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Ein Unterschied

Noch immer tanze ich allein
Doch ist das Gefühl ein anderes
Es ist ok, ich zu sein

Inmitten einer Gruppe
Beobachte ich
Andere
Mich
Uns

Es ist ok, ich zu sein
Noch immer tanze ich allein

6.4.2016

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Einrichtungskunst für Komfortzonen

Komfortzone. Seit geraumer Zeit schon beschäftigt mich dieser Begriff. Weckt Assoziationen von Sofalümmeln und Entspanntheit. – In den Englischsessions an der Uni haben wir so etwas „False Friends“ genannt. Falsche Freunde.

Komfort – Bequemlichkeit. Was genau ist denn für das Gehirn bequem? Der Mensch ist größtenteils ein Gewohnheitstier. Eingetretene Denkmusterpfade, bekannte, einschätzbare Empfindungen, das ist das, was uns Sicherheit gibt und uns überlebensfähig macht. Hört sich soweit immer noch einigermaßen nett und harmlos an. Mag sein, dass der eine oder andere Sofalümmler sich irgendwann aus reiner Langeweile oder Neugier aus seiner Komfortzone begibt. Doch was ist, wenn mensch es im Laufe seines Lebens gelernt hat/lernen musste, es sich auf einem Nagelbrett bequem zu machen? Als Fakir des Lebens sozusagen? Meistens ist dieses Dasein als Fakir gar nicht so bewusst. Das Pieksen der Nägel bereitet Schmerzen. Mensch windet und dreht sich auf dem Nagelbrett, was das Leiden nicht verringert. Manchmal, wenn es doch ins Bewusstsein hochblubbert, kommt der Wunsch, dieses Nagelbrett zu verlassen und trotzdem bereitet die Vorstellung, einfach aufzustehen, Angst. Das Fühlen dieser Unbequemlichkeit von Nagelbrett ist so vertraut, dass es schon wieder eine Gewohnheit, eine Bequemlichkeit der Denkmuster, eine vermeintliche Sicherheit, darstellt.

Manchmal gibt es Menschen, die es schließlich doch aus innerem Antrieb schaffen, sich von diesem Falschen Freund von einer Komfortzone abzuwenden. Manchmal verharren Menschen im Jammern und spüren sich von unsichtbarer Macht auf dieses Nagelbrett gedrückt. Manchmal braucht es zusätzlich einen Fingerzeig, ein Wachrütteln oder eine Handreichung zum Aufstehen, jedenfalls eine Hilfestellung von außen (und die innere Bereitschaft, diesen Fingerzeig und diese Hilfe auch anzunehmen – kein „Ja…ABER“ gelten zu lassen).

Dann beginnt ein neuer Weg. Ein Weg auf unbekannteren, „unkomfortablen“ Pfaden. Einen neuen Beruf finden, etwas anderes als Fakir. Ein Studium der Innenarchitektur des Lebens, zum Beispiel. Damit mensch sich eine neue, eine echte Komfortzone einrichten kann.

14.11.2015

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Herz+Ich+Verstand+RestvomKörper (HändeAugenOhrenMund)=Herz-l-ich

Ein allein gelassenes Herz
Neigt zu ziellosem Umherziehen
Suchend richtet es sich hierhin, dorthin
Und kommt doch niemals richtig an

Bestenfalls
Ziehen andere einen Nutzen daraus
Während das suchende Herz
Immer hungriger wird

Erst wenn es Weggesellen findet
Die einander die Hände reichen
Kann aus ziellosem Schweifen
Eine Wanderung werden
Kann aus dem Suchen
Ein Finden werden
Kann aus Geben und Nehmen
Echte Liebe strömen

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Wörterbuch des Herzens

In den letzten Jahren, seit auf meiner Arbeit ein System eingeführt wurde, das eine Bonuszahlung an gemeinsam festgelegte zu erreichende Ziele und individuelle Leistung koppelt, macht mir diese jährliche Zielvereinbarung Bauch- und Kopfweh. Ich merke, ich habe ein Problem mit Zielsetzungen, nicht nur mit meiner sich verwandelnden Lebensvision. Sie verursachen mir unangenehmen Leistungsdruck und Stress für Aufgaben, die ich vorher aus eigenem Antrieb in mehr als gewissenhafter Weise gerne erfüllt habe. Als kleines Licht in der großen Wirtschaftswelt schwimme ich zunächst mit dem Strom und blende diese Zielsetzungssache weitestgehend aus.

