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Novembersonne

novembersonne kopfweide
novembersonne kopfweide

…ich atme ein…
…ich atme aus…

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Gegensätze vereinen

Immer mal wieder ertappe ich mich dabei, dass ich schier Unmögliches von mir verlange. Zum Beispiel erwarte ich gerne mal von mir eine Erwartungslosigkeit, die ich Offenheit nenne.

Diese Paradoxie ist so absurd, dass ich direkt darüber schmunzeln muss. Und merke, wie ich sie ein bisschen kitzeln mag. A propos Erwartungen und Kitzeln, sofort fällt mir das gemeinsame gequälte Raunen im Kinosaal bei dem meisterhaften Ende von Inception ein. Dieses Raunen klingt mir gerade wieder im Ohr. Wie schön, dass nicht nur ich Erwartungen habe!

Erwartungen haben in gewissen Stadien auch etwas mit Beziehungen, mit Verbindungen, zu tun. Darüber sinniere ich gerade ein bisschen öfter nach. Ich freue mich festzustellen, dass ich Erwartungen habe…

Uns Menschen macht es wohl unter anderem aus, dass wir in der Lage sind, in verschiedenster Weise und auf verschiedenen Abstraktionsebenen Beziehungen herzustellen. Von ganz nah und gegenständlich bis ziemlich abstrakt. Das zeigt sich auch in unserer Sprache. Die Fähigkeit, eine Bezeichnung – ein Symbol aus Buchstaben – für Gegenstände oder Tätigkeiten, sogar für Gefühle, zu finden, die wir einigermaßen einheitlich in unserem kulturbedingten Wirklichkeitskonstrukt verwenden können, macht es uns möglich, uns über größere räumliche Distanzen auch ohne die räumliche Anwesenheit dieses Gegenstands zu verständigen. Tische können noch so unterschiedlich aussehen; wenn wir darüber reden, ist den meisten doch irgendwie klar, um was es da geht.

In unserer Veranlagung ist diese Beziehungs- und Abstraktionsfähigkeit ganz tief verankert. Das zeigt sich schon bei kleinen Kindern, wenn sie lernen, die Welt zu verstehen und sich zu verständigen. Bei „schau mal, da“ wird in sich weitenden Kreisen sehr schnell nicht mehr auf die Fingerspitze geschaut, sondern in die Richtung des Gezeigten. Um weiter zu gehen, benennen es die Erwachsenen dann näher, und so lernt das Kind immer mehr an Wörtern und Beziehungen in der Welt.

In meinem Empfinden wird das meiste Leid in unserer Welt und in uns selbst dadurch verursacht, dass unsere Fähigkeit, Beziehungen herzustellen, durch innere und/oder äußere Umstände in irgendeiner Form ver-/gestört wurde. Diese klaffende Lücke versuchen wir dann durch irgendwelche schrägen Ansichten auf die Welt und uns selbst auszugleichen. Und Weltsichten beeinflussen unsere Taten. Im schlimmsten Fall macht es unseren Blick und unsere Seele ver-rückt.

Diese Herumsinniererei führt mich an einen Punkt, wo ich sehr stark spüre, dass dieses Erwartungsding sehr eng mit dem Thema Co-Abhängigkeit zusammenhängt. Neben der Entwicklung eines besseren Abgrenzungsvermögens, was ich eher mit Enge verbinden würde, ist gleichzeitig auch eine Weitung erfahrbar.

Für mich begreife ich, dass Erwartungslosigkeit nichts damit zu tun hat, mir Erwartungen zu verbieten, sondern vielmehr, Erwartungen zuzulassen und wahrzunehmen. Erst dann ist es möglich, die Antwort des Lebens oder meines Gegenübers auf diese Erwartung, egal ob Ja oder Nein, zu umarmen. Und damit entsteht eine echte Offenheit.

Die Enge der Abgrenzung und die Weite der Offenheit sind nur scheinbare Gegensätze. In dem Raum, der jenseits der Worte ist, sind sie in einem wunderbaren Liebesspiel vereint. Beim Spielen lässt sich vieles ausprobieren. Mal klappt es besser, mal schlechter… Wie gut, dass sich jemand das Konzept des lebenslangen Lernens ausgedacht hat und wir nicht mehr bei Hänschen und Hans stehen. 😉

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Einrichtungskunst für Komfortzonen

Komfortzone. Seit geraumer Zeit schon beschäftigt mich dieser Begriff. Weckt Assoziationen von Sofalümmeln und Entspanntheit. – In den Englischsessions an der Uni haben wir so etwas „False Friends“ genannt. Falsche Freunde.

