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Immer mal wieder ertappe ich mich dabei, dass ich schier Unmögliches von mir verlange. Zum Beispiel erwarte ich gerne mal von mir eine Erwartungslosigkeit, die ich Offenheit nenne.

Diese Paradoxie ist so absurd, dass ich direkt darüber schmunzeln muss. Und merke, wie ich sie ein bisschen kitzeln mag. A propos Erwartungen und Kitzeln, sofort fällt mir das gemeinsame gequälte Raunen im Kinosaal bei dem meisterhaften Ende von Inception ein. Dieses Raunen klingt mir gerade wieder im Ohr. Wie schön, dass nicht nur ich Erwartungen habe!

Erwartungen haben in gewissen Stadien auch etwas mit Beziehungen, mit Verbindungen, zu tun. Darüber sinniere ich gerade ein bisschen öfter nach. Ich freue mich festzustellen, dass ich Erwartungen habe…

Uns Menschen macht es wohl unter anderem aus, dass wir in der Lage sind, in verschiedenster Weise und auf verschiedenen Abstraktionsebenen Beziehungen herzustellen. Von ganz nah und gegenständlich bis ziemlich abstrakt. Das zeigt sich auch in unserer Sprache. Die Fähigkeit, eine Bezeichnung – ein Symbol aus Buchstaben – für Gegenstände oder Tätigkeiten, sogar für Gefühle, zu finden, die wir einigermaßen einheitlich in unserem kulturbedingten Wirklichkeitskonstrukt verwenden können, macht es uns möglich, uns über größere räumliche Distanzen auch ohne die räumliche Anwesenheit dieses Gegenstands zu verständigen. Tische können noch so unterschiedlich aussehen; wenn wir darüber reden, ist den meisten doch irgendwie klar, um was es da geht.

In unserer Veranlagung ist diese Beziehungs- und Abstraktionsfähigkeit ganz tief verankert. Das zeigt sich schon bei kleinen Kindern, wenn sie lernen, die Welt zu verstehen und sich zu verständigen. Bei „schau mal, da“ wird in sich weitenden Kreisen sehr schnell nicht mehr auf die Fingerspitze geschaut, sondern in die Richtung des Gezeigten. Um weiter zu gehen, benennen es die Erwachsenen dann näher, und so lernt das Kind immer mehr an Wörtern und Beziehungen in der Welt.

In meinem Empfinden wird das meiste Leid in unserer Welt und in uns selbst dadurch verursacht, dass unsere Fähigkeit, Beziehungen herzustellen, durch innere und/oder äußere Umstände in irgendeiner Form ver-/gestört wurde. Diese klaffende Lücke versuchen wir dann durch irgendwelche schrägen Ansichten auf die Welt und uns selbst auszugleichen. Und Weltsichten beeinflussen unsere Taten. Im schlimmsten Fall macht es unseren Blick und unsere Seele ver-rückt.

Diese Herumsinniererei führt mich an einen Punkt, wo ich sehr stark spüre, dass dieses Erwartungsding sehr eng mit dem Thema Co-Abhängigkeit zusammenhängt. Neben der Entwicklung eines besseren Abgrenzungsvermögens, was ich eher mit Enge verbinden würde, ist gleichzeitig auch eine Weitung erfahrbar.

Für mich begreife ich, dass Erwartungslosigkeit nichts damit zu tun hat, mir Erwartungen zu verbieten, sondern vielmehr, Erwartungen zuzulassen und wahrzunehmen. Erst dann ist es möglich, die Antwort des Lebens oder meines Gegenübers auf diese Erwartung, egal ob Ja oder Nein, zu umarmen. Und damit entsteht eine echte Offenheit.

