Textbeiträge, Artikel, Gedanken

Das Telefon dudelt. Innerlich zucke ich zusammen. Ich werde nicht drangehen, nehme ich mir vor. Mein pflichtbewusstes, gewissenhaftes Herz klopft. Ich halte es aus, denn Eigenschutz geht vor.
Irgendwann habe ich dir mal erzählt, wann ich meistens morgens aufstehe. Das hast du dir gemerkt. Pünktlich greifst du zum Hörer und wählst meine Nummer. Das ist deine Art von Rücksichtnahme: nicht vor dem Aufstehen anzurufen. Manchmal verbirgst du deine Nummer. Glaubst du wirklich, dass das deine Chancen erhöht, dass ich drangehe?
Ich stehe wieder einmal vor der Entscheidung: Frühstücken, mich fertig zu machen für den Tag und noch ein paar Momente für mich zu haben; vielleicht etwas zu schreiben, vielleicht etwas, das erledigt werden muss, zu erledigen und dann pünktlich auf der Arbeit zu sein (also theoretisch auch pünktlich Feierabend machen zu können). – Oder ans Telefon zu gehen, mir deinen Schwall anzuhören, mich davon runterziehen zu lassen, mich hilflos und wehrlos zu fühlen, weil ich nicht zu Wort komme und die paar Worte von mir kaum zu dir durchdringen oder in einer weiteren Rechtfertigungsschleife abgewehrt werden und dann auch noch zu spät zur Arbeit zu erscheinen.
Manchmal bringen mein schlechtes Gewissen und ein nicht kleinzukriegender Glaube an das Gute mich dazu, doch dranzugehen. Durchschnittliche Gesprächsdauer: 53 Minuten.
Im Klartext: du kriegst dein Leben nicht auf die Reihe. Aber in meine Gedankenwelt bist du eingedrungen. Ob ich ans Telefon gehe oder nicht. Mein lösungsorientiertes Denken scannt alles mir Bekannte, Bewusste, Begegnende nach einer Lösung, nach einem Ansatzpunkt für dich.
Eines Tages reißt mir der Geduldsfaden. Ich stelle mir ein Ultimatum: Ich entschließe mich, jetzt noch ein Hilfsangebot, eine Lösungsmöglichkeit in den Raum zu stellen für dich und wenn du diesmal nicht einen Schritt tust, dann werde ich diese Freundschaft (?) kündigen. Ich kann es nicht mehr mit ansehen und anhören, deine seelische und verbale Selbstzerfleischung. Meine Grenze ist längst überschritten. Allein der Gedanke, dass eine Kündigung unserer Beziehung dir den letzten Kick geben könnte, hält mich fest. Was für eine Last!
***
Ich will Kontakt zu einer Klinik aufnehmen, von der ich schon sehr viel Gutes gehört habe und die mit den Methoden arbeitet, die ich selber erlerne und durchgemacht habe. Du hast bereits selber dort angefragt vor einiger Zeit, doch ich brauche Klarheit und Fakten für mich, denen ich vertrauen kann. Da ich mündlich nun einmal nicht so gut bin, wähle ich die schriftliche Kontaktaufnahme. Ist gar nicht so einfach, eine E-Mail-Adresse ausfindig zu machen. Aber ich finde eine.
Auf meine E-Mail bekomme ich eine kurze Rückmeldung. Ich „darf“ Kontakt aufnehmen – telefonisch.
Es braucht zwei Tage, ehe ich mir ein Herz fasse. Ich will diese Sache vom Tisch haben, will Klarheit, wenigstens für mich. Also wähle ich die Nummer. Beim zweiten Mal komme ich durch. Ich spreche mit der Aufnahmepsychologin, versuche, den Fall zu schildern. Doch sie stürzt sich gleich auf mich. Genau das hatte ich befürchtet. Sie ist Psychologin, sie kann nicht anders. Was denn mit mir wäre, dass ich mich so schlecht von dieser Freundin abgrenzen könne. Dass sie mir wünsche, dass ich da ganz schnell eine Begleitung hätte, um das zu lernen… Wieder dieses Gefühl, wenn jemand mir nicht zuhört und auf das, was ich sage, eingeht: wehrlos und unfähig. Gleichzeitig empfinde ich Wut und gebe auf. – Natürlich hat sie Recht, das weiß ich. Abgrenzung ist eine Baustelle für mich. Aber, bitte, ist es nicht einfach mal menschlich, dass man bei all den Lebensmüdigkeitsschwällen, die da auf einen mehrmals die Woche einströmen, aufweicht? Jetzt gerade geht es nicht um mich, sondern um jemand anderen. Und mit meiner eigenen Menschwerdung und all dem Kram werkele ich nun schon wirklich genug herum. Da sorge ich durchaus für mich selbst. All das kann diese Frau natürlich nicht wissen. Und ich kann es nicht in Worte fassen, habe schon wieder aufgegeben, habe auch keine Lust, mich in so eine Rechtfertigungs- und Erklärungsschleife so tief hineinzubegeben. Ein paar sehr allgemeingültige Eckdaten über den Aufenthalt in der Klinik erhalte ich immerhin und auch die Erlaubnis, dass die Freundin sich an diese Nummer wenden könne. Wütend auf mich selbst und entmutigt lege ich auf.
***
Die Wut erfüllt mich mit Energie. Sie wird mir zum Motor. Ich weiß: diese Energie wird nicht lange vorhalten und dann fresse ich sie in mich hinein und wende sie gegen mich. Also: Wann, wenn nicht jetzt? Telefon wieder in die Hand, Nummer gewählt, jetzt spreche ich! – Ich habe Glück, meine Freundin geht dran. Ihre weinerliche Stimme schreit schon wieder nach Fürsorge. Ich höre nicht hin. Jetzt spreche ich! Klare, kurze Ansagen in einem festen, eindringlichen Ton; die richtigen Worte kommen zur richtigen Zeit wie von allein. Ich sage ihr nichts Neues, aber in einem neuen Tonfall. Dass ich an einer Grenze angekommen bin, dass sie dringend professionelle und kontinuierliche Hilfe braucht und sie sich holen muss, dass es niemanden gibt, der für ihr Leben die Verantwortung übernehmen kann außer ihr selbst. Sie ist still. Sie hört zu! Kurze Rechtfertigungsansätze überrolle ich. Nein, jetzt rede ich! Das, was ich da sage, scheint bei ihr anzukommen. Ihre Erwiderungen klingen ein wenig aufgeräumter als sonst. Meinerseits ist alles gesagt. Der Energiepegel sinkt rapide. Er reicht gerade noch, einen Schlusspunkt unter das Gespräch zu ziehen und sie nicht wieder zu sehr ins Reden kommen zu lassen.
Spürbar erleichtert lege ich auf. Der Weg ist vorbereitet. Jetzt ist es an ihr, etwas daraus zu machen. Es ist nicht mehr bei mir, es ist bei ihr. Wo es hin gehört.
***
So schade, dass ich es bis jetzt nicht schaffe, meine übliche Gelassenheit verlässlich und steuerbar mit der Gesprächs- und Durchsetzungsfähigkeit der Wut zu verbinden. Ich schenke diesem Gedanken ein Lächeln. Ganz schön hoch gegriffenes Ziel, etwas für den Feinschliff. Naja, vielleicht, eines Tages, wenn ich mal groß bin…