Komfort – Bequemlichkeit. Was genau ist denn für das Gehirn bequem? Der Mensch ist größtenteils ein Gewohnheitstier. Eingetretene Denkmusterpfade, bekannte, einschätzbare Empfindungen, das ist das, was uns Sicherheit gibt und uns überlebensfähig macht. Hört sich soweit immer noch einigermaßen nett und harmlos an. Mag sein, dass der eine oder andere Sofalümmler sich irgendwann aus reiner Langeweile oder Neugier aus seiner Komfortzone begibt. Doch was ist, wenn mensch es im Laufe seines Lebens gelernt hat/lernen musste, es sich auf einem Nagelbrett bequem zu machen? Als Fakir des Lebens sozusagen? Meistens ist dieses Dasein als Fakir gar nicht so bewusst. Das Pieksen der Nägel bereitet Schmerzen. Mensch windet und dreht sich auf dem Nagelbrett, was das Leiden nicht verringert. Manchmal, wenn es doch ins Bewusstsein hochblubbert, kommt der Wunsch, dieses Nagelbrett zu verlassen und trotzdem bereitet die Vorstellung, einfach aufzustehen, Angst. Das Fühlen dieser Unbequemlichkeit von Nagelbrett ist so vertraut, dass es schon wieder eine Gewohnheit, eine Bequemlichkeit der Denkmuster, eine vermeintliche Sicherheit, darstellt.

Manchmal gibt es Menschen, die es schließlich doch aus innerem Antrieb schaffen, sich von diesem Falschen Freund von einer Komfortzone abzuwenden. Manchmal verharren Menschen im Jammern und spüren sich von unsichtbarer Macht auf dieses Nagelbrett gedrückt. Manchmal braucht es zusätzlich einen Fingerzeig, ein Wachrütteln oder eine Handreichung zum Aufstehen, jedenfalls eine Hilfestellung von außen (und die innere Bereitschaft, diesen Fingerzeig und diese Hilfe auch anzunehmen – kein „Ja…ABER“ gelten zu lassen).

Dann beginnt ein neuer Weg. Ein Weg auf unbekannteren, „unkomfortablen“ Pfaden. Einen neuen Beruf finden, etwas anderes als Fakir. Ein Studium der Innenarchitektur des Lebens, zum Beispiel. Damit mensch sich eine neue, eine echte Komfortzone einrichten kann.

14.11.2015

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Guter Vorsatz fürs neue Jahr: Immer schön negativ denken!

Der letzte Tag des Jahres ist da, und ich liege gesundheitlich angeschlagen im Bett. Kopf und Ohren dröhnen und schmerzen, Nase ist dicht, Hals brennt. Blöd!

So kann ich nicht schlafen, aber zum Wachsein bin ich zu schlaff. Ich hänge zwischen den Welten in diesem dösigen Zustand, den man auch oft vor dem Einschlafen hat. Fast wie im Traum tauchen zusammenhängende Bilder und Gedanken vor mir auf. Eine Art Bilanz meiner bisherigen künstlerisch-kreativen Laufbahn von der Oberstufen-Schulzeit übers Studium bis zur Ergotherapie in der Klinik damals.

Immer wieder taucht die Erinnerung an ein Praxisseminar an der Uni vor mir auf. Damals hatte ich ein Seminar zur Einführung in verschiedene Drucktechniken belegt. Der Honorardozent, selber ein bildender Künstler, hatte als frei auslegbares Oberthema „Selbst“ gewählt, das er uns in einer angenehm sachlichen Art in guter Balance zwischen planerischem Denken und Offenheit für Zufallseffekte näherbrachte. Der Kurs hat mir viel Spaß gemacht, denn zu dieser „schwarzen Kunst“ zieht es mich seit der Oberstufenzeit hin.