Weitestgehend. Denn immer wieder beschäftigt es mich gedanklich, diese Sache mit den Zielen, dieses in meiner Sicht beschränkte Leistungsdenken, das ganze System, das mir bigott und daher abstoßend vorkommt, weil in den Firmenphilosophien häufig von individueller Wertschätzung und Förderung die Rede ist und der Mensch angeblich im Mittelpunkt steht, letzten Endes aber doch bloß Leistung und Zahlen bewertet werden. Naja, und dann ist da ja auch diese persönliche Note, diese persönliche Abneigung gegen Ziele… Ich sehe mich selber gerne in dem Licht, zu schauen, was das Leben und der Tag mir so bringen und dann daraus etwas zu machen. Ein etwas mäanderndes und amöbenhaftes Lebensgefühl, in dem ich die Qualität der Akzeptanzfähigkeit sehe. Ich denke, ich kann von mir sagen: Ich habe keine Ziele. – Denke ich…

…und dann…

Das Kreuzworträtsel eckt bei mir an. Missgunst mit vier Buchstaben gesucht.
Widerwillig trage ich ein: NEID.
Woher kommt dieser Widerstand?

Das Herz meldet sich.

Missgunst – das Wort sagt es bereits – nicht gönnen; etwas als gut Bewertetes dem anderen nicht gönnen, ein Gift für die Seele und die Atmosphäre.

Neid – ein Was-der-andere-hat-bewerte-ich-als-gut-und-will-sowas-auch-haben/sein/können, ein Wunschkatalysator also, ein Wegweiser und Antrieb.

Herz sagt: Manchmal gehen Missgunst und Neid Hand in Hand, das kann wohl vorkommen. Aber sie sind auf keinen Fall deckungsgleich.

Natürlich wird bei mir gleich mal wieder die Selbstanalyse angekurbelt. Hm, wirklich missgünstig bin ich sehr selten. Aber neidisch bin ich wohl schon manchmal. So ein Wegweiser hat ja irgendwie auch ein Ziel im Sinn… Das Ich meldet sich damit zu Wort und das ist doch eigentlich ganz gut so.  Habe ich vielleicht doch Ziele? Immerhin beginne ich damit, diesen Gedanken ganz langsam zu akzeptieren.

Aus Zeitmangel gerät das Ziel, über Zielsetzungen klarer zu werden, immer wieder aus dem Fokus. Doch es ploppt immer mal wieder auf. Mindestens einmal im Jahr…

04.11.2015

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Desillusionierung und Dankbarkeit – ein kostbarer Rückblick

Es ist Spätherbst. Irgendwie ist die letzte Zeit eine Zeit der Rückschau. Es ist auch die Zeit der Wiederauferstehung dieses Blogs.

Mein Geburtstag steht bevor. Ein runder. Der Abschluss eines Lebensabschnittes, der Neubeginn für einen weiteren. Mitte des Lebens. Ein etwas mulmiges Gefühl und viele selbstkritische Gedanken.

