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Das Telefon dudelt. Innerlich zucke ich zusammen. Ich werde nicht drangehen, nehme ich mir vor. Mein pflichtbewusstes, gewissenhaftes Herz klopft. Ich halte es aus, denn Eigenschutz geht vor.
Irgendwann habe ich dir mal erzählt, wann ich meistens morgens aufstehe. Das hast du dir gemerkt. Pünktlich greifst du zum Hörer und wählst meine Nummer. Das ist deine Art von Rücksichtnahme: nicht vor dem Aufstehen anzurufen. Manchmal verbirgst du deine Nummer. Glaubst du wirklich, dass das deine Chancen erhöht, dass ich drangehe?
Ich stehe wieder einmal vor der Entscheidung: Frühstücken, mich fertig zu machen für den Tag und noch ein paar Momente für mich zu haben; vielleicht etwas zu schreiben, vielleicht etwas, das erledigt werden muss, zu erledigen und dann pünktlich auf der Arbeit zu sein (also theoretisch auch pünktlich Feierabend machen zu können). – Oder ans Telefon zu gehen, mir deinen Schwall anzuhören, mich davon runterziehen zu lassen, mich hilflos und wehrlos zu fühlen, weil ich nicht zu Wort komme und die paar Worte von mir kaum zu dir durchdringen oder in einer weiteren Rechtfertigungsschleife abgewehrt werden und dann auch noch zu spät zur Arbeit zu erscheinen.
Manchmal bringen mein schlechtes Gewissen und ein nicht kleinzukriegender Glaube an das Gute mich dazu, doch dranzugehen. Durchschnittliche Gesprächsdauer: 53 Minuten.
Im Klartext: du kriegst dein Leben nicht auf die Reihe. Aber in meine Gedankenwelt bist du eingedrungen. Ob ich ans Telefon gehe oder nicht. Mein lösungsorientiertes Denken scannt alles mir Bekannte, Bewusste, Begegnende nach einer Lösung, nach einem Ansatzpunkt für dich.
Eines Tages reißt mir der Geduldsfaden. Ich stelle mir ein Ultimatum: Ich entschließe mich, jetzt noch ein Hilfsangebot, eine Lösungsmöglichkeit in den Raum zu stellen für dich und wenn du diesmal nicht einen Schritt tust, dann werde ich diese Freundschaft (?) kündigen. Ich kann es nicht mehr mit ansehen und anhören, deine seelische und verbale Selbstzerfleischung. Meine Grenze ist längst überschritten. Allein der Gedanke, dass eine Kündigung unserer Beziehung dir den letzten Kick geben könnte, hält mich fest. Was für eine Last!
***
Ich will Kontakt zu einer Klinik aufnehmen, von der ich schon sehr viel Gutes gehört habe und die mit den Methoden arbeitet, die ich selber erlerne und durchgemacht habe. Du hast bereits selber dort angefragt vor einiger Zeit, doch ich brauche Klarheit und Fakten für mich, denen ich vertrauen kann. Da ich mündlich nun einmal nicht so gut bin, wähle ich die schriftliche Kontaktaufnahme. Ist gar nicht so einfach, eine E-Mail-Adresse ausfindig zu machen. Aber ich finde eine.
Auf meine E-Mail bekomme ich eine kurze Rückmeldung. Ich „darf“ Kontakt aufnehmen – telefonisch.
Es braucht zwei Tage, ehe ich mir ein Herz fasse. Ich will diese Sache vom Tisch haben, will Klarheit, wenigstens für mich. Also wähle ich die Nummer. Beim zweiten Mal komme ich durch. Ich spreche mit der Aufnahmepsychologin, versuche, den Fall zu schildern. Doch sie stürzt sich gleich auf mich. Genau das hatte ich befürchtet. Sie ist Psychologin, sie kann nicht anders. Was denn mit mir wäre, dass ich mich so schlecht von dieser Freundin abgrenzen könne. Dass sie mir wünsche, dass ich da ganz schnell eine Begleitung hätte, um das zu lernen… Wieder dieses Gefühl, wenn jemand mir nicht zuhört und auf das, was ich sage, eingeht: wehrlos und unfähig. Gleichzeitig empfinde ich Wut und gebe auf. – Natürlich hat sie Recht, das weiß ich. Abgrenzung ist eine Baustelle für mich. Aber, bitte, ist es nicht einfach mal menschlich, dass man bei all den Lebensmüdigkeitsschwällen, die da auf einen mehrmals die Woche einströmen, aufweicht? Jetzt gerade geht es nicht um mich, sondern um jemand anderen. Und mit meiner eigenen Menschwerdung und all dem Kram werkele ich nun schon wirklich genug herum. Da sorge ich durchaus für mich selbst. All das kann diese Frau natürlich nicht wissen. Und ich kann es nicht in Worte fassen, habe schon wieder aufgegeben, habe auch keine Lust, mich in so eine Rechtfertigungs- und Erklärungsschleife so tief hineinzubegeben. Ein paar sehr allgemeingültige Eckdaten über den Aufenthalt in der Klinik erhalte ich immerhin und auch die Erlaubnis, dass die Freundin sich an diese Nummer wenden könne. Wütend auf mich selbst und entmutigt lege ich auf.
***
Die Wut erfüllt mich mit Energie. Sie wird mir zum Motor. Ich weiß: diese Energie wird nicht lange vorhalten und dann fresse ich sie in mich hinein und wende sie gegen mich. Also: Wann, wenn nicht jetzt? Telefon wieder in die Hand, Nummer gewählt, jetzt spreche ich! – Ich habe Glück, meine Freundin geht dran. Ihre weinerliche Stimme schreit schon wieder nach Fürsorge. Ich höre nicht hin. Jetzt spreche ich! Klare, kurze Ansagen in einem festen, eindringlichen Ton; die richtigen Worte kommen zur richtigen Zeit wie von allein. Ich sage ihr nichts Neues, aber in einem neuen Tonfall. Dass ich an einer Grenze angekommen bin, dass sie dringend professionelle und kontinuierliche Hilfe braucht und sie sich holen muss, dass es niemanden gibt, der für ihr Leben die Verantwortung übernehmen kann außer ihr selbst. Sie ist still. Sie hört zu! Kurze Rechtfertigungsansätze überrolle ich. Nein, jetzt rede ich! Das, was ich da sage, scheint bei ihr anzukommen. Ihre Erwiderungen klingen ein wenig aufgeräumter als sonst. Meinerseits ist alles gesagt. Der Energiepegel sinkt rapide. Er reicht gerade noch, einen Schlusspunkt unter das Gespräch zu ziehen und sie nicht wieder zu sehr ins Reden kommen zu lassen.
Spürbar erleichtert lege ich auf. Der Weg ist vorbereitet. Jetzt ist es an ihr, etwas daraus zu machen. Es ist nicht mehr bei mir, es ist bei ihr. Wo es hin gehört.
***
So schade, dass ich es bis jetzt nicht schaffe, meine übliche Gelassenheit verlässlich und steuerbar mit der Gesprächs- und Durchsetzungsfähigkeit der Wut zu verbinden. Ich schenke diesem Gedanken ein Lächeln. Ganz schön hoch gegriffenes Ziel, etwas für den Feinschliff. Naja, vielleicht, eines Tages, wenn ich mal groß bin…