Besonders eine Technik, die ich bisher nur dieses eine Mal durchgeführt habe, ist mir hängen geblieben: Aquatinta. Eine Ätztechnik, bei der man in mehreren Stufen abwechselnd die Druckplatte imprägniert und in die Ätzlösung legt, sodass durch verschiedene Helligkeitsstufen das Motiv erkennbar wird. Eine für mich recht anspruchsvolle, aber reizvolle Aufgabe, denn hier braucht es eine gut strukturierte und umgekehrt logische Denkweise. Man muss sozusagen negativ denken – alle Stellen, die hell bleiben sollen, müssen mit dem dunklen Lack imprägniert werden.

Es ist das einzige Werk in diesem Kurs, in dem ich mich dazu überwinden kann, mich vor den Spiegel zu setzen und ganz konkret Gesichts- und Wesenszüge einzufangen versuche. Nachdem ich also zögerlich in einigen Strichen mein Gesicht auf ein Blatt Papier skizziert habe, beginne ich mit der Übertragung und Planung für den Druckstock.

Negativ denken macht Spaß! Das Pferd von hinten aufzuzäumen scheint wohl eine Wesensart von mir zu sein, wie ich so im allgemeinen Rückblick feststelle.

Irgendwann schließlich kommt es endlich zum Druck. Gespannt auf das Ergebnis drehe ich das Papier um, nachdem es aus der Druckerwalze kommt, und bin platt. Es ist ein absoluter Wow-Effekt! Aus ein paar eher unmotivierten Linien ist eine verschiedenstufig abgetönte Fläche entstanden. Zufall und Planung haben sich auf wunderbare Weise ergänzt. Ich freue mich riesig, dass ich das Prinzip des Negativdenkens richtig verstanden und angewendet habe. Das Motiv ist zufälligerweise mein Gesicht und eher zweitrangig für mich.

Mit diesem Erfolgsgefühl komme ich einige Zeit später auf Heimatbesuch und präsentiere die Ergebnisse aus diesem Kurs. Wie so oft wird alles mit einem freundlichen Nicken abgetan. Doch bei dem Aquatintaselbst hält meine Mutter kurz die Luft an. Meine Begeisterung kommt nicht richtig an. Ihr Mund wird zu einem Strich. Dann holt sie aus und schlägt mir ein „Die Kinnpartie ist zu breit geworden“ um die Ohren. Das war´s.

Freude und Begeisterung sacken in mir wieder zusammen. Für eine lange Zeit kann ich diesen Druck nicht ohne diesen Schmerz betrachten, bis beides in Vergessenheit versinkt.

Mein Traumbewusstsein wandert zur nächsten Station. In der Klinik, in der ersten Zeit auf der Station, hatte ich das kurze Glück, dass die Ergotherapieabteilung relativ spärlich besucht war. So hatte der ehrenamtlich dort arbeitende Künstler dort unten im Keller etwas intensivere Betreuungszeit für mich übrig. Ohne von meiner Vorliebe fürs Drucken zu wissen, schlägt er mir bei meinem ersten Besuch dort unten vor, einen Linolschnitt zu machen. Sehr untypisch, wie spätere Erfahrung zeigt. So kann ich mich dem Thema während meiner Krankheit wieder annähern. Das schrittweise Vorgehen wirkt sehr strukturbildend, was mir in dieser Phase der Psychose mit mangelnder Konzentrationsfähigkeit sehr gut tut, weil es das Tempo aus meinen Gedankenströmen herausnimmt. Es gelingt mir in dieser Zeit, einen Linolschnitt anzufertigen. Schließlich aber füllt sich die Klinik und damit die Ergotherapie wieder nach den Ostertagen. Der Künstler nimmt die scharfen Ausschabewerkzeuge wieder unter Verschluss, hat keine Zeit mehr für mich, der Platz in den engen Räumlichkeiten wird knapper, die Acrylmaler breiten sich mit Staffeleien, Modellen und Betreuungsansprüchen aus. Ich ziehe mich zurück.