Eines meiner Lieblingsbilder hat mich schon durch mehrere Wohnungen begleitet. Jetzt hängt es in unserer Küche. Es ist gerade mal postkartengroß, bereits etwas verblichen und stammt aus einem Kunstkalender. Ich glaube, von 1994.
Es zeigt einen Wecker, der auf kurz nach 11 steht, ein Buch, eine Kokosnuss im Hintergrund, zwei Apfelsinen am linken Rand und eine angeschnittene Melone, von der eine Scheibe saftig dem Betrachter ins Auge lacht und die mich nicht nur an die Freuden des Gaumens denken lässt. Unter allem verläuft ein Banner: „Qué bonita es la vida, cuando noi da de sus riguezas“. Ich kann kein Spanisch, aber soviel verstehe ich. – Wie schön das Leben ist, wenn es uns von seinen Reichtümern schenkt.
Ein Blick auf dieses Bild lässt mir immer wieder Kummer und Sorgen vergehen. Vergänglichkeit kann auch tröstlich sein. Vorhandener Kummer und Sorgen werden vergehen. Und machen Platz für die schönen Seiten des Lebens. Ich spüre, wie mir schon beim Schreiben dieser Worte Tränen in die Augen steigen, weil mich die Schönheit des Lebens so überwältigt. Was braucht es mehr? Muße, etwas Zeit, vielleicht eben gerade das Bewusstsein der Vergänglichkeit, damit wir das Leben auch genießen können. Ein gutes Buch. Leckere, frische Köstlichkeiten, die uns nähren. Und was ist köstlicher als die Sinne genießen zu lassen? Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen. Etwas Grundlegendes scheint das Bild zunächst nicht zu zeigen: Freunde, Beziehungen, Seelenverwandte. Aber selbst das können diese paar abgebildeten Früchte versinnbildlichen. Jeder Mensch so unterschiedlich wie die Früchte hier und doch vereint. Essen als geselliger Akt. Ein Buch kann man vorlesen. Das Buch des Lebens wird von vielen Menschen mitgeschrieben. Sinnlichkeit zu mehreren genießen. Und so finde ich hier alles vereint, das mich durch dunkle Zeiten trägt. In einem kleinen Bildchen, einem Abdruck von einem Kunstwerk. Danke, Frida Kahlo.