Eines meiner Lieblingsbilder hat mich schon durch mehrere Wohnungen begleitet. Jetzt hängt es in unserer Küche. Es ist gerade mal postkartengroß, bereits etwas verblichen und stammt aus einem Kunstkalender. Ich glaube, von 1994.
Es zeigt einen Wecker, der auf kurz nach 11 steht, ein Buch, eine Kokosnuss im Hintergrund, zwei Apfelsinen am linken Rand und eine angeschnittene Melone, von der eine Scheibe saftig dem Betrachter ins Auge lacht und die mich nicht nur an die Freuden des Gaumens denken lässt. Unter allem verläuft ein Banner: „Qué bonita es la vida, cuando noi da de sus riguezas“. Ich kann kein Spanisch, aber soviel verstehe ich. – Wie schön das Leben ist, wenn es uns von seinen Reichtümern schenkt.
Ein Blick auf dieses Bild lässt mir immer wieder Kummer und Sorgen vergehen. Vergänglichkeit kann auch tröstlich sein. Vorhandener Kummer und Sorgen werden vergehen. Und machen Platz für die schönen Seiten des Lebens. Ich spüre, wie mir schon beim Schreiben dieser Worte Tränen in die Augen steigen, weil mich die Schönheit des Lebens so überwältigt. Was braucht es mehr? Muße, etwas Zeit, vielleicht eben gerade das Bewusstsein der Vergänglichkeit, damit wir das Leben auch genießen können. Ein gutes Buch. Leckere, frische Köstlichkeiten, die uns nähren. Und was ist köstlicher als die Sinne genießen zu lassen? Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen. Etwas Grundlegendes scheint das Bild zunächst nicht zu zeigen: Freunde, Beziehungen, Seelenverwandte. Aber selbst das können diese paar abgebildeten Früchte versinnbildlichen. Jeder Mensch so unterschiedlich wie die Früchte hier und doch vereint. Essen als geselliger Akt. Ein Buch kann man vorlesen. Das Buch des Lebens wird von vielen Menschen mitgeschrieben. Sinnlichkeit zu mehreren genießen. Und so finde ich hier alles vereint, das mich durch dunkle Zeiten trägt. In einem kleinen Bildchen, einem Abdruck von einem Kunstwerk. Danke, Frida Kahlo.