Nach einiger Zeit lerne ich doch noch etwas Neues kennen, eine malerische Technik diesmal. Ich fange an, mich ein wenig mit Seidenmalerei zu befassen. Materialbeschaffenheit und Farbgestaltungsmöglichkeiten gefallen mir. Auch hier kann/muss man mit Konturen arbeiten. Auch wenn es aufgrund der Enge in den Räumlichkeiten relativ schwer ist, fertige ich drei sehr verschiedenartige Tücher an. Handwerklich sicherlich noch ausbaufähig – die Gestaltung beruht sehr auf Versuch und Irrtum – gefallen mir die Motive dennoch. An diese drei Tücher denke ich jetzt im Traumbewusstsein. Und ein Geschenk kommt zu mir, eine Erkenntnis: Dieses kreative Tätigsein ist doch eine wunderbare Gabe! Sie ist nicht so selbstverständlich, wie ich sie immer abgetan habe. Und sie ist meiner Wertschätzung würdig. Ich brauche mich nicht mehr mit dem Kämpfen und Resignieren im Wunsch nach einem echten „Das hast du gut gemacht“ meiner Familie abzustrampeln. Ich darf und kann mir selbst ein „Das hast du gut gemacht“ geben. Und genau in diesem Moment spüre ich die Sehnsucht und gleichzeitig die Tatkraft in mir, endlich wieder negativ zu denken und künstlerisch tätig zu werden. Dazu brauche ich nur geeignete Räume und etwas Anleitung. Wieder einmal bin ich so dankbar, in dieser großen, wunderbaren Stadt mit ihren vielfältigen kulturellen Angeboten gelandet zu sein. Mein Tor zur Welt.

31.12.2015
Aquatintaselbstwerdung

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Das Universum schlägt zurück

Er hat mich eingeholt, der Hometown-Blues. Ich kann es mir nicht so recht erklären. Ich hatte gedacht, ich hätte ihn abgehängt. Früher hatte ich ihn oft, wenn wir vom Heimatbesuch wieder nach Hause fuhren, es war der Schmerz meiner Kindheit, der dann immer wieder hochkam.

Vielleicht war es einfach die stressige Woche mit vielen dichten Einschlägen privat und auf der Arbeit. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns den Rauhnächten nähern und die Grenzen zwischen den Sphären durchlässiger werden und viele innere Vorgänge in mir brodeln. Vielleicht ist es mein frisch geformtes Ich, das den Hometown-Blues mit seinen Ist-Werten noch nicht kennt und tatsächlich noch Erwartungen hat, die enttäuscht werden könnten. Vermutlich ist es eine Mischung aus alledem.

Schließlich ist es Heiligabend und ich blicke sorgenvoll auf den anstehenden Heimatbesuch. Leicht verzweifelt versuche ich es mit einem Wunsch ans Universum: ich wünsche mir, dass es ein möglichst entspanntes Beisammensein wird. Das ist doch ein guter Wunsch, nu mach mal, liebes Universum, denke ich und fahre mit dem Packen fort.

Doch das Universum schlägt zurück. Mach doch selbst, sagt es:

Bevor es auf die Reise gehen soll, gibt es noch ein kurzes Textnachrichtengeschreibe mit einer Freundin. Ich merke, dass ich etwas pieksig werde, obwohl ich es eigentlich locker, humorvoll klingen lassen wollte. Es kommt zu einem kurzen Innehalten mit der Erkenntnis, dass meine eigene Angespanntheit ganz schön groß ist und die Verletzbarkeit durch unfreundliche oder unentspannte Situationen enorm steigert, wenn nicht sogar hervorruft. Sogleich fällt mit einem lauten Plumps der große Brocken von meinem Herzen. Ich kann tief durchatmen.

***

Was soll ich sagen, es hat gewirkt. Es war eine größtmöglich entspannte Feierei, bei der wir uns einfach freuen konnten, uns im Familienkreis mal wiederzusehen. Es konnte tatsächlich ein Fest der Liebe sein.

03.01.2016

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Wörterbuch des Herzens

In den letzten Jahren, seit auf meiner Arbeit ein System eingeführt wurde, das eine Bonuszahlung an gemeinsam festgelegte zu erreichende Ziele und individuelle Leistung koppelt, macht mir diese jährliche Zielvereinbarung Bauch- und Kopfweh. Ich merke, ich habe ein Problem mit Zielsetzungen, nicht nur mit meiner sich verwandelnden Lebensvision. Sie verursachen mir unangenehmen Leistungsdruck und Stress für Aufgaben, die ich vorher aus eigenem Antrieb in mehr als gewissenhafter Weise gerne erfüllt habe. Als kleines Licht in der großen Wirtschaftswelt schwimme ich zunächst mit dem Strom und blende diese Zielsetzungssache weitestgehend aus.