 

Prolog
„Ein Wunder eigentlich, dass du bei all den Doppelbotschaften nicht schizophren geworden bist“, sagt meine Therapeutin in einer unserer Gesprächsrunden.


Gut 5 Jahre später
Urknall – Es fängt an
Bämm, schlagartig öffnen sich meine Augen. Ich bin hellwach, stehe unter Strom. Wieviel Uhr ist es? Zwei Uhr nachts? Was ist los? Ich muss etwas tun… Ich muss etwas tun…Ich muss…Ich stehe auf. Ideen sprießen. Die muss ich jemandem mitteilen. Alle schlafen. Das Internet ist immer wach. Also setze ich mich an den Rechner. Ich stürze mich in Kontakt, zwänge mich auf. Ein Verliebtheitsgefühl macht sich breit in mir. Verliebt in wen? In mich selbst? In die Welt? Zwei Wochen vergehen. Strotzend vor Energie, ein Erleuchtungsgefühl in mir, wenig Schlaf, so weitet sich mein Bewusstsein. Bin sehr aufnahmefähig in dieser Zeit. Rezeptiv. Meine Sinne explodieren. Alles fühlt sich weit an! Meine Poren – weit geöffnet! Ich atme Empfindungen mit meiner Haut. Ich tanke Erlebnisse. Kulturveranstaltungen, Freundesbegegnungen – die Welt ist so schön, so bunt, so vielfältig. Jetzt endlich fängt es an! Jetzt endlich entfalte ich mein Potenzial, bin ich wirklich ich!

Es entwickelt sich
Gleichzeitig wächst Wut heran. Wut auf die Vergangenheit. Die vielen Jahre der Unterdrückung und Überanpassung. Der Unfähigkeit, für mich selbst einzustehen. Was haben die mit mir gemacht? Was habe ich mit mir machen lassen? Mein Partner kriegt es jetzt ab. Berechtigtes wie auch Unberechtigtes. Endlose Diskussionen. Klärungsbedarf.
Irgendwie muss ich das alles rauslassen. Ich schreibe und schreibe. Kleine glossenartige Abschnitte. Gedichte, Hörspielideen für Skripte, auch Skizzen für Bilder kommen. Ich komme gar nicht mit mit dem Schreiben. Meine Gedanken rasen zu schnell für meine Finger. Meine Schrift wird fahrig. Habe immer eine Kladde dabei.
Es gibt eine Instanz in mir, die macht sich Sorgen. Die sieht, dass ich zu wenig Schlaf habe, dass er nicht gesund ist, der Rhythmus, den ich jetzt habe. Ich gehe zur Beratung. Sprühend vor Energie und wohl durchaus auch Charme erzähle ich von mir. Unternehme Versuche, die Kräfte in mir auszubalancieren. Nicht genug. Nicht ernsthaft genug. Es fühlt sich zu schön an!
Immer mehr Anteile in mir machen sich bemerkbar. Mein inneres Team wächst und jeder fordert seinen Platz. Viele Gespräche auch mit meinem inneren Kind. Es wächst, es wird groß, auf einmal sitze ich mir selbst auf dem Schoß. Jetzt ist aber Schluss! Steh für dich selber! Sage ich der großen Kleinen. Du kannst das nämlich! Zum Glück habe ich auch einen starken Therapeutinnenanteil in mir. Ich therapiere mich selber. Das geht. In langsamen Schritten. Aber es geht. Es gibt Punkte, die beginnen zu heilen. Ich söhne mich mit einigen hinderlichen, alten Glaubenssätzen aus: mit mir selbst, mit meiner Familiengeschichte, mit meinen Eltern – das hat positive Auswirkungen in meinem realen Leben bis heute.

