverbale Signale zu deuten, Bildsprache zu verstehen. Jetzt wendet sich dieses Können gegen mich. Die Bildsprache entwickelt ein Eigenleben. Alles ist ein Bild für Alles, ist ein Bild für MICH. Es geht um mich, immer nur um mich. Explodierende Kerne in Fukushima? Ein Bild für mein Innenleben. Rebellen gegen Gaddafi? Rebellen gegen mich. Auch in der U-Bahn und im Großraumbüro wird es laut. Ich kann die Gespräche der anderen nicht mehr ausblenden. Nicht mit Logik wegerklären. Was wollen die alle von mir? Mich erziehen? Mir gar helfen? Wer will mich jetzt erziehen? Wer ist der Regisseur? Wer ist Freund, wer ist Feind? Haha, ich trickse euch alle aus! Ihr kriegt mich nicht, ihr kriegt mich nicht! Meine Gefühle kämpfen gegen meinen Verstand. Da tobt der Sturm.

Es spitzt sich zu
Wem kann ich noch trauen? Wo fühl ich mich sicher? Ich ziehe mich zurück. Düsternis kommt über mich. Verschwörungstheorien überall. Verschlüsselte Verständigung. Können die gar meine Gedanken lesen? Was wollen die von mir? Ich darf nichts mehr aufschreiben, möglichst auch nichts denken. Muss mich dicht machen. Unverletzbar.
Ich werde immer verzweifelter. Sehe kaum noch einen Ausweg. Fühle mich meistens elend. Weiß nicht mehr, wohin mit mir. Zwanghafte Suizidvisionen. Alles in mir wehrt sich dagegen. Ich will leben, ich will leben!
Manchmal streicheln mich die Stimmen aus der Umwelt. Flüstern mir gute Gedanken zu. Trösten mich. Machen mir Mut. Schließlich sagen sie mir wohlmeinend: Geh zum Arzt…geh zum Arzt… Der Gedanke setzt sich fest. Schließlich bekomme ich es auch ganz direkt an mich gerichtet von wohlmeinenden Menschen gesagt. Ich mache einen Termin. DREI Monate Wartezeit! Irgendwie überbrücke ich diese Zeit. Gehe immer weiter zur Arbeit. Mir fehlt ja nichts. Ich werd mich nur mal durchchecken lassen. Vielleicht verschreibt er mir ein Medikament, wenn es sein muss, damit ich wieder fröhlicher bin.

Krank!
„Ich glaube, Sie haben eine Psychose. Ich schreibe Sie dann mal krank“, sagt die Ärztin. Ich falle aus allen Wolken. Krank? So ein Quatsch. Mir fehlt doch nichts! Seit fast einem Jahr geht es mir so, und ich konnte immer arbeiten gehen. Die soll mir ein Medikament verschreiben, und gut ist.
„Sie sollten in eine Klinik gehen. Dort wird es besser werden.“
Eine Klinik…na, toll. Mit lauter Hirnis, was soll ich da? Und dann auch noch Schulmedizin. Die wissen doch gar nicht, was gut ist. Und auf den Spirit achten die schon gar nicht.
Ich gehe in die Klinik. Um Ostern herum, ein Jahr, nachdem es angefangen hat. Es ist Urlaubszeit. Nur notdürftige Versorgung. Kaum Beschäftigung. Wenig Ansprache. Gibt es hier keine Therapeuten? Wofür bin ich hier? Das Schlimmste ist der Geruch. Und das Heimweh.
Hier, von denen, will ich keine Medikamente nehmen. Das wird in einer Weise respektiert, die mir deutlich macht, dass man mich zur Einwilligung in eine medikamentöse Behandlung bringen will. Die Stimmen werden wieder ungnädiger. Tuscheln. Selektive Wahrnehmung mischt sich mit meinen Gedanken. Was will die hier? Die gehört nicht hierher! Die hat doch nix. Die Depressiven rotten sich zusammen. Ich werde blöd von der Seite angemacht. Nach ein paar ineffektiven Wochen halte ich es nicht mehr aus und entlasse mich selbst. Hier und so finde ich keine Heilung.
Was jetzt? Eine Tagesklinik soll die Lösung sein. Eine kurze Zeit geht es hier besser. Dann, nach einem Wochenendausflug, liege ich endlich völlig am Boden. Ich gebe jede Gegenwehr auf. Macht mit mir, was ihr wollt. Gebt mir Tabletten. Ich will nur, dass es endlich aufhört mit dieser Quälerei. Ich will, dass es besser wird!
Zurück in den stationären Aufenthalt. Diesmal endlich mit etwas mehr Behandlung. Kurze Gespräche, medikamentöse Einstellung, Ergotherapie (eher spärliches Angebot in engen, überfüllten Räumen), Höhepunkt ist die wöchentliche Tanztherapie. Auch Trommeln darf ich ein paar Mal gehen. Die meiste Zeit verbringe ich vor dem kleinen Aquarium oder bei den Rauchern am Eingang, um nicht so alleine zu sein. Mein Partner besucht mich jeden Tag nach der Arbeit. Das ist mein absolutes Highlight. Andere Kontakte lasse ich kaum zu. Dies ist kein Ort für gemütliche Treffen. Außerdem sind die meisten meiner Freunde unsicher im Umgang mit mir und brauchen nach all der Aufregung erstmal eine Pause.