Weitestgehend. Denn immer wieder beschäftigt es mich gedanklich, diese Sache mit den Zielen, dieses in meiner Sicht beschränkte Leistungsdenken, das ganze System, das mir bigott und daher abstoßend vorkommt, weil in den Firmenphilosophien häufig von individueller Wertschätzung und Förderung die Rede ist und der Mensch angeblich im Mittelpunkt steht, letzten Endes aber doch bloß Leistung und Zahlen bewertet werden. Naja, und dann ist da ja auch diese persönliche Note, diese persönliche Abneigung gegen Ziele… Ich sehe mich selber gerne in dem Licht, zu schauen, was das Leben und der Tag mir so bringen und dann daraus etwas zu machen. Ein etwas mäanderndes und amöbenhaftes Lebensgefühl, in dem ich die Qualität der Akzeptanzfähigkeit sehe. Ich denke, ich kann von mir sagen: Ich habe keine Ziele. – Denke ich…

…und dann…

Das Kreuzworträtsel eckt bei mir an. Missgunst mit vier Buchstaben gesucht.
Widerwillig trage ich ein: NEID.
Woher kommt dieser Widerstand?

Das Herz meldet sich.

Missgunst – das Wort sagt es bereits – nicht gönnen; etwas als gut Bewertetes dem anderen nicht gönnen, ein Gift für die Seele und die Atmosphäre.

Neid – ein Was-der-andere-hat-bewerte-ich-als-gut-und-will-sowas-auch-haben/sein/können, ein Wunschkatalysator also, ein Wegweiser und Antrieb.

Herz sagt: Manchmal gehen Missgunst und Neid Hand in Hand, das kann wohl vorkommen. Aber sie sind auf keinen Fall deckungsgleich.

Natürlich wird bei mir gleich mal wieder die Selbstanalyse angekurbelt. Hm, wirklich missgünstig bin ich sehr selten. Aber neidisch bin ich wohl schon manchmal. So ein Wegweiser hat ja irgendwie auch ein Ziel im Sinn… Das Ich meldet sich damit zu Wort und das ist doch eigentlich ganz gut so.  Habe ich vielleicht doch Ziele? Immerhin beginne ich damit, diesen Gedanken ganz langsam zu akzeptieren.

Aus Zeitmangel gerät das Ziel, über Zielsetzungen klarer zu werden, immer wieder aus dem Fokus. Doch es ploppt immer mal wieder auf. Mindestens einmal im Jahr…

04.11.2015

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Desillusionierung und Dankbarkeit – ein kostbarer Rückblick

Es ist Spätherbst. Irgendwie ist die letzte Zeit eine Zeit der Rückschau. Es ist auch die Zeit der Wiederauferstehung dieses Blogs.

Mein Geburtstag steht bevor. Ein runder. Der Abschluss eines Lebensabschnittes, der Neubeginn für einen weiteren. Mitte des Lebens. Ein etwas mulmiges Gefühl und viele selbstkritische Gedanken.

Aber ich denke in den letzten Tagen auch viel an Menschen, Vorbilder, die mein Leben beeinflusst haben, und für deren Einfluss ich dankbar bin. Aufgewachsen in einer Umwelt, in der ich mich oft unverstanden, isoliert und geringschätzig bewertet gefühlt habe, habe ich meine Vorbilder und Lehrer häufig in einer ausgelagerteren Welt gefunden: In Büchern und Filmen, und später dann als Fan einiger Sängerinnen und Sänger. In dieser Welt konnte ich Seelenverwandte und Mutmacher finden. Menschen, die das in Worte zu fassen vermochten, was ich in mir fühlte.
Einer der ersten und langjährigsten dieser „Lehrmeister“ war Howard Jones. Ich liebte seine Texte und die melancholische Art, wie er sang. Hier fand ich jemanden, der ganz genau ausdrücken konnte, was in mir vorging. Insbesondere die ersten beiden Alben „Human´s Lib“ und „Dream into Action“ waren mir Ausdruck und richtungsweisende Anregung. Was habe ich sie rauf und runter gehört! Was haben sie mir positive Bestärkung gebracht! Mir zugeflüstert, ich sei jemand ganz Besonderes, Einzigartiges, oder ich dürfe –müsse- die Perle in meiner Muschelschale nutzen und zeigen. – Wie sehr hatte ich mir lange Zeit gewünscht, ihn mal persönlich kennenlernen und ihn über das Leben ausfragen zu dürfen…