Es kippt
Mein Neues Ich bläht sich auf. Erst spüre ich nur die Blicke beim Einkaufen. Dann auch, wenn ich aus dem Haus gehe. Überall stehen sie und interessieren sich für MICH. Mit Handys halten sie Kontakt. Machen Fotos, verständigen sich darüber, wohin ich gehe, was ich tue. Kameras überall. Ich fange an, Haken zu schlagen.
Von klein auf habe ich gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen, nonverbale Signale zu deuten, Bildsprache zu verstehen. Jetzt wendet sich dieses Können gegen mich. Die Bildsprache entwickelt ein Eigenleben. Alles ist ein Bild für Alles, ist ein Bild für MICH. Es geht um mich, immer nur um mich. Explodierende Kerne in Fukushima? Ein Bild für mein Innenleben. Rebellen gegen Gaddafi? Rebellen gegen mich. Auch in der U-Bahn und im Großraumbüro wird es laut. Ich kann die Gespräche der anderen nicht mehr ausblenden. Nicht mit Logik wegerklären. Was wollen die alle von mir? Mich erziehen? Mir gar helfen? Wer will mich jetzt erziehen? Wer ist der Regisseur? Wer ist Freund, wer ist Feind? Haha, ich trickse euch alle aus! Ihr kriegt mich nicht, ihr kriegt mich nicht! Meine Gefühle kämpfen gegen meinen Verstand. Da tobt der Sturm.

Es spitzt sich zu
Wem kann ich noch trauen? Wo fühl ich mich sicher? Ich ziehe mich zurück. Düsternis kommt über mich. Verschwörungstheorien überall. Verschlüsselte Verständigung. Können die gar meine Gedanken lesen? Was wollen die von mir? Ich darf nichts mehr aufschreiben, möglichst auch nichts denken. Muss mich dicht machen. Unverletzbar.
Ich werde immer verzweifelter. Sehe kaum noch einen Ausweg. Fühle mich meistens elend. Weiß nicht mehr, wohin mit mir. Zwanghafte Suizidvisionen. Alles in mir wehrt sich dagegen. Ich will leben, ich will leben!
Manchmal streicheln mich die Stimmen aus der Umwelt. Flüstern mir gute Gedanken zu. Trösten mich. Machen mir Mut. Schließlich sagen sie mir wohlmeinend: Geh zum Arzt…geh zum Arzt… Der Gedanke setzt sich fest. Schließlich bekomme ich es auch ganz direkt an mich gerichtet von wohlmeinenden Menschen gesagt. Ich mache einen Termin. DREI Monate Wartezeit! Irgendwie überbrücke ich diese Zeit. Gehe immer weiter zur Arbeit. Mir fehlt ja nichts. Ich werd mich nur mal durchchecken lassen. Vielleicht verschreibt er mir ein Medikament, wenn es sein muss, damit ich wieder fröhlicher bin.