Abwarten
Eigentlich ist alles hier nur ein Ausharren und Warten, dass es besser wird. Reizarmut hilft dabei. Mein Partner ist froh und erleichtert, mich sicher untergebracht und auf mich aufgepasst zu wissen. Fürs Lesen bin ich noch zu flirrig, kann mich nicht konzentrieren. Fernsehen gibt es nur im Gemeinschaftsraum. Scheißprogramm! Die Zeit zieht sich.
Die Medikamente schlagen endlich an. Es wird besser. Die Gedanken beruhigen sich, kommen fast zum Stillstand. Ich werde langsam und schläfrig. Ich, eine begeisterte Esserin, habe Ekel vor Essen und nehme rapide ab. Hab ich früher nur von geträumt. Jetzt macht mir das Tempo Angst. Will außerdem nur noch schlafen.
Schließlich hält man mich für bereit für den Übergang in die Tagesklinik. Hier hocken die Insassen viel aufeinander und mein Rückzugs- und Schlafbedürfnis überwiegen, also gehe ich meistens in den Ruheraum und döse auf dem Schlafsessel vor mich hin. Das missfällt den Schwestern hier. Ich bekomme neue Medikamente. Diese wirken bald besser. Das Schlafbedürfnis sinkt. Ich setze mich zu den anderen und lausche deren Unterhaltungen. Keiner so richtig auf meiner Wellenlänge, keine verwandte Seele in Sicht.
Nach und nach entstehen einige, wenige, lose Bekanntschaften. Eher Sympathien. Immerhin gibt es noch heute losen Kontakt. Zarte Annäherungen. Ich gebe mir Mühe, mich an gemeinschaftlichen Aktivitäten zu beteiligen. Das fiel mir schon immer schwer. Ist nicht leichter geworden. Richtig ätzend ist das zweiwöchentliche gemeinsame Kochen.
Acht Monate nach der Diagnose hält man mich endlich für so weit, dass ich die Tagesklinik verlassen kann.