Und dann, und dann… kam der Tag, viel, viel später, als das Internet es möglich machte und ich erwachsen war, mehr über mein Vorbild zu erfahren. Die Zeit damals als Kind/Jugendliche zu reflektieren und Einblick in Fanpostarchive zu bekommen. So fand ich heraus, dass die Texte, die ich so geliebt hatte, oft von jemand anderem geschrieben worden waren! Auf den LPs war das nicht so erkennbar gewesen für mich. Ein anderer, ein unsichtbarer, nicht greifbarer Kopf hatte diese Gedanken und Gefühle in Worte gefasst und in den Fäden der Musikindustrie verwoben. Ich war desillusioniert, ernüchtert, ent-täuscht.

Wiederum einige Zeit später kam ich in Gedanken auf diesen Moment der Erkenntnis zurück. Ein sanfteres, liebevolleres, ein Herzensbild, kam in mir auf: Auch unter Künstlern soll es wohl so etwas wie „stimmende Chemie“ geben – und auf solch einer Ebene waren vermutlich auch meine Vorbilder zusammen getroffen. Ich hatte halt ein konkretes Gesicht vor Augen, das diesen Spirit verkörperte und ihm seine Stimme gab. Aber es gab scheinbar noch mehr. – Was für ein Gedankenblitz! Noch mehr von „denen“ – noch mehr von uns!. Nicht mehr allein sein. Nicht mehr allein fühlen. Ein Samenkorn von Verbundenheitsgefühl. Das ist doch eine wunderschöne Einsicht! Dafür bin ich dankbar.

Bei einem solchen Rückblick wird mir wieder mal deutlich: es ist alles bereits in uns drin. Mit sich ehrlich zu sein, es ins Bewusstsein zu holen und damit in sein Selbst zu integrieren, das ist die Kunst. Das macht unser Leben erfüllt.

And maybe love is letting people be just what they want to be/ the door always must be left unlocked (Howard Jones, What is Love?)

Don´t crack up, bend your brain, see both sides/ Throw off your mental chains (Howard Jones, New Song)

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Ein treuer Begleiter verabschiedet sich

Ein altbekanntes Gefühl begleitet mich verstärkt (aber nicht nur) durchs Arbeitsleben: Irgendwie komme ich mir wie ein Fremdkörper in jedem Unternehmen vor. Ist halt Beruf, sage ich mir, nicht Berufung. Ein Broterwerb. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Diese Binsenweisheit habe ich dann so halt auch oft übergeneralisierend gelebt, immer gepaart mit innerer Rebellion und Ausbruchversuchen. Das Gute daran: Es hat sich ein einigermaßen stabiles Abgrenzungsvermögen in diesem Bereich entwickelt.

Im Laufe des vergangenen Jahres hat sich etwas getan. Erst unmerklich, dann immer mehr im Vordergrund des Bewusstseins. Das Fremdkörpergefühl schwindet. Die Isoliertheit macht Platz für etwas Neuartiges. Schon seit einiger Zeit, seit etwa der Hälfte meiner Selbstentwicklungsausbildung ist mir eine Art Mantra gegen dieses Isoliertheitsgefühl in den Sinn gekommen: Ich bin ein Teil davon.

Das Ganze geht so: Ich sitze mal wieder vertieft in meine Arbeit, meine Kollegen unterhalten sich über irgendwas – beruflich oder privat – und ich fühle mich ausgeschlossen. Ich nehme das unwohle Gefühl wahr, begrüße es freundlich, bedanke mich, dass es sich zeigt und nehme es bei der Hand zu meinen anderen Anteilen. Ich erkläre ihm: „Auch wenn es für dich jetzt gerade anders aussieht, ich bin ein Teil davon. Ich bin ein Teil dieses Systems. Ich bin ein Teil davon. Ich bin ein Teil davon. Ich bin…“

Dieser Zauberspruch bewirkt baldige Entspannung, sodass ich ohne Druck entscheiden kann, ob ich z.B. mitrede, eine kurze Bemerkung einwerfe oder einfach weiterarbeite und den Soundhintergrund als Hörspiel nehme.
Das Manko des Ganzen: Es hält nicht lange an, bleibt kopfgesteuert. Eine Funktion, die ich immer wieder bewusst aktivieren muss (aber immerhin kann).