Krank!
„Ich glaube, Sie haben eine Psychose. Ich schreibe Sie dann mal krank“, sagt die Ärztin. Ich falle aus allen Wolken. Krank? So ein Quatsch. Mir fehlt doch nichts! Seit fast einem Jahr geht es mir so, und ich konnte immer arbeiten gehen. Die soll mir ein Medikament verschreiben, und gut ist.
„Sie sollten in eine Klinik gehen. Dort wird es besser werden.“
Eine Klinik…na, toll. Mit lauter Hirnis, was soll ich da? Und dann auch noch Schulmedizin. Die wissen doch gar nicht, was gut ist. Und auf den Spirit achten die schon gar nicht.
Ich gehe in die Klinik. Um Ostern herum, ein Jahr, nachdem es angefangen hat. Es ist Urlaubszeit. Nur notdürftige Versorgung. Kaum Beschäftigung. Wenig Ansprache. Gibt es hier keine Therapeuten? Wofür bin ich hier? Das Schlimmste ist der Geruch. Und das Heimweh.
Hier, von denen, will ich keine Medikamente nehmen. Das wird in einer Weise respektiert, die mir deutlich macht, dass man mich zur Einwilligung in eine medikamentöse Behandlung bringen will. Die Stimmen werden wieder ungnädiger. Tuscheln. Selektive Wahrnehmung mischt sich mit meinen Gedanken. Was will die hier? Die gehört nicht hierher! Die hat doch nix. Die Depressiven rotten sich zusammen. Ich werde blöd von der Seite angemacht. Nach ein paar ineffektiven Wochen halte ich es nicht mehr aus und entlasse mich selbst. Hier und so finde ich keine Heilung.
Was jetzt? Eine Tagesklinik soll die Lösung sein. Eine kurze Zeit geht es hier besser. Dann, nach einem Wochenendausflug, liege ich endlich völlig am Boden. Ich gebe jede Gegenwehr auf. Macht mit mir, was ihr wollt. Gebt mir Tabletten. Ich will nur, dass es endlich aufhört mit dieser Quälerei. Ich will, dass es besser wird!
Zurück in den stationären Aufenthalt. Diesmal endlich mit etwas mehr Behandlung. Kurze Gespräche, medikamentöse Einstellung, Ergotherapie (eher spärliches Angebot in engen, überfüllten Räumen), Höhepunkt ist die wöchentliche Tanztherapie. Auch Trommeln darf ich ein paar Mal gehen. Die meiste Zeit verbringe ich vor dem kleinen Aquarium oder bei den Rauchern am Eingang, um nicht so alleine zu sein. Mein Partner besucht mich jeden Tag nach der Arbeit. Das ist mein absolutes Highlight. Andere Kontakte lasse ich kaum zu. Dies ist kein Ort für gemütliche Treffen. Außerdem sind die meisten meiner Freunde unsicher im Umgang mit mir und brauchen nach all der Aufregung erstmal eine Pause.

Abwarten
Eigentlich ist alles hier nur ein Ausharren und Warten, dass es besser wird. Reizarmut hilft dabei. Mein Partner ist froh und erleichtert, mich sicher untergebracht und auf mich aufgepasst zu wissen. Fürs Lesen bin ich noch zu flirrig, kann mich nicht konzentrieren. Fernsehen gibt es nur im Gemeinschaftsraum. Scheißprogramm! Die Zeit zieht sich.
Die Medikamente schlagen endlich an. Es wird besser. Die Gedanken beruhigen sich, kommen fast zum Stillstand. Ich werde langsam und schläfrig. Ich, eine begeisterte Esserin, habe Ekel vor Essen und nehme rapide ab. Hab ich früher nur von geträumt. Jetzt macht mir das Tempo Angst. Will außerdem nur noch schlafen.
Schließlich hält man mich für bereit für den Übergang in die Tagesklinik. Hier hocken die Insassen viel aufeinander und mein Rückzugs- und Schlafbedürfnis überwiegen, also gehe ich meistens in den Ruheraum und döse auf dem Schlafsessel vor mich hin. Das missfällt den Schwestern hier. Ich bekomme neue Medikamente. Diese wirken bald besser. Das Schlafbedürfnis sinkt. Ich setze mich zu den anderen und lausche deren Unterhaltungen. Keiner so richtig auf meiner Wellenlänge, keine verwandte Seele in Sicht.
Nach und nach entstehen einige, wenige, lose Bekanntschaften. Eher Sympathien. Immerhin gibt es noch heute losen Kontakt. Zarte Annäherungen. Ich gebe mir Mühe, mich an gemeinschaftlichen Aktivitäten zu beteiligen. Das fiel mir schon immer schwer. Ist nicht leichter geworden. Richtig ätzend ist das zweiwöchentliche gemeinsame Kochen.
Acht Monate nach der Diagnose hält man mich endlich für so weit, dass ich die Tagesklinik verlassen kann.