Zurück ins Leben
Wie soll es nun weitergehen? Ich hänge in der Luft. Mein befristeter Anstellungsvertrag ist vor drei Monaten ausgelaufen. Ich hatte keine Kraft, um mein Recht auf Festanstellung nach vier Jahren zu kämpfen. Zu einer anderen Wiedereingliederungsmaßnahme kann ich mich nicht entschließen. Ich habe unfassbares Glück! Kaum bin ich entlassen, meldet sich eine Freundin mit einem Jobangebot aus ihrer Firma. Diese Firma ist Dienstleister für meine alte Firma, sodass ich sogar an den alten Ort zurückkehren kann, nur in eine andere Abteilung. Eine Halbtagsstelle im Büro – das werde ich wohl wuppen. Auch ohne Wiedereingliederung.
Es wird hart. Sehr hart! Niemand außer meiner Freundin weiß hier von meiner Vorgeschichte. Leistung wird verlangt und ich stehe medikamentenbedingt auf einer Leitung, die länger als üblich ist. Eine ungünstige, arbeitsreiche Phase als Einstieg. Alle sind voll beschäftigt. Mit Fragen weiterzukommen, gehört zur Firmenphilosophie. Wer fragt, gewinnt… Ich komme mit Fragen kaum weiter. Fahrige, unvollständige Erklärungen. Ungeduld. Vorwürfe. „Du hast schon wieder…“ Einer Kollegin passt aus irgendwelchen Gründen meine Nase nicht. Ihr Tonfall und ihre Umgangsform grenzen an Mobbing. Mein ohnehin nicht sehr großes Aggressivitätspotenzial wird durch die Medikamente noch mehr gedeckelt. Ich habe nichts entgegen zu setzen, nur mein Durchhaltevermögen. Meine Freundin schwankt zwischen Misstrauen in meine Wahrnehmung und eigener Wahrnehmung des hohen Aggressivitätsgrades meiner Kollegin. Ihr eigenes Erkennen der Situation gewinnt. Sie versucht zu vermitteln. Ein erster Schritt für mich, auch wieder mehr Vertrauen in die Richtigkeit meiner eigenen Wahrnehmung zu fassen.
Irgendwann bin ich schließlich doch eingearbeitet, erledige meine Arbeit angemessen und zuverlässig. Kommunikation und Integration in das Team fallen weiter schwer. Wieder kommt mir das Glück entgegen: die aggressive Kollegin verlässt das Unternehmen. Jetzt geht es aufwärts. Entfristung meines Vertrages, Aufstockung der Stundenzahl auf meinen Wunsch. Ich kann mich etwas mehr für Kommunikation im Team öffnen, muss nicht mehr so viel Energie in Selbstschutz investieren. Erstes Vertrauen kommt mir entgegen. Und auch Zutrauen. Mir werden verantwortungsvollere Aufgaben übergeben.

Ein Schritt nach vorn
Vier Jahre vergehen. Mein Vertrauen in mich und meine Wahrnehmung/Intuition wächst. Meine Dankbarkeit für das schlichte, leistungsfähige Funktionieren im Alltag wandelt sich nach und nach zum Wunsch, wieder einen Schritt nach vorne zu machen. Meine Lebensträume wieder aufzunehmen und zu verfolgen. Die Grunddankbarkeit für das (Wieder-? Neue?)Einssein von Körper, Gefühlen und Verstand bleibt.
Schließlich ergibt es sich, eher zufällig, aus einer Unterhaltung heraus, dass ich beginne, meine früher begonnene Ausbildung zur Selbsterfahrung und -entfaltung wiederaufzunehmen. Natürlich macht mir das auch Angst, denn damit fing alles an: Dass ich den Turbogang in meiner Entwicklung einlegen wollte, immer mehr als in die Vollen gegangen bin. Ich muss gut auf mich achten. Auch Partner und Freunde schauen besorgt, aber mein Drang, meinen Traum zu leben, ist größer. Und: an der Angst geht´s lang, das habe ich in der Therapie gelernt. Alles andere ist Vermeidung und Minderung der Lebensenergie, nacktes Überleben. Ich gebe gut auf mich Acht in der kommenden Zeit und frage auch mein Umfeld nach Alarmzeichen. Es geht alles gut! Meine Haltung hat sich verändert. Kein Turbogang mehr, bitte.

Heilung
Ich könnte weinen, so schön ist es! Ich habe meine Heilung gesehen! Während einer Meditation, die eigentlich auf ein anderes Thema zielte, bekam ich es ganz deutlich vor Augen. Und konnte es auch spüren. So schön, so schön! Ich nehme ein Ich wahr, ein gesundes, kleines Ich, das eine konkrete Form annimmt, nicht mehr nur so durch die Gegend wabert. Ehe man sich von einem Ich lösen kann, muss es ja überhaupt erstmal da sein. Da ist meine Entwicklung etwas gegenläufig zu der der anderen. Das ist mein Weg. Freude erfüllt mich und Zuversicht. Dafür war diese Episode also gut. Mein Energielevel steigt an. Eine Veranlagung zur Überstrapazierung meiner Nervenbahnen scheint in mir vorhanden zu sein, jetzt heißt es: Ruhe bewahren! Sich Zeit lassen. KEINEN Turbogang einlegen. Mit den Füßen auf der Erde bleiben und einfach bewusst genießen, was da kommt.
Hoffen wir das Beste!