Die Enge der Abgrenzung und die Weite der Offenheit sind nur scheinbare Gegensätze. In dem Raum, der jenseits der Worte ist, sind sie in einem wunderbaren Liebesspiel vereint. Beim Spielen lässt sich vieles ausprobieren. Mal klappt es besser, mal schlechter… Wie gut, dass sich jemand das Konzept des lebenslangen Lernens ausgedacht hat und wir nicht mehr bei Hänschen und Hans stehen. 😉

„…ähm, ich war auf der Bühne und M. hat hinter mir gestanden und war mein Echo…“ – Innerlich kringele ich mich fast vor Lachen, so sehr freue ich mich, dass meine Selbsteinschätzung so dermaßen mit der Außenwahrnehmung eins ist. Beides ist jetzt ziemlich deckungsgleich. So lässt sich mit der Außenwelt kommunizieren. Es ist alles goldrichtig, wie es ist.
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Eine Freundin und ich sitzen gemütlich am Kaffeetisch und tauschen uns über unsere beruflichen Wünsche und Ziele aus, die deutlich in Richtung Selbstverwirklichung gehen. Gerade habe ich ihr von meinen Zukunftsplänen erzählt und was und wie die nächsten Schritte sind. Nämlich erstmal mehr Beschäftigung mit Selbst-Marketing und –Präsentation. Damit will ich auf der Bühne des Lebens stehen und vor allem beruflich mehr in meine Präsenz kommen. Ich will selbstständig sein, wenigstens teilselbständig. Ich will schreiben und sprechen. Und ich will damit auch mal vor einem – wie auch immer gearteten – Publikum rüberkommen können. Und ich will diese Ziele auch in meinem jetzigen Job umsetzen können, wenn ich nach der Elternzeit wieder einsteige. Auch das ist die Bühne des Lebens.

In dem spürbaren Wunsch, mich zu ermuntern und gleichzeitig bereits jetzt erzielte Erfolge besser wertzuschätzen, erwähnt sie den internen bunten Abend während unserer Ausbildung, an dem M. mein Gedicht vorgetragen habe. Und dass das doch schon super sei, dass ich mich damit an die Öffentlichkeit getraut hätte. Das nächste Mal würde ich auch selber auf die Bühne treten damit… – „…ähm, ich war auf der Bühne und M. hat hinter mir gestanden und war mein Echo…“ – „Äh, wie, du warst da…? Das muss ein anderes Mal gewesen sein. Daran würde ich mich doch erinnern… äh, wie jetzt…???“ Sie blinzelt verwirrt.

Ich platze fast innerlich vor Lachen und könnte sie gerade knutschen!!! Noch habe ich Hemmungen, das auch tatsächlich zu tun. Aber es wird. Immer. Besser.

Er hat mich eingeholt, der Hometown-Blues. Ich kann es mir nicht so recht erklären. Ich hatte gedacht, ich hätte ihn abgehängt. Früher hatte ich ihn oft, wenn wir vom Heimatbesuch wieder nach Hause fuhren, es war der Schmerz meiner Kindheit, der dann immer wieder hochkam.

Vielleicht war es einfach die stressige Woche mit vielen dichten Einschlägen privat und auf der Arbeit. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns den Rauhnächten nähern und die Grenzen zwischen den Sphären durchlässiger werden und viele innere Vorgänge in mir brodeln. Vielleicht ist es mein frisch geformtes Ich, das den Hometown-Blues mit seinen Ist-Werten noch nicht kennt und tatsächlich noch Erwartungen hat, die enttäuscht werden könnten. Vermutlich ist es eine Mischung aus alledem.

Schließlich ist es Heiligabend und ich blicke sorgenvoll auf den anstehenden Heimatbesuch. Leicht verzweifelt versuche ich es mit einem Wunsch ans Universum: ich wünsche mir, dass es ein möglichst entspanntes Beisammensein wird. Das ist doch ein guter Wunsch, nu mach mal, liebes Universum, denke ich und fahre mit dem Packen fort.