Aber ich denke in den letzten Tagen auch viel an Menschen, Vorbilder, die mein Leben beeinflusst haben, und für deren Einfluss ich dankbar bin. Aufgewachsen in einer Umwelt, in der ich mich oft unverstanden, isoliert und geringschätzig bewertet gefühlt habe, habe ich meine Vorbilder und Lehrer häufig in einer ausgelagerteren Welt gefunden: In Büchern und Filmen, und später dann als Fan einiger Sängerinnen und Sänger. In dieser Welt konnte ich Seelenverwandte und Mutmacher finden. Menschen, die das in Worte zu fassen vermochten, was ich in mir fühlte.
Einer der ersten und langjährigsten dieser „Lehrmeister“ war Howard Jones. Ich liebte seine Texte und die melancholische Art, wie er sang. Hier fand ich jemanden, der ganz genau ausdrücken konnte, was in mir vorging. Insbesondere die ersten beiden Alben „Human´s Lib“ und „Dream into Action“ waren mir Ausdruck und richtungsweisende Anregung. Was habe ich sie rauf und runter gehört! Was haben sie mir positive Bestärkung gebracht! Mir zugeflüstert, ich sei jemand ganz Besonderes, Einzigartiges, oder ich dürfe –müsse- die Perle in meiner Muschelschale nutzen und zeigen. – Wie sehr hatte ich mir lange Zeit gewünscht, ihn mal persönlich kennenlernen und ihn über das Leben ausfragen zu dürfen…

Und dann, und dann… kam der Tag, viel, viel später, als das Internet es möglich machte und ich erwachsen war, mehr über mein Vorbild zu erfahren. Die Zeit damals als Kind/Jugendliche zu reflektieren und Einblick in Fanpostarchive zu bekommen. So fand ich heraus, dass die Texte, die ich so geliebt hatte, oft von jemand anderem geschrieben worden waren! Auf den LPs war das nicht so erkennbar gewesen für mich. Ein anderer, ein unsichtbarer, nicht greifbarer Kopf hatte diese Gedanken und Gefühle in Worte gefasst und in den Fäden der Musikindustrie verwoben. Ich war desillusioniert, ernüchtert, ent-täuscht.

Wiederum einige Zeit später kam ich in Gedanken auf diesen Moment der Erkenntnis zurück. Ein sanfteres, liebevolleres, ein Herzensbild, kam in mir auf: Auch unter Künstlern soll es wohl so etwas wie „stimmende Chemie“ geben – und auf solch einer Ebene waren vermutlich auch meine Vorbilder zusammen getroffen. Ich hatte halt ein konkretes Gesicht vor Augen, das diesen Spirit verkörperte und ihm seine Stimme gab. Aber es gab scheinbar noch mehr. – Was für ein Gedankenblitz! Noch mehr von „denen“ – noch mehr von uns!. Nicht mehr allein sein. Nicht mehr allein fühlen. Ein Samenkorn von Verbundenheitsgefühl. Das ist doch eine wunderschöne Einsicht! Dafür bin ich dankbar.

Bei einem solchen Rückblick wird mir wieder mal deutlich: es ist alles bereits in uns drin. Mit sich ehrlich zu sein, es ins Bewusstsein zu holen und damit in sein Selbst zu integrieren, das ist die Kunst. Das macht unser Leben erfüllt.

And maybe love is letting people be just what they want to be/ the door always must be left unlocked (Howard Jones, What is Love?)

Don´t crack up, bend your brain, see both sides/ Throw off your mental chains (Howard Jones, New Song)

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Ein treuer Begleiter verabschiedet sich

Ein altbekanntes Gefühl begleitet mich verstärkt (aber nicht nur) durchs Arbeitsleben: Irgendwie komme ich mir wie ein Fremdkörper in jedem Unternehmen vor. Ist halt Beruf, sage ich mir, nicht Berufung. Ein Broterwerb. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Diese Binsenweisheit habe ich dann so halt auch oft übergeneralisierend gelebt, immer gepaart mit innerer Rebellion und Ausbruchversuchen. Das Gute daran: Es hat sich ein einigermaßen stabiles Abgrenzungsvermögen in diesem Bereich entwickelt.

Im Laufe des vergangenen Jahres hat sich etwas getan. Erst unmerklich, dann immer mehr im Vordergrund des Bewusstseins. Das Fremdkörpergefühl schwindet. Die Isoliertheit macht Platz für etwas Neuartiges. Schon seit einiger Zeit, seit etwa der Hälfte meiner Selbstentwicklungsausbildung ist mir eine Art Mantra gegen dieses Isoliertheitsgefühl in den Sinn gekommen: Ich bin ein Teil davon.