Zurück ins Leben
Wie soll es nun weitergehen? Ich hänge in der Luft. Mein befristeter Anstellungsvertrag ist vor drei Monaten ausgelaufen. Ich hatte keine Kraft, um mein Recht auf Festanstellung nach vier Jahren zu kämpfen. Zu einer anderen Wiedereingliederungsmaßnahme kann ich mich nicht entschließen. Ich habe unfassbares Glück! Kaum bin ich entlassen, meldet sich eine Freundin mit einem Jobangebot aus ihrer Firma. Diese Firma ist Dienstleister für meine alte Firma, sodass ich sogar an den alten Ort zurückkehren kann, nur in eine andere Abteilung. Eine Halbtagsstelle im Büro – das werde ich wohl wuppen. Auch ohne Wiedereingliederung.
Es wird hart. Sehr hart! Niemand außer meiner Freundin weiß hier von meiner Vorgeschichte. Leistung wird verlangt und ich stehe medikamentenbedingt auf einer Leitung, die länger als üblich ist. Eine ungünstige, arbeitsreiche Phase als Einstieg. Alle sind voll beschäftigt. Mit Fragen weiterzukommen, gehört zur Firmenphilosophie. Wer fragt, gewinnt… Ich komme mit Fragen kaum weiter. Fahrige, unvollständige Erklärungen. Ungeduld. Vorwürfe. „Du hast schon wieder…“ Einer Kollegin passt aus irgendwelchen Gründen meine Nase nicht. Ihr Tonfall und ihre Umgangsform grenzen an Mobbing. Mein ohnehin nicht sehr großes Aggressivitätspotenzial wird durch die Medikamente noch mehr gedeckelt. Ich habe nichts entgegen zu setzen, nur mein Durchhaltevermögen. Meine Freundin schwankt zwischen Misstrauen in meine Wahrnehmung und eigener Wahrnehmung des hohen Aggressivitätsgrades meiner Kollegin. Ihr eigenes Erkennen der Situation gewinnt. Sie versucht zu vermitteln. Ein erster Schritt für mich, auch wieder mehr Vertrauen in die Richtigkeit meiner eigenen Wahrnehmung zu fassen.
Irgendwann bin ich schließlich doch eingearbeitet, erledige meine Arbeit angemessen und zuverlässig. Kommunikation und Integration in das Team fallen weiter schwer. Wieder kommt mir das Glück entgegen: die aggressive Kollegin verlässt das Unternehmen. Jetzt geht es aufwärts. Entfristung meines Vertrages, Aufstockung der Stundenzahl auf meinen Wunsch. Ich kann mich etwas mehr für Kommunikation im Team öffnen, muss nicht mehr so viel Energie in Selbstschutz investieren. Erstes Vertrauen kommt mir entgegen. Und auch Zutrauen. Mir werden verantwortungsvollere Aufgaben übergeben.

Ein Schritt nach vorn
Vier Jahre vergehen. Mein Vertrauen in mich und meine Wahrnehmung/Intuition wächst. Meine Dankbarkeit für das schlichte, leistungsfähige Funktionieren im Alltag wandelt sich nach und nach zum Wunsch, wieder einen Schritt nach vorne zu machen. Meine Lebensträume wieder aufzunehmen und zu verfolgen. Die Grunddankbarkeit für das (Wieder-? Neue?)Einssein von Körper, Gefühlen und Verstand bleibt.
Schließlich ergibt es sich, eher zufällig, aus einer Unterhaltung heraus, dass ich beginne, meine früher begonnene Ausbildung zur Selbsterfahrung und -entfaltung wiederaufzunehmen. Natürlich macht mir das auch Angst, denn damit fing alles an: Dass ich den Turbogang in meiner Entwicklung einlegen wollte, immer mehr als in die Vollen gegangen bin. Ich muss gut auf mich achten. Auch Partner und Freunde schauen besorgt, aber mein Drang, meinen Traum zu leben, ist größer. Und: an der Angst geht´s lang, das habe ich in der Therapie gelernt. Alles andere ist Vermeidung und Minderung der Lebensenergie, nacktes Überleben. Ich gebe gut auf mich Acht in der kommenden Zeit und frage auch mein Umfeld nach Alarmzeichen. Es geht alles gut! Meine Haltung hat sich verändert. Kein Turbogang mehr, bitte.

Heilung
Ich könnte weinen, so schön ist es! Ich habe meine Heilung gesehen! Während einer Meditation, die eigentlich auf ein anderes Thema zielte, bekam ich es ganz deutlich vor Augen. Und konnte es auch spüren. So schön, so schön! Ich nehme ein Ich wahr, ein gesundes, kleines Ich, das eine konkrete Form annimmt, nicht mehr nur so durch die Gegend wabert. Ehe man sich von einem Ich lösen kann, muss es ja überhaupt erstmal da sein. Da ist meine Entwicklung etwas gegenläufig zu der der anderen. Das ist mein Weg. Freude erfüllt mich und Zuversicht. Dafür war diese Episode also gut. Mein Energielevel steigt an. Eine Veranlagung zur Überstrapazierung meiner Nervenbahnen scheint in mir vorhanden zu sein, jetzt heißt es: Ruhe bewahren! Sich Zeit lassen. KEINEN Turbogang einlegen. Mit den Füßen auf der Erde bleiben und einfach bewusst genießen, was da kommt.
Hoffen wir das Beste!