Doch das Universum schlägt zurück. Mach doch selbst, sagt es:

Bevor es auf die Reise gehen soll, gibt es noch ein kurzes Textnachrichtengeschreibe mit einer Freundin. Ich merke, dass ich etwas pieksig werde, obwohl ich es eigentlich locker, humorvoll klingen lassen wollte. Es kommt zu einem kurzen Innehalten mit der Erkenntnis, dass meine eigene Angespanntheit ganz schön groß ist und die Verletzbarkeit durch unfreundliche oder unentspannte Situationen enorm steigert, wenn nicht sogar hervorruft. Sogleich fällt mit einem lauten Plumps der große Brocken von meinem Herzen. Ich kann tief durchatmen.

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Was soll ich sagen, es hat gewirkt. Es war eine größtmöglich entspannte Feierei, bei der wir uns einfach freuen konnten, uns im Familienkreis mal wiederzusehen. Es konnte tatsächlich ein Fest der Liebe sein.

03.01.2016

In den letzten Jahren, seit auf meiner Arbeit ein System eingeführt wurde, das eine Bonuszahlung an gemeinsam festgelegte zu erreichende Ziele und individuelle Leistung koppelt, macht mir diese jährliche Zielvereinbarung Bauch- und Kopfweh. Ich merke, ich habe ein Problem mit Zielsetzungen, nicht nur mit meiner sich verwandelnden Lebensvision. Sie verursachen mir unangenehmen Leistungsdruck und Stress für Aufgaben, die ich vorher aus eigenem Antrieb in mehr als gewissenhafter Weise gerne erfüllt habe. Als kleines Licht in der großen Wirtschaftswelt schwimme ich zunächst mit dem Strom und blende diese Zielsetzungssache weitestgehend aus.

Weitestgehend. Denn immer wieder beschäftigt es mich gedanklich, diese Sache mit den Zielen, dieses in meiner Sicht beschränkte Leistungsdenken, das ganze System, das mir bigott und daher abstoßend vorkommt, weil in den Firmenphilosophien häufig von individueller Wertschätzung und Förderung die Rede ist und der Mensch angeblich im Mittelpunkt steht, letzten Endes aber doch bloß Leistung und Zahlen bewertet werden. Naja, und dann ist da ja auch diese persönliche Note, diese persönliche Abneigung gegen Ziele… Ich sehe mich selber gerne in dem Licht, zu schauen, was das Leben und der Tag mir so bringen und dann daraus etwas zu machen. Ein etwas mäanderndes und amöbenhaftes Lebensgefühl, in dem ich die Qualität der Akzeptanzfähigkeit sehe. Ich denke, ich kann von mir sagen: Ich habe keine Ziele. – Denke ich…

…und dann…

Das Kreuzworträtsel eckt bei mir an. Missgunst mit vier Buchstaben gesucht.
Widerwillig trage ich ein: NEID.
Woher kommt dieser Widerstand?

Das Herz meldet sich.

Missgunst – das Wort sagt es bereits – nicht gönnen; etwas als gut Bewertetes dem anderen nicht gönnen, ein Gift für die Seele und die Atmosphäre.

Neid – ein Was-der-andere-hat-bewerte-ich-als-gut-und-will-sowas-auch-haben/sein/können, ein Wunschkatalysator also, ein Wegweiser und Antrieb.

Herz sagt: Manchmal gehen Missgunst und Neid Hand in Hand, das kann wohl vorkommen. Aber sie sind auf keinen Fall deckungsgleich.

Natürlich wird bei mir gleich mal wieder die Selbstanalyse angekurbelt. Hm, wirklich missgünstig bin ich sehr selten. Aber neidisch bin ich wohl schon manchmal. So ein Wegweiser hat ja irgendwie auch ein Ziel im Sinn… Das Ich meldet sich damit zu Wort und das ist doch eigentlich ganz gut so.  Habe ich vielleicht doch Ziele? Immerhin beginne ich damit, diesen Gedanken ganz langsam zu akzeptieren.