Das Ganze geht so: Ich sitze mal wieder vertieft in meine Arbeit, meine Kollegen unterhalten sich über irgendwas – beruflich oder privat – und ich fühle mich ausgeschlossen. Ich nehme das unwohle Gefühl wahr, begrüße es freundlich, bedanke mich, dass es sich zeigt und nehme es bei der Hand zu meinen anderen Anteilen. Ich erkläre ihm: „Auch wenn es für dich jetzt gerade anders aussieht, ich bin ein Teil davon. Ich bin ein Teil dieses Systems. Ich bin ein Teil davon. Ich bin ein Teil davon. Ich bin…“

Dieser Zauberspruch bewirkt baldige Entspannung, sodass ich ohne Druck entscheiden kann, ob ich z.B. mitrede, eine kurze Bemerkung einwerfe oder einfach weiterarbeite und den Soundhintergrund als Hörspiel nehme.
Das Manko des Ganzen: Es hält nicht lange an, bleibt kopfgesteuert. Eine Funktion, die ich immer wieder bewusst aktivieren muss (aber immerhin kann).

In diesem Jahr hat sich etwas geändert. Es hatte sich in einer Nische versteckt und gewartet, bis ich vorbeikomme, um mit einem „Hu“ vor meine Nase zu springen. – Was mich mal wieder zu Tränen gerührt hat. – Ich kann es fühlen!

IchbineinTeildavon ist jetzt in meinem Herzen, in meinem Bauch! Ich muss es mir nicht mehr sagen, jedenfalls nicht mehr so oft. Völlig neue Möglichkeiten eröffnen sich dadurch. Klar, Abgrenzung zur Arbeit ist immer noch erforderlich, um sich nicht von ihr auffressen zu lassen. Aber sie ist nicht mehr so zwanghaft, ist durchlässiger geworden. Und ich kann jetzt eher mal dahin schauen, wie ich mein Potenzial, meine Berufung, tatsächlich und wie immer vom Arbeitgeber gewünscht, pro-aktiv in meine jetzige Stelle einbringen kann. Der Blick hat sich geöffnet und geht wieder ein Stück mehr über den Tellerrand.

Weiß nicht, wohin diese Reise noch führt. Jetzt jedenfalls schaue ich mir erstmal die Sehenswürdigkeiten dieses Ortes an und genieße die Schönheit darin.

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Wissen ist Macht, Nicht-Wissen macht auch nix

Manchmal schmerzt Erkenntnis sehr. Besonders, wenn es um den Sinn des Lebens geht. Wenn alle Felle davon zu schwimmen scheinen. Meine Lebensvision, sie entweicht. Immer mehr. Und ich kann ihr nur dabei zusehen; kann – will – sie so nicht mehr festhalten.
Was will das Leben (das Unterbewusstsein) mir damit sagen, dass mir immer und immer wieder das gleiche Muster in individuellen Variationen begegnet? Dass ich mir die Zähne ausbeiße? Mich vor allem mit einem Umfeld aus Psycho-Allergikern und bequemen Komfortzonenliebhabern umgebe, an denen jeder Selbstentwicklungsmissionsgedanke vergebene Liebesmüh ist. Wie kommt es, dass ich nicht in das Weitergeben und Anwenden der erlernten Methoden komme, ins Machen? Warum suche ich mir immer wieder die schwersten Ziele dafür aus?

Ja, es beschäftigt mich noch immer, das Helfen-Wollen.

Der kindlich-narzisstische „Ich-mach-meine-Eltern-und-dann-die-Welt-heil“-Gedanke sitzt scheinbar doch tiefer als ich vermutet hatte und hat sich mir in seinem Auflösen nun vollends entblößt. Ich werde wohl langsam erwachsen.