Nachwort
Das ist mein Versuch, den Ablauf dieser Episode einigermaßen strukturiert nachzuvollziehen und zu rekapitulieren. In Wirklichkeit fand vieles parallel und auf vielen verschiedenen Ebenen statt.
Ich gebe es zu, ich bin überwiegend Materialistin. Ich glaube, dass so ziemlich das meiste sich in irgendwelchen Zellen abspielt und mit einem Begriff versehen werden kann. Feinstofflichkeit, meinetwegen. Mit Neurowissenschaften lässt sich bestimmt vieles begründen, was sich in mir abgespielt hat. Aber ich bin keine Neurowissenschaftlerin. Ich kann nur aus meiner Sicht sprechen und habe für mich wahrgenommen, dass eine Art Umprogrammierung von Nervenbahnen und –zellen innerlich spürbar stattgefunden hat. Reinigende Blitzlichtgewitter im Gehirn. Das explosionsartige Abplatzen einer Panzerung, ein starker Entwicklungsschub. Das habe ich hier nur schwer darstellen können. Aber ich möchte es nicht unerwähnt lassen. Und doch… und doch… ein Funke Glauben an das Höhere ist noch da. Wie setzt sich das Bewusstsein zusammen? Was macht das Wunder des Lebens aus? Wer kann das schon vollkommen abschließend sagen? Irgendetwas ist da. „I want to believe…“
Heute sehe ich diese Zeit als sehr schmerzhafte, wenn auch zum Teil unterhaltsame und anregende, Integrationsphase der initiierten Persönlichkeitsentwicklung an. Themen und Glaubenssätze, an denen ich sonst vielleicht ein Leben lang schwer zu knabbern gehabt hätte, haben sich aufgelöst oder sehr gelockert. Ich bin dankbar, es erlebt, es überlebt zu haben. Der Turbogang hat gewirkt. Aber er ist sehr risikoreich. Die eigenen Grenzen kennen, auch mal zu achten und nicht ständig zu überschreiten. Respekt vor sich selber und für das eigene Tempo zu haben. Das Ich nicht nur abwertend zu sehen als etwas, das man auflösen sollte, sondern auch als einen kostbaren Schatz, der uns zu Individuen macht und zu unserem Bestehen in dieser Welt befähigt. Nicht zu groß und nicht zu klein. Persönlichkeitsanteile in sich wahrnehmen und ihnen einen Platz zugestehen. Sie nicht ausblenden oder gar ausreißen wollen. Balance halten. Pausen einlegen. Das habe ich daraus mitgenommen.

Fragt man mich heute, wie es mir geht, kann ich vor mir selber eingestehen, ehe ich eine „normal“ verkraftbare Antwort gebe: Den meisten von mir geht´s gut, danke!

Stand 22.10.2015

Vor kurzem habe ich in einem unserer unternehmensinternen Blogs einen Artikel gelesen, in dem die Autorin beiläufig und unter anderem wohl als Auflockerung gemeinte „Quality Time“ mit ihrem Kind erwähnte. Drumherum war der Text gespickt mit Leistungsdenken, sodass auch hier die Konnotation „mit Aktion sinnvoll gefüllte Zeit“ nahe lag, jedenfalls bei mir. Das hat mal wieder bei mir angeeckt.
Ja, ich finde es auch super und genieße es sehr, mit Aktion sinnvoll gefüllte Zeit mit Theater, Kino, Museum, Gesellschaftsspielen etc. zu verbringen. Aber ich finde es auch super – ich finde es sogar unerlässlich – einfach Muße zu haben. Sein zu dürfen und die Gedanken schweifen zu lassen. Sinnvoll mit Leere gefüllte Zeit. In diesem Sinne fiel mir mein Lieblings-Mr-Toast-Clip ein, den ich hier gerne mit Euch teilen möchte. 🙂