Aus Zeitmangel gerät das Ziel, über Zielsetzungen klarer zu werden, immer wieder aus dem Fokus. Doch es ploppt immer mal wieder auf. Mindestens einmal im Jahr…

04.11.2015

Es ist Spätherbst. Irgendwie ist die letzte Zeit eine Zeit der Rückschau. Es ist auch die Zeit der Wiederauferstehung dieses Blogs.

Mein Geburtstag steht bevor. Ein runder. Der Abschluss eines Lebensabschnittes, der Neubeginn für einen weiteren. Mitte des Lebens. Ein etwas mulmiges Gefühl und viele selbstkritische Gedanken.

Aber ich denke in den letzten Tagen auch viel an Menschen, Vorbilder, die mein Leben beeinflusst haben, und für deren Einfluss ich dankbar bin. Aufgewachsen in einer Umwelt, in der ich mich oft unverstanden, isoliert und geringschätzig bewertet gefühlt habe, habe ich meine Vorbilder und Lehrer häufig in einer ausgelagerteren Welt gefunden: In Büchern und Filmen, und später dann als Fan einiger Sängerinnen und Sänger. In dieser Welt konnte ich Seelenverwandte und Mutmacher finden. Menschen, die das in Worte zu fassen vermochten, was ich in mir fühlte.
Einer der ersten und langjährigsten dieser „Lehrmeister“ war Howard Jones. Ich liebte seine Texte und die melancholische Art, wie er sang. Hier fand ich jemanden, der ganz genau ausdrücken konnte, was in mir vorging. Insbesondere die ersten beiden Alben „Human´s Lib“ und „Dream into Action“ waren mir Ausdruck und richtungsweisende Anregung. Was habe ich sie rauf und runter gehört! Was haben sie mir positive Bestärkung gebracht! Mir zugeflüstert, ich sei jemand ganz Besonderes, Einzigartiges, oder ich dürfe –müsse- die Perle in meiner Muschelschale nutzen und zeigen. – Wie sehr hatte ich mir lange Zeit gewünscht, ihn mal persönlich kennenlernen und ihn über das Leben ausfragen zu dürfen…

Und dann, und dann… kam der Tag, viel, viel später, als das Internet es möglich machte und ich erwachsen war, mehr über mein Vorbild zu erfahren. Die Zeit damals als Kind/Jugendliche zu reflektieren und Einblick in Fanpostarchive zu bekommen. So fand ich heraus, dass die Texte, die ich so geliebt hatte, oft von jemand anderem geschrieben worden waren! Auf den LPs war das nicht so erkennbar gewesen für mich. Ein anderer, ein unsichtbarer, nicht greifbarer Kopf hatte diese Gedanken und Gefühle in Worte gefasst und in den Fäden der Musikindustrie verwoben. Ich war desillusioniert, ernüchtert, ent-täuscht.

Wiederum einige Zeit später kam ich in Gedanken auf diesen Moment der Erkenntnis zurück. Ein sanfteres, liebevolleres, ein Herzensbild, kam in mir auf: Auch unter Künstlern soll es wohl so etwas wie „stimmende Chemie“ geben – und auf solch einer Ebene waren vermutlich auch meine Vorbilder zusammen getroffen. Ich hatte halt ein konkretes Gesicht vor Augen, das diesen Spirit verkörperte und ihm seine Stimme gab. Aber es gab scheinbar noch mehr. – Was für ein Gedankenblitz! Noch mehr von „denen“ – noch mehr von uns!. Nicht mehr allein sein. Nicht mehr allein fühlen. Ein Samenkorn von Verbundenheitsgefühl. Das ist doch eine wunderschöne Einsicht! Dafür bin ich dankbar.

Bei einem solchen Rückblick wird mir wieder mal deutlich: es ist alles bereits in uns drin. Mit sich ehrlich zu sein, es ins Bewusstsein zu holen und damit in sein Selbst zu integrieren, das ist die Kunst. Das macht unser Leben erfüllt.

And maybe love is letting people be just what they want to be/ the door always must be left unlocked (Howard Jones, What is Love?)