Von der Wahrnehmung über die Erkenntnis und das Wissen um den Schmerz des Gehenlassens bis hin zum Fühlen ist es ein Weg: erst nachdem ich die letzten Male darüber geschrieben habe, kommt hier und jetzt, unter der Dusche, endlich, der Schmerz zu mir. Der Kummer in meinem Herzen, der das Gehenlassen ermöglicht. Der auch das Weitergehen ermöglicht. Auch einen kurzen Moment in der Selbstmitleidsstarre meines Kind-Ichs erlaube ich mir. Doch ehe ich darin zu zerfließen drohe und mich mit dem Duschwasser den Abfluss herunterspüle, konzentriere ich mich wieder auf mein Herz. Auf das Fühlen. Hinter dem Kummer ist noch mehr. Da ist auch Vertrauen. Vertrauen in das Leben. Vertrauen, dass durch dieses Gehenlassen Platz für etwas Neues entsteht. Keine Ahnung, was es sein könnte. Vielleicht etwas komplett Neues, Andersartiges. Vielleicht kehrt die Vision auch in transformierter Form zurück. Ich habe keinen blassen Schimmer. Das Vertrauen hilft mir, dieses Nicht-Wissen, diese Leere, auszuhalten und durch den Schmerz zu gehen.
***
Die Dusche läuft noch immer. Viel länger als gewöhnlich lasse ich das fließende Wasser mich reinigen an Körper und Geist. Es tut so gut und macht mich wieder bereit für das Hier und Jetzt. Was brauche ich jetzt? Wenn ich loslassen will, brauche ich guten Halt, so paradox es auch klingt. Und den hole ich mir jetzt auch.

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Als ich sichtbar wurde II

Eine sehr auf Äußeres bedachte Kollegin fasst es als Erste in Worte:
„Du siehst irgendwie anders aus. Warst du beim Friseur?“ – „Nein.“

„Hast du neue Ohrringe?“ – „Nein.“
„Hm, komisch.“
Irritiert macht sie sich wieder an die Arbeit.

Mein inneres Lächeln bahnt sich einen Weg in mein Gesicht. Mir dämmert, was sie meinen könnte… Es ist mein erster Arbeitstag nach einem sehr intensiven Ausbildungsmodul. Aus eigenen Beobachtungen weiß ich, dass die ganzheitlichen Selbsterfahrungsübungen, die wir dort durchführen, oft wie eine auch optisch wahrnehmbare Frischzellenkur wirken. Gesichter werden feinporiger, rosiger und glätten sich. Oftmals wird die gesamte Ausstrahlung heller, ganz abgesehen von der körperlichen Seite. – Das dürfte mittlerweile nichts ganz Neues mehr sein. Aber etwas sehr Neues gab es diesmal für mich. Ich habe meine Selbst-Heilung an ganz, ganz tief sitzenden Punkten gespürt und gesehen. Eine Art Verdichtung. Etwas hat sich zusammengefügt und eine klaffende Lücke endlich, endlich dauerhaft und stabil verschlossen. Das erfüllt mich mit einem Frieden, wie ich ihn noch nie verspürt habe.

Ich schaue auf meine Finger. Sie sind nicht mehr durchscheinend. Als wäre der Beam-Vorgang abgeschlossen und mein Körper vollständig materialisiert auf diesem Planeten. Scotty hat gute Arbeit geleistet.

Ich bin angekommen. Endlich kann ich mit den anderen spielen gehen ohne Angst vor den frechen Kindern am anderen Ende der Straße, vor denen meine Eltern mich immer gewarnt haben.