Nachwort
Das ist mein Versuch, den Ablauf dieser Episode einigermaßen strukturiert nachzuvollziehen und zu rekapitulieren. In Wirklichkeit fand vieles parallel und auf vielen verschiedenen Ebenen statt.
Ich gebe es zu, ich bin überwiegend Materialistin. Ich glaube, dass so ziemlich das meiste sich in irgendwelchen Zellen abspielt und mit einem Begriff versehen werden kann. Feinstofflichkeit, meinetwegen. Mit Neurowissenschaften lässt sich bestimmt vieles begründen, was sich in mir abgespielt hat. Aber ich bin keine Neurowissenschaftlerin. Ich kann nur aus meiner Sicht sprechen und habe für mich wahrgenommen, dass eine Art Umprogrammierung von Nervenbahnen und –zellen innerlich spürbar stattgefunden hat. Reinigende Blitzlichtgewitter im Gehirn. Das explosionsartige Abplatzen einer Panzerung, ein starker Entwicklungsschub. Das habe ich hier nur schwer darstellen können. Aber ich möchte es nicht unerwähnt lassen. Und doch… und doch… ein Funke Glauben an das Höhere ist noch da. Wie setzt sich das Bewusstsein zusammen? Was macht das Wunder des Lebens aus? Wer kann das schon vollkommen abschließend sagen? Irgendetwas ist da. „I want to believe…“
Heute sehe ich diese Zeit als sehr schmerzhafte, wenn auch zum Teil unterhaltsame und anregende, Integrationsphase der initiierten Persönlichkeitsentwicklung an. Themen und Glaubenssätze, an denen ich sonst vielleicht ein Leben lang schwer zu knabbern gehabt hätte, haben sich aufgelöst oder sehr gelockert. Ich bin dankbar, es erlebt, es überlebt zu haben. Der Turbogang hat gewirkt. Aber er ist sehr risikoreich. Die eigenen Grenzen kennen, auch mal zu achten und nicht ständig zu überschreiten. Respekt vor sich selber und für das eigene Tempo zu haben. Das Ich nicht nur abwertend zu sehen als etwas, das man auflösen sollte, sondern auch als einen kostbaren Schatz, der uns zu Individuen macht und zu unserem Bestehen in dieser Welt befähigt. Nicht zu groß und nicht zu klein. Persönlichkeitsanteile in sich wahrnehmen und ihnen einen Platz zugestehen. Sie nicht ausblenden oder gar ausreißen wollen. Balance halten. Pausen einlegen. Das habe ich daraus mitgenommen.

Fragt man mich heute, wie es mir geht, kann ich vor mir selber eingestehen, ehe ich eine „normal“ verkraftbare Antwort gebe: Den meisten von mir geht´s gut, danke!

Stand 22.10.2015

Durch rauchige Nächte
Treibt die wilde Jagd
Die Schatten meines Ichs
Die Schatten aus einer vergangenen Welt
Aus verdrehten Wünschen und Hoffnungen
Namenlos treibt es sie
Ziehen sie vorbei
Und bringen mir Angst, Schmerz und Qual
Was einst Freude und Höhenflug war
Führt nun zu meinem tiefen Fall
Klarheit und Verwirrung wechseln sich ab
Tanzen in wildem Reigen
Ich schau allem zu
Leicht fassungslos
Vielleicht soll mir das etwas zeigen
So denke ich nach
So lasse ich los
Ein ständiges Auf und Ab
Klimmzüge sind leichter
Doch komm ich hier durch
Bin ich neu und wunderbar stark.

Ich bin tot, ich schlafe nicht.
In der durchlässigen Zeit des Nebelmondes
Wandert es mich durch verhangene Welten
Mit geschlossenen Augen sehe ich
Nicht einmal, was in mir liegt
Einen Schritt
Und noch einen Schritt
Gehe ich
Fühlend, tastend, spürend
In Hoffnung auf ein neues Licht.

Ich bin nicht tot, ich schlafe nur
In Windmonds stürmischen Zeiten
Kauere ich, träume ich
Vom Wachsen und Werden
Von neuer Geburt
Vom Kommen und Staunen
In neuer Welt, in neuer Sicht.