Don´t crack up, bend your brain, see both sides/ Throw off your mental chains (Howard Jones, New Song)

Die Auseinandersetzung mit meinem Verhaltensmuster, mir immer wieder die hartnäckigsten, therapieresistenten/-allergischen Menschen in mein Leben zu holen, hat mich an einen Gedankenknoten gebracht.

Ich glaube, es ist ein in unserer Gesellschaft immer noch recht weit verbreitetes Selbst-Missverständnis: zu geben, was man selbst braucht.

Ich gebe oder habe bis vor kurzem das gegeben, was ich brauche…Akzeptanz. Das Gefühl, angenommen zu sein in meinem So-Sein. Und dieses Missverständnis hat zum nächsten Missverständnis geführt: ebendiese Akzeptanz als Mitgefühl zu verstehen. Ein ganzer Strudel ungünstiger Verwirrungen entsteht daraus, der mich da in eine Co-Abhängigkeit zieht.
Jetzt schlagen meine inneren Spürhunde an. Da liegt der Hase im Pfeffer. Ich werde neugierig. Was ist eigentlich Mitgefühl? Und was genau macht Co-Abhängigkeit aus?

Die Recherche im Internet, um eine für mich schlüssige Definition von Mitgefühl zu finden, ist nicht besonders ergiebig. Auch in Büchern, die mir zu der Thematik einfallen, finde ich nichts. Bis mir ein Buch in den Sinn kommt, das wir gemeinsam in dem Lesekreis, in dem ich bin, gelesen haben. Die Integrale Lebenspraxis. Damals kam es uns oft in vielen Punkten überheblich und selbstgefällig vor, aber beim Wiederlesen entdecke ich viele Kostbarkeiten, die mit einem wertfreieren Blick gelesen einfach gute Anregungen bieten, ohne den Anspruch eines totalitären Gebots.

Im Bereich über Integrale Ethik wird zwischen männlich und weiblich konnotierten Anteilen von Mitgefühl unterschieden:
„Wir sorgen für uns selbst und andere, nicht für andere statt für uns selbst.“ (Integrale Lebenspraxis S. 331, S. 336 f.) Integrale Ethik praktizieren heißt: imstande sein, je nach Anforderungen der Situation sowohl männliches als auch weibliches Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen. Weibliches Mitgefühl: Akzeptanz, Fürsorge, Zuwendung, Liebenswürdigkeit; männliches Mitgefühl: klar urteilen, Herausforderungen begegnen, Grenzen setzen, schonungslos aufrichtig sein – alles motiviert durch Liebe.

Wichtig ist es zu verstehen, dass in jedem von uns, egal ob Mann oder Frau, männliche und weibliche Anteile vorhanden sind und diese idealerweise in einem Tanz miteinander zu sehen. Eine Zuordnung von Eigenschaften als männlich oder weiblich eckt mal wieder bei mir an, aber damit werde ich mich später mal beschäftigen.

In den weiblichen Anteilen kann ich mich gut wiederfinden, damit bin ich ok. In den männlichen Anteilen entdecke ich viele Schatten bei mir. Auch wenn ich einige dieser Eigenschaften in mir wahrnehme, funkt immer wieder eine kritische Stimme dazwischen. Diese Stimme versagt mir die Erlaubnis, die Eigenschaften zu leben oder auch nur an sie zu denken. Hm, sehr interessant…

Zum Thema Co-Abhängigkeit werde ich im Internet besser fündig. Allerdings beschränken sich die gängigen Seiten meistens auf den klassischen Ursprung dieses Begriffs, nämlich der Arbeit mit Suchtkranken und ihren Angehörigen. Eine Seite aber spricht mich besonders an – der Autor geht zunächst sprachlich an das Thema heran. Er diskutiert den deutschsprachigen Begriff der Co-Abhängigkeit, da er eine Schuldzuweisung an die Angehörigen vermittelt. Außerdem verweist er auf zwar veraltete Konzepte anderer Autoren, die aber eben den Ansatz verfolgen, die Angehörigen in die Behandlung von Suchtkranken miteinzubeziehen. Integrative Konzepte also. (Quelle: www.co-abhaengig.de, Jens Flassbeck) Letzten Endes geht es jedoch immer irgendwie um Beziehungen. Und so kann ich die Informationen in andere Bereiche übertragen.