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Das Meer in uns

Wetter Helgoland Regenschauer

Auge in Auge
So stehen wir

Eine Begegnung hier im Raum

Ich bin da und du bist da

Eine Luke öffnet sich
Ein Blick in die Tiefe

Der weite Ozean
Aus dem wir alle kommen
Ich nehme ihn wahr
Spüre ihn tief in mir
Sehe auch dich darin
Wie kleine Einzeller
Mit dünner, durchlässiger Zellwand
Durchfließen wir die See
Durchfließt die See uns
Und füllt unser Inneres
Gleichzeitig fühle ich
Den Boden unter meinen Füßen
Meinen Körper in diesem Raum
Unseren Blickkontakt
Und wie ich ihn nicht nur aushalte
Sondern erwidere
Von Mensch zu Mensch
Mit einer Fülle von Geschenken:
Bewusstsein, Körper, Wahrnehmung, Persönlichkeit, Kontaktfähigkeit
Lebendige Dankbarkeit und Freude

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Der Motor

Das Telefon dudelt. Innerlich zucke ich zusammen. Ich werde nicht drangehen, nehme ich mir vor. Mein pflichtbewusstes, gewissenhaftes Herz klopft. Ich halte es aus, denn Eigenschutz geht vor.
Irgendwann habe ich dir mal erzählt, wann ich meistens morgens aufstehe. Das hast du dir gemerkt. Pünktlich greifst du zum Hörer und wählst meine Nummer. Das ist deine Art von Rücksichtnahme: nicht vor dem Aufstehen anzurufen. Manchmal verbirgst du deine Nummer. Glaubst du wirklich, dass das deine Chancen erhöht, dass ich drangehe?
Ich stehe wieder einmal vor der Entscheidung: Frühstücken, mich fertig zu machen für den Tag und noch ein paar Momente für mich zu haben; vielleicht etwas zu schreiben, vielleicht etwas, das erledigt werden muss, zu erledigen und dann pünktlich auf der Arbeit zu sein (also theoretisch auch pünktlich Feierabend machen zu können). – Oder ans Telefon zu gehen, mir deinen Schwall anzuhören, mich davon runterziehen zu lassen, mich hilflos und wehrlos zu fühlen, weil ich nicht zu Wort komme und die paar Worte von mir kaum zu dir durchdringen oder in einer weiteren Rechtfertigungsschleife abgewehrt werden und dann auch noch zu spät zur Arbeit zu erscheinen.
Manchmal bringen mein schlechtes Gewissen und ein nicht kleinzukriegender Glaube an das Gute mich dazu, doch dranzugehen. Durchschnittliche Gesprächsdauer: 53 Minuten.
Im Klartext: du kriegst dein Leben nicht auf die Reihe. Aber in meine Gedankenwelt bist du eingedrungen. Ob ich ans Telefon gehe oder nicht. Mein lösungsorientiertes Denken scannt alles mir Bekannte, Bewusste, Begegnende nach einer Lösung, nach einem Ansatzpunkt für dich.
Eines Tages reißt mir der Geduldsfaden. Ich stelle mir ein Ultimatum: Ich entschließe mich, jetzt noch ein Hilfsangebot, eine Lösungsmöglichkeit in den Raum zu stellen für dich und wenn du diesmal nicht einen Schritt tust, dann werde ich diese Freundschaft (?) kündigen. Ich kann es nicht mehr mit ansehen und anhören, deine seelische und verbale Selbstzerfleischung. Meine Grenze ist längst überschritten. Allein der Gedanke, dass eine Kündigung unserer Beziehung dir den letzten Kick geben könnte, hält mich fest. Was für eine Last!
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Ich will Kontakt zu einer Klinik aufnehmen, von der ich schon sehr viel Gutes gehört habe und die mit den Methoden arbeitet, die ich selber erlerne und durchgemacht habe. Du hast bereits selber dort angefragt vor einiger Zeit, doch ich brauche Klarheit und Fakten für mich, denen ich vertrauen kann. Da ich mündlich nun einmal nicht so gut bin, wähle ich die schriftliche Kontaktaufnahme. Ist gar nicht so einfach, eine E-Mail-Adresse ausfindig zu machen. Aber ich finde eine.