 

Still, nur das Rauschen
Von Wellen und Wind
Ein wenig Möwengeschrei
Und Mauersegler jagen weit oben
Landeinwärts
Lichtreflexe
Zitternd
Flimmernd
Von den Wellen
Spielen in deinem Gesicht
Zeichnen
Ihre Schrift auf deine Netzhaut
Geheime Zeichen
Von Kommen und Vergehen
Die Finger im Sand
Stellen von Kies
Du lässt einen flachen Stein über die Wellen springen
Zieht er zwei Kreise oder fünf
Ehe er untergeht
Um sich weiter runden zu lassen
Von der beständigen Kraft
Dem Atem der Erde

Himmel
Weiß nicht,
Was er verspricht

Wolken
Lassen sich fetzen
Vom Wind über klares Blau

Wasser
Spiegelt in kleinen Wellen
Wechselndes Farbspiel
Verspricht Bewegung
Und Tiefe

Ist das zuviel?

Ich stehe vorm Spiegel
Ganz dicht
Ganz nah
An mir dran
Schaue in meine Augen
Ganz tief
Hinein bis auf den Grund
Ganz klar

Müsst´ ich doch sehen
Die Gedanken
Wie kleine Fische
Blitzen kurz auf im Sonnenlicht
Verschwinden schnell wieder
Im Schatten des Seins
Breit´ ich aus das Netz
Vielleicht
Schwimmt einer hinein

Schau ich mir ihn an
Die anderen
Sind da, ich weiß es
Lass ich sie wachsen
Manche vergehen
Manche schwimmen, wimmeln weiter
Wieder andere werden groß
Werden ruhiger
Und kommen
Von allein ins Netz
Doch es braucht Zeit, Geduld

Wart´ ich schon so lang

Ich stehe vorm Spiegel
Ganz nah
Ganz dicht

Ein langer Weg war es bis hierher. Ich schaue zurück.
Nicht immer waren es leichte Zeiten. Oft holperig und mit Steinen versehen.
Doch jetzt fasse ich einen Entschluss: ich möchte gesehen werden, möchte meine Gedanken teilen.
So werde ich hier einige meiner Gedichte der letzten Jahre einstellen. Sie waren mir eine Hilfe, Gedanken und Gefühle zu sortieren und zu kanalisieren. Und vielleicht gibt es einen Widerhall in anderen da draußen…