Wenn ich jetzt den Transfer wage, und den Begriff Sucht (im klassischen Sinn) zum Beispiel durch Unglücklichsein oder Problemtrance ersetze, lässt sich dieses Konzept wunderbar auf andere Beziehungsgeflechte und Krankheits-/Störungsbilder übertragen.

Auf einer anderen Seite wird es dann für mich noch greifbarer und konkreter beschrieben und eben dieser Begriff von Sucht geweitet:
„Coabhängige sind süchtig nach Kontrolle und Bestätigung. Da sie nicht gelernt haben, sich selbst zu lieben, sind sie nicht in der Lage, es Anderen zu überlassen, ob sie sie mögen oder nicht, sondern versuchen, Liebe und Bestätigung herbeizumanipulieren. Der grundsätzliche Irrtum, dem Coabhängige erliegen, ist zu glauben, dass Liebe kontrollierbar und herbeimanipulierbar sei. Ihre Aufmerksamkeit ist so sehr damit beschäftigt, bewusst oder unbewusst zu kontrollieren, was ihr Gegenüber fühlen, denken, tun oder lassen soll – oder auf keinen Fall fühlen oder denken soll – , dass der Kontakt zu den Gefühlen im eigenen Körper so gut wie abgestorben ist. Wenn sich das Gegenüber nicht so verhält, wie sie es gerne hätten, sehen sie dies als ihr persönliches Versagen an.“ (Quelle: www.sein.de, Elke Jari)

Wow, das haut rein bei mir. Da kommt etwas aus seiner Höhle herausgekrochen… Das muss alles erstmal sacken…

Manchmal schmerzt Erkenntnis sehr. Besonders, wenn es um den Sinn des Lebens geht. Wenn alle Felle davon zu schwimmen scheinen. Meine Lebensvision, sie entweicht. Immer mehr. Und ich kann ihr nur dabei zusehen; kann – will – sie so nicht mehr festhalten.
Was will das Leben (das Unterbewusstsein) mir damit sagen, dass mir immer und immer wieder das gleiche Muster in individuellen Variationen begegnet? Dass ich mir die Zähne ausbeiße? Mich vor allem mit einem Umfeld aus Psycho-Allergikern und bequemen Komfortzonenliebhabern umgebe, an denen jeder Selbstentwicklungsmissionsgedanke vergebene Liebesmüh ist. Wie kommt es, dass ich nicht in das Weitergeben und Anwenden der erlernten Methoden komme, ins Machen? Warum suche ich mir immer wieder die schwersten Ziele dafür aus?

Ja, es beschäftigt mich noch immer, das Helfen-Wollen.

Der kindlich-narzisstische „Ich-mach-meine-Eltern-und-dann-die-Welt-heil“-Gedanke sitzt scheinbar doch tiefer als ich vermutet hatte und hat sich mir in seinem Auflösen nun vollends entblößt. Ich werde wohl langsam erwachsen.