Auf meine E-Mail bekomme ich eine kurze Rückmeldung. Ich „darf“ Kontakt aufnehmen – telefonisch.
Es braucht zwei Tage, ehe ich mir ein Herz fasse. Ich will diese Sache vom Tisch haben, will Klarheit, wenigstens für mich. Also wähle ich die Nummer. Beim zweiten Mal komme ich durch. Ich spreche mit der Aufnahmepsychologin, versuche, den Fall zu schildern. Doch sie stürzt sich gleich auf mich. Genau das hatte ich befürchtet. Sie ist Psychologin, sie kann nicht anders. Was denn mit mir wäre, dass ich mich so schlecht von dieser Freundin abgrenzen könne. Dass sie mir wünsche, dass ich da ganz schnell eine Begleitung hätte, um das zu lernen… Wieder dieses Gefühl, wenn jemand mir nicht zuhört und auf das, was ich sage, eingeht: wehrlos und unfähig. Gleichzeitig empfinde ich Wut und gebe auf. – Natürlich hat sie Recht, das weiß ich. Abgrenzung ist eine Baustelle für mich. Aber, bitte, ist es nicht einfach mal menschlich, dass man bei all den Lebensmüdigkeitsschwällen, die da auf einen mehrmals die Woche einströmen, aufweicht? Jetzt gerade geht es nicht um mich, sondern um jemand anderen. Und mit meiner eigenen Menschwerdung und all dem Kram werkele ich nun schon wirklich genug herum. Da sorge ich durchaus für mich selbst. All das kann diese Frau natürlich nicht wissen. Und ich kann es nicht in Worte fassen, habe schon wieder aufgegeben, habe auch keine Lust, mich in so eine Rechtfertigungs- und Erklärungsschleife so tief hineinzubegeben. Ein paar sehr allgemeingültige Eckdaten über den Aufenthalt in der Klinik erhalte ich immerhin und auch die Erlaubnis, dass die Freundin sich an diese Nummer wenden könne. Wütend auf mich selbst und entmutigt lege ich auf.
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Die Wut erfüllt mich mit Energie. Sie wird mir zum Motor. Ich weiß: diese Energie wird nicht lange vorhalten und dann fresse ich sie in mich hinein und wende sie gegen mich. Also: Wann, wenn nicht jetzt? Telefon wieder in die Hand, Nummer gewählt, jetzt spreche ich! – Ich habe Glück, meine Freundin geht dran. Ihre weinerliche Stimme schreit schon wieder nach Fürsorge. Ich höre nicht hin. Jetzt spreche ich! Klare, kurze Ansagen in einem festen, eindringlichen Ton; die richtigen Worte kommen zur richtigen Zeit wie von allein. Ich sage ihr nichts Neues, aber in einem neuen Tonfall. Dass ich an einer Grenze angekommen bin, dass sie dringend professionelle und kontinuierliche Hilfe braucht und sie sich holen muss, dass es niemanden gibt, der für ihr Leben die Verantwortung übernehmen kann außer ihr selbst. Sie ist still. Sie hört zu! Kurze Rechtfertigungsansätze überrolle ich. Nein, jetzt rede ich! Das, was ich da sage, scheint bei ihr anzukommen. Ihre Erwiderungen klingen ein wenig aufgeräumter als sonst. Meinerseits ist alles gesagt. Der Energiepegel sinkt rapide. Er reicht gerade noch, einen Schlusspunkt unter das Gespräch zu ziehen und sie nicht wieder zu sehr ins Reden kommen zu lassen.
Spürbar erleichtert lege ich auf. Der Weg ist vorbereitet. Jetzt ist es an ihr, etwas daraus zu machen. Es ist nicht mehr bei mir, es ist bei ihr. Wo es hin gehört.
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So schade, dass ich es bis jetzt nicht schaffe, meine übliche Gelassenheit verlässlich und steuerbar mit der Gesprächs- und Durchsetzungsfähigkeit der Wut zu verbinden. Ich schenke diesem Gedanken ein Lächeln. Ganz schön hoch gegriffenes Ziel, etwas für den Feinschliff. Naja, vielleicht, eines Tages, wenn ich mal groß bin…