20.1.2016

Ich glaube, heute Morgen habe ich Hirnwurst gefrühstückt. Jedenfalls kringelt sie sich durch meinen Kopf.
Ich schaffe es nicht, mich energetisch aufzuladen, fühle mich zu schwach. Da kommen die Hirnwürste, ganz alte, wieder zum Vorschein. Gut abgehangen, knüppelhart, kann man sie eigentlich höchstens in hauchdünnen Scheiben genießen. Mir baumeln sie aber komplett um die Ohren und knüppeln auf mich ein.
Ein uraltes Bild taucht vor meinem inneren Auge auf. Heute kann ich mich nur schwer dagegen wehren. Ich, als kleines Mädchen, ungefähr drei Jahre alt, sitze in einem Zug, allein. Nur mit meinem Kuscheltier. Es ist kein echter Zug. Er ist aus Holz und steht auf der Spielwiese meines Kindergartens. Um mich herum toben und spielen die anderen Kinder. Dieser Zug ist uninteressant für sie. Er bewegt sich nicht. Sie bewegen sich lieber selber. Darum ist er für mich genau richtig. Eine Insel, Symbol für mein Mich-weit-weg-Wünschen, hilft er mir über meine Sprachlosigkeit und Starre hinweg.
Die habe ich mir selber auferlegt. Wenn ich gar nichts sage, kann „es“ auch nicht aus mir herauskommen. Ich soll nämlich nichts davon erzählen. Von dem, das ich nicht verstehe zuhause. Bestimmt hat mir jemand versucht zu erklären, dass es dem Papa ganz, ganz schlecht gehe. Dass man ihn nicht stören dürfe. Dass er in den Beinen kein Gefühl mehr hätte und deshalb nicht merken könne, wenn man ihm Legosteine in die Schuhe tue.
Wirklich konkret erinnern kann ich mich nur an eines – wie mir eingetrichtert wird, was ich zu sagen habe, wenn mich jemand fragt, wie es ihm gehe: „Den Umständen entsprechend.“ Ich verstehe diesen Satz nicht. Ich weiß nicht, was „Umstände“ sind. Ich frage nicht nach. Ich sehe ihren Kummer. Und höre auf zu sprechen. Unbemerkt von meiner Familie.
„Christina hat heute wieder ihren Mund zuhause vergessen“, scherzen die Kindergärtnerinnen oft morgens mit mir. Darüber muss ich immer kichern. Und mir prüfend ins Gesicht fassen.
Sprechen tue ich noch, aber nur das Nötigste, mit Menschen, die „die Umstände“ kennen, um ein braves Kind zu sein. Ansonsten nur im Spiel mit mir selbst. Leise. „Die Umstände“ sind unaussprechlich.
Nun sehe ich mich also in diesem Zug. Ein kleines Mädchen, das darauf wartet, dass er endlich losfährt. Zur Abreise bereit.
***
Irgendwie schaffe ich es doch noch aufzustehen, zu duschen, mich anzuziehen und zur Arbeit zu gehen. Thank God it´s Friday!
Nehme zaghaft Verbindung zu den Menschen in meiner Umgebung auf. Komme langsam aus meinem Selbstmitleidssumpf heraus. Kann mich von dem Bild lösen.
Liebevoll auf dieses kleine Mädchen schauen und ihm sagen: „Ich bin da für dich, bei mir brauchst du nichts zu sagen, ich weiß es schon alles. Bei mir darfst du einfach sein“. Und mir wird klar, der Zug bin ich.

Auslagenanguck
Wortezurechtleg
Herzklopfen, innerer Tritt in den Hintern, Schubs nach vorn
-jetzt sag´s halt-
„Äh, haben Sie eventuell auch diesen quadratischen Schoko-Baiser-Kuchen da?“
Verkäuferin stutzt kurz, geht in den Nebenraum, kommt mit einer Scheibe des genau richtigen Gebäcks wieder.
Sie hat verstanden, was ich gemeint habe! Ich habe mich mit einer Frage zugemutet! Und Erfolg gehabt.
-Aha, so geht das also…-
Freu

29.11.2015

…sehr merkwürdig… Mein Blick zurück, der mich zur Neubestückung dieses Blogs gebracht hat, ist gleichzeitig ein Blick und ein Schritt nach vorn… Sollte ich etwa im Kreis wandeln, ohne es zu merken? Hm, vielleicht ist es auch nur eine neue Windung in der Spirale der Entwicklung mit Ausblick auf vorherige Windungen? Wäre ja schön und wünschenswert… Ich weiß es nicht. Mal wieder das liebe Nicht-Wissen. Vertrauen haben in den Weg.
***
Ich mach jetzt einfach mal und streue neueres Geschreibsel in den bisherigen eher chronologischen Fluss. In der Hoffnung, dass es nicht allzu sehr verwirrt. Mal sehen, was passiert…