Von der Wahrnehmung über die Erkenntnis und das Wissen um den Schmerz des Gehenlassens bis hin zum Fühlen ist es ein Weg: erst nachdem ich die letzten Male darüber geschrieben habe, kommt hier und jetzt, unter der Dusche, endlich, der Schmerz zu mir. Der Kummer in meinem Herzen, der das Gehenlassen ermöglicht. Der auch das Weitergehen ermöglicht. Auch einen kurzen Moment in der Selbstmitleidsstarre meines Kind-Ichs erlaube ich mir. Doch ehe ich darin zu zerfließen drohe und mich mit dem Duschwasser den Abfluss herunterspüle, konzentriere ich mich wieder auf mein Herz. Auf das Fühlen. Hinter dem Kummer ist noch mehr. Da ist auch Vertrauen. Vertrauen in das Leben. Vertrauen, dass durch dieses Gehenlassen Platz für etwas Neues entsteht. Keine Ahnung, was es sein könnte. Vielleicht etwas komplett Neues, Andersartiges. Vielleicht kehrt die Vision auch in transformierter Form zurück. Ich habe keinen blassen Schimmer. Das Vertrauen hilft mir, dieses Nicht-Wissen, diese Leere, auszuhalten und durch den Schmerz zu gehen.
***
Die Dusche läuft noch immer. Viel länger als gewöhnlich lasse ich das fließende Wasser mich reinigen an Körper und Geist. Es tut so gut und macht mich wieder bereit für das Hier und Jetzt. Was brauche ich jetzt? Wenn ich loslassen will, brauche ich guten Halt, so paradox es auch klingt. Und den hole ich mir jetzt auch.

Eine sehr auf Äußeres bedachte Kollegin fasst es als Erste in Worte:
„Du siehst irgendwie anders aus. Warst du beim Friseur?“ – „Nein.“

„Hast du neue Ohrringe?“ – „Nein.“
„Hm, komisch.“
Irritiert macht sie sich wieder an die Arbeit.

Mein inneres Lächeln bahnt sich einen Weg in mein Gesicht. Mir dämmert, was sie meinen könnte… Es ist mein erster Arbeitstag nach einem sehr intensiven Ausbildungsmodul. Aus eigenen Beobachtungen weiß ich, dass die ganzheitlichen Selbsterfahrungsübungen, die wir dort durchführen, oft wie eine auch optisch wahrnehmbare Frischzellenkur wirken. Gesichter werden feinporiger, rosiger und glätten sich. Oftmals wird die gesamte Ausstrahlung heller, ganz abgesehen von der körperlichen Seite. – Das dürfte mittlerweile nichts ganz Neues mehr sein. Aber etwas sehr Neues gab es diesmal für mich. Ich habe meine Selbst-Heilung an ganz, ganz tief sitzenden Punkten gespürt und gesehen. Eine Art Verdichtung. Etwas hat sich zusammengefügt und eine klaffende Lücke endlich, endlich dauerhaft und stabil verschlossen. Das erfüllt mich mit einem Frieden, wie ich ihn noch nie verspürt habe.

Ich schaue auf meine Finger. Sie sind nicht mehr durchscheinend. Als wäre der Beam-Vorgang abgeschlossen und mein Körper vollständig materialisiert auf diesem Planeten. Scotty hat gute Arbeit geleistet.

Ich bin angekommen. Endlich kann ich mit den anderen spielen gehen ohne Angst vor den frechen Kindern am anderen Ende der Straße, vor denen meine Eltern mich immer gewarnt haben.

Beim Sport nach Feierabend gerät mir eine Gesprächssequenz vom Vormittag wieder in den Sinn. Wie siehst du mich, Christina, würdest du mich eher als Extro oder als Intro sehen? Ich mag Schubladendenken nicht besonders, auch wenn es manchmal zur Orientierung beitragen kann. Aber wenn´s ihr hilft, ein positiveres neues Selbstbild zu entwickeln…was soll´s. Mit einer Vorahnung, keine „korrekte“ Antwort geben zu können, reagiere ich auf den Feedbackwunsch. Ich sehe dich eher als Extro, sage ich. Wäh, genau reingetappt. Hab schon wieder helfen wollen. Die Strafe folgt auf den Fuß in Form des nächsten Redeschwalls. Ja, könnte man meinen, nicht wahr? Mein Therapeut hat gesagt, das hätte ich mir antrainiert als Kind. Eigentlich bin ich eher Intro, erwidert sie. – Jetzt auf dem Crosstrainer, nachdem der stressige Arbeitstag von mir abfällt, bekomme ich den Kopf frei, um das Gespräch zu reflektieren. Meine Antwort war tatsächlich völlig egal. Es gibt doch immer Yin und Yang, die sich ergänzen und ineinandergreifen. Meistens steht halt ein Anteil einfach mehr im Vordergrund des Bewusstseins (und wohl auch des Selbstbildes). Als Wilbersche Archäologin hole ich den Pinsel raus und beginne, das Fundstück freizupinseln. Hm, interessanter Gedanke, spinne ich weiter: eigentlich bin ich ein Extro, den Intro habe ich mir nur antrainiert als Kind. Ich lache über die Vorstellung einer extrovertierten Christina. Aber dann werde ich ernster. Da ist tatsächlich etwas dran. Ich möchte die Offenheit, die in mir wohnt, herauslassen können. Das war mein Eingangsspruch in der Vorstellungsrunde zu Beginn der Ausbildung. Beides, die Zugewandtheit nach innen wie auch nach außen, sind Qualitäten, die in jedem von uns wohnen. Die Kunst ist es wohl, sie beide wahrnehmen zu lernen und im Idealfall zwischen beiden Polen wählen und nach Bedarf pendeln zu können. Hach, es gibt noch soooo viel zu lernen….

Als interessierte Leserin bekomme ich regelmäßig die Neuveröffentlichungen des Carl-Auer-Verlages zugeschickt. Ein Titel hat mich dort besonders assoziativ angesprochen, ohne dass ich das Buch dazu gelesen hätte und auch nicht weiß, ob ich je dazu kommen werde. Der Titel lautet: Bitte nicht helfen! Es ist auch so schon schwer genug. In der letzten Zeit ist er mir wieder vermehrt in den Sinn gekommen. Gerade, weil ich momentan eine Freundschaft sehr hinterfrage und reflektiere, steigt diese Phrase immer wieder in mir auf. Was wird da laufend in mir angetriggert, das diese Freundschaft so anstrengend macht? Was hat damals meine Sympathie und Öffnung für diesen Menschen bewirkt? – Ich spüre hin. Es hat etwas mit der Suche nach Gleichgesinnten, nach Seelenverwandten, zu tun, soviel ist klar. Dann wird es schwieriger und schwammiger. Es hat auch etwas mit helfen Wollen zu tun…etwas zum Guten wenden…zu einer Entwicklung beitragen…. Jeglicher wohl gemeinte Ansatz kommt verdreht und verzerrt bei diesem Menschen an und führt eher noch zu einer Verschlimmerung der Lage. Das wird sehr stark widergespiegelt, sodass ich häufig genug meinen Fuß nur in letzter Sekunde aus der Rechtfertigungsfalle ziehen kann und einmal mehr frustriert das Gefühl habe, gegen eine Wand gelaufen zu sein. Das Letztere ein Gefühl, das ich von ziemlich klein auf kenne. Ganz langsam, wirklich in Trippelschritten, lerne ich nun doch dazu. Ich beginne, bei jedem Hilfeimpuls innezuhalten und mich zu fragen, was mich da gerade wieder angetriggert hat, wofür ich das gerade mache, was ich damit zu bewirken beabsichtige, ob ich es wirklich tun sollte, ob meine Intention auch wirklich klar und rein ist und entsprechend rüberkommen kann, ob ich Erfolg für mich erwarte, oder wirklich frei von Erwartungen und offen für Entwicklung bin. Ein sehr mühseliges Geschäft. Das Wort Helfersyndrom spukt durch meinen Kopf. Was macht echtes Helfen WIRKLICH aus? – Eine Nuss, die es für mich noch zu knacken gilt. Eine Nuss, die meine Lebensträume und –visionen in Frage stellt…

02.11.2015


Update April 2016
Mittlerweile ist ICH etwas gefestigter und klarer abgrenzungsfähig. Doch es bleibt bei mir die Frage: Was macht die Qualität des Helfens eigentlich aus? Wie ist das bei Euch so? Wie seht Ihr das? Ich würde mich über Kommentare freuen!