In diesem Jahr hat sich etwas geändert. Es hatte sich in einer Nische versteckt und gewartet, bis ich vorbeikomme, um mit einem „Hu“ vor meine Nase zu springen. – Was mich mal wieder zu Tränen gerührt hat. – Ich kann es fühlen!

IchbineinTeildavon ist jetzt in meinem Herzen, in meinem Bauch! Ich muss es mir nicht mehr sagen, jedenfalls nicht mehr so oft. Völlig neue Möglichkeiten eröffnen sich dadurch. Klar, Abgrenzung zur Arbeit ist immer noch erforderlich, um sich nicht von ihr auffressen zu lassen. Aber sie ist nicht mehr so zwanghaft, ist durchlässiger geworden. Und ich kann jetzt eher mal dahin schauen, wie ich mein Potenzial, meine Berufung, tatsächlich und wie immer vom Arbeitgeber gewünscht, pro-aktiv in meine jetzige Stelle einbringen kann. Der Blick hat sich geöffnet und geht wieder ein Stück mehr über den Tellerrand.

Weiß nicht, wohin diese Reise noch führt. Jetzt jedenfalls schaue ich mir erstmal die Sehenswürdigkeiten dieses Ortes an und genieße die Schönheit darin.

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Abgrenzung

Einem neu geborenen Fohlen gleich
Kommt sie wacklig auf die Beine
Stakst sie über die Wiese
Zielbewusst sucht sie sich
Mit Tasten und Stupsen ihre Nahrungsquelle

Frisch genährt
Wagt sie sich weiter
Neugierig, in größer werdenden Kreisen
Übermütig manchmal, fast geht sie durch
Versteigt sich

Bis sie ihre Gangart findet
Und in meist gleichmäßigem Schritt
Ein vor Kraft und Schönheit
Strotzendes Wesen ist
Das in der Herde seinen Platz hat

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Als ich sichtbar wurde II

Eine sehr auf Äußeres bedachte Kollegin fasst es als Erste in Worte:
„Du siehst irgendwie anders aus. Warst du beim Friseur?“ – „Nein.“

„Hast du neue Ohrringe?“ – „Nein.“
„Hm, komisch.“
Irritiert macht sie sich wieder an die Arbeit.

Mein inneres Lächeln bahnt sich einen Weg in mein Gesicht. Mir dämmert, was sie meinen könnte… Es ist mein erster Arbeitstag nach einem sehr intensiven Ausbildungsmodul. Aus eigenen Beobachtungen weiß ich, dass die ganzheitlichen Selbsterfahrungsübungen, die wir dort durchführen, oft wie eine auch optisch wahrnehmbare Frischzellenkur wirken. Gesichter werden feinporiger, rosiger und glätten sich. Oftmals wird die gesamte Ausstrahlung heller, ganz abgesehen von der körperlichen Seite. – Das dürfte mittlerweile nichts ganz Neues mehr sein. Aber etwas sehr Neues gab es diesmal für mich. Ich habe meine Selbst-Heilung an ganz, ganz tief sitzenden Punkten gespürt und gesehen. Eine Art Verdichtung. Etwas hat sich zusammengefügt und eine klaffende Lücke endlich, endlich dauerhaft und stabil verschlossen. Das erfüllt mich mit einem Frieden, wie ich ihn noch nie verspürt habe.

Ich schaue auf meine Finger. Sie sind nicht mehr durchscheinend. Als wäre der Beam-Vorgang abgeschlossen und mein Körper vollständig materialisiert auf diesem Planeten. Scotty hat gute Arbeit geleistet.

Ich bin angekommen. Endlich kann ich mit den anderen spielen gehen ohne Angst vor den frechen Kindern am anderen Ende der Straße, vor denen meine Eltern mich immer gewarnt haben.