Ich glaube, heute Morgen habe ich Hirnwurst gefrühstückt. Jedenfalls kringelt sie sich durch meinen Kopf.
Ich schaffe es nicht, mich energetisch aufzuladen, fühle mich zu schwach. Da kommen die Hirnwürste, ganz alte, wieder zum Vorschein. Gut abgehangen, knüppelhart, kann man sie eigentlich höchstens in hauchdünnen Scheiben genießen. Mir baumeln sie aber komplett um die Ohren und knüppeln auf mich ein.
Ein uraltes Bild taucht vor meinem inneren Auge auf. Heute kann ich mich nur schwer dagegen wehren. Ich, als kleines Mädchen, ungefähr drei Jahre alt, sitze in einem Zug, allein. Nur mit meinem Kuscheltier. Es ist kein echter Zug. Er ist aus Holz und steht auf der Spielwiese meines Kindergartens. Um mich herum toben und spielen die anderen Kinder. Dieser Zug ist uninteressant für sie. Er bewegt sich nicht. Sie bewegen sich lieber selber. Darum ist er für mich genau richtig. Eine Insel, Symbol für mein Mich-weit-weg-Wünschen, hilft er mir über meine Sprachlosigkeit und Starre hinweg.
Die habe ich mir selber auferlegt. Wenn ich gar nichts sage, kann „es“ auch nicht aus mir herauskommen. Ich soll nämlich nichts davon erzählen. Von dem, das ich nicht verstehe zuhause. Bestimmt hat mir jemand versucht zu erklären, dass es dem Papa ganz, ganz schlecht gehe. Dass man ihn nicht stören dürfe. Dass er in den Beinen kein Gefühl mehr hätte und deshalb nicht merken könne, wenn man ihm Legosteine in die Schuhe tue.
Wirklich konkret erinnern kann ich mich nur an eines – wie mir eingetrichtert wird, was ich zu sagen habe, wenn mich jemand fragt, wie es ihm gehe: „Den Umständen entsprechend.“ Ich verstehe diesen Satz nicht. Ich weiß nicht, was „Umstände“ sind. Ich frage nicht nach. Ich sehe ihren Kummer. Und höre auf zu sprechen. Unbemerkt von meiner Familie.
„Christina hat heute wieder ihren Mund zuhause vergessen“, scherzen die Kindergärtnerinnen oft morgens mit mir. Darüber muss ich immer kichern. Und mir prüfend ins Gesicht fassen.
Sprechen tue ich noch, aber nur das Nötigste, mit Menschen, die „die Umstände“ kennen, um ein braves Kind zu sein. Ansonsten nur im Spiel mit mir selbst. Leise. „Die Umstände“ sind unaussprechlich.
Nun sehe ich mich also in diesem Zug. Ein kleines Mädchen, das darauf wartet, dass er endlich losfährt. Zur Abreise bereit.
***
Irgendwie schaffe ich es doch noch aufzustehen, zu duschen, mich anzuziehen und zur Arbeit zu gehen. Thank God it´s Friday!
Nehme zaghaft Verbindung zu den Menschen in meiner Umgebung auf. Komme langsam aus meinem Selbstmitleidssumpf heraus. Kann mich von dem Bild lösen.
Liebevoll auf dieses kleine Mädchen schauen und ihm sagen: „Ich bin da für dich, bei mir brauchst du nichts zu sagen, ich weiß es schon alles. Bei mir darfst du einfach sein“. Und mir wird klar, der Zug bin